Vor ein paar Jahren besuchte ich mit meinem kleinen Sohn die Tate Modern in London. Alle Eltern können ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, mit einem kleinen Kind im Schlepptau eine Kunstausstellung zu besuchen. Aber Kieran, der damals fünf war, hatte zuletzt sehr fantasievolle Bilder gemalt. Als wir am Eingang einer Surrealismus-Retrospektive standen, schlug ich ihm deshalb vor, sich diese Bilder einmal anzusehen. "Das ist richtig seltsames Zeug", sagte ich, um es ihm schmackhaft zu machen. "Vielleicht kannst du ein paar Ideen mitnehmen." Kieran sah mich nur missbilligend an: "Dann würde ich ja kopieren."

Diese Geschichte kam mir vor Kurzem wieder in den Sinn, als ich mich durch eine Flut neuer Artikel, Blog-Kolumnen und Bücher kämpfte, die die Praxis des künstlerischen Diebstahls feiern. Im Gegensatz zu Kierans offenbar instinktiver Ablehnung der Mimesis behauptet eine wachsende Gruppe von Kritikern, Theoretikern, Autoren und Künstlern, dass die Techniken der Aneignung und des Zitats schon im kreativen Prozess angelegt sind. Die Konzepte der Originalität und der Innovation seien nicht nur obsolet, sondern immer schon Mythen gewesen.

Die bekanntesten Anhänger dessen, was man als "Rekreativität" bezeichnen könnte, heißen Jonathan Lethem und David Shields. Beide haben Manifeste veröffentlicht – The Ecstasy of Influence und Reality Hunger. Ein Manifest –, in denen sie ihre Ideen gleich in die Praxis umsetzen, da beide Texte fast vollständig aus Zitaten bestehen. Und in diesem Sommer hat sich ein weiterer gefeierter Schriftsteller, Tom McCarthy, mit seinem E-Book Transmission and The Individual Remix in die Auseinandersetzung eingeschaltet. Aus den Universitäten kommen Einmischungen in Buchlänge, wie Uncreative Writing von Kenneth Goldsmith und In Praise of Copying von Marcus Boon. Der Kunsttheoretiker Nicholas Bourriaud hat den alten Debatten um Aneignung und Readymade-Kunst mit seinem Konzept einer Kunst der Postproduktion eine neue Wendung gegeben.

Der Künstler als Kurator

Die Titel vieler dieser Polemiken spielen auf die DJ-Kultur an: Mark Amerikas remixthebook, Kirby Fergusons Video-Essays und Webseite Everything Is A Remix oder Aram Sinnreichs Mashed Up. Remix und Mash-up sind gängige und schon etwas abgenutzte Begriffe in der Dance-Kultur, aber in Kritikerkreisen sind sie groß in Mode, weil sie etwas Wesentliches der Cut-and-Paste-Mentalität zu beschreiben scheinen, die durch die digitale Kultur gefördert wird. Genauso hat die Funktion des Internets als gigantisches Archiv von Bildern, Klängen, Texten und Design ein Verständnis des Künstlers als Kurator unterstützt, als jemandem, dessen grundsätzlicher Arbeitsmodus das Rekontextualisieren und das Schaffen von Verbindungen beinhaltet.

Dies wäre als neutrale Beschreibung des derzeitigen Stands der Technik in sehr vielen Bereichen zutreffend. Doch der Rekreativitätsverein engagiert sich nicht nur für diese Praktiken, er geht noch weiter und stellen große Behauptungen auf. In Creative License: The Law and Culture of Digital Sampling zitieren die Autoren Kembrew McLeod und Peter Dicola diese Behauptung des DJs Matt Black: "Menschen sind lediglich Sampling-Maschinen (...) so lernen wir zu malen und Musik zu machen".

In einem Kommentar für das amerikanische National Public Radio hat sich Alva Noë mit Plagiarismusängsten im Zeitalter von Cut-and-Paste beschäftigt und das Zitat als künstlerische Praxis verteidigt. Doch statt es dabei zu belassen, behauptet er: "Sampling ist nichts Neues, weder in der Kunst, noch im Leben (...) Die Evolution, ob in Biologie, Technologie oder Kultur, ist immer nur eine Umschichtung alter Mittel in neuen Situationen. Wir nutzen das Alte, um das Neue zu schaffen, und das Neue ist immer schon alt."

Hat wirklich noch niemand Neues geschaffen?

Eine ganz ähnliche Idee findet sich in Austin Kleons Steal Like An Artist, einer Art Selbsthilfehandbuch für moderne Kreative. Kleon beginnt mit "jede neue Idee ist nur ein Mash-up oder ein Remix von einer oder mehreren älteren Ideen" und behauptet bald, "du bist die Summe deiner Einflüsse" und "du bist ein Remix deiner Mama und deines Papas".

Rekreativität hat viele Anhänger, und es gibt ein breites Spektrum an Meinungen. Dennoch ist es auffallend, wie leicht viele dieser Kritiker und Theoretiker von relativ vernünftigen Aussagen über die Rolle von Aneignung und Anspielung in der Kunst hin zu Pauschalbehauptungen ontologischer oder biologischer Natur kommen. Sie wirken so von der Sache überzeugt. Wie können sie mit Sicherheit wissen, dass noch nie jemand eine neue Idee entwickelt hat, komplett ex nihilo?

Rekreativität, oder die Idee, dass alles auf dieser Erde ein Remix ist (und niemals neu), ist zu einem Glaubensgrundsatz geworden. Diese nicht zu beweisenden Thesen sagen viel mehr über unsere derzeitigen Denkhorizonte und die verzwickte Lage der Kultur aus, als über das Wesen der Kreativität oder die Geschichte der Kunst.

Die Plattitüden des Rekreativitätsvereins

In Steal Like An Artist zitiert Kleon zustimmend Jonathan Lethems Behauptung, "wenn jemand etwas 'originär' nennt, kennt er in neun von zehn Fällen bloß nicht die verwendeten Bezüge oder Quellen". Das ist nur eine von vielen in Rekreativitätskreisen oft zitierten Plattitüden. Andere sind etwa "wir alle stehen auf den Schultern von Riesen" und das immer gern verwendete "Talent leiht aus, Genie stiehlt", das in vielen verschiedenen Varianten daherkommt und einer ganzen Reihe von Dichtern und Malern zugeschrieben wird.

Die Gewichtung dieser Maxime hat sich jedoch verschoben. Früher pries man damit die Fähigkeit des Künstlers, etwas zu nehmen und zu seinem oder ihrem Eigenen zu machen, dadurch praktisch den Ursprung auszulöschen und es zu einer weitere Facette der eigenen glänzenden Originalität zu machen. Im Gegensatz dazu lässt einen der vorsichtige Handwerker, auch bekannt als reines Talent, nie die Quelle vergessen, und glänzt letztlich nur durch die Nähe zur Quelle. Heute ist der Sinn von "Genie stiehlt" ein anderer: Es soll uns schon gegenüber der Idee eines genialen Künstlers skeptisch stimmen, der genau wie alle anderen vermeintlich auch nur seine Ideen stibitzt.

Sicherlich ist es richtig, dass das Konzept des Genies, wie es Edward Young 1759 in Gedanken über die Originalwerke formulierte, heute aus der Mode gekommen ist. Wissenschaftler, die die Rolle des Kontextes und den Einfluss zeitgenössischer Kollegen betonen wollten, haben von verschiedenen Seiten daran gekratzt. Was als individueller Durchbruch erscheint, sei eigentlich das Ergebnis kollektiver Prozesse.

Die mit Bewusstsein ausgestattete Suchmaschine

Heute neigt man dazu, die romantische Idee vom visionären Künstler, aus dem die Inspiration heraussprudelt, ob nun aus seinem tiefen Inneren oder von einem transzendenten und mysteriösen Ort, als veraltet und unoriginell abzutun. Ganz explizit wird dieser Mythos von der Rekreativitätsexpertin Marjorie Perloff in ihrem Buch Unoriginal Genius angegriffen, in dem sie das Schreiben als "Bewegen von Informationen" neufasst. Andere Rekreativitätsvertreter charakterisieren den Künstler oder Schriftsteller als Filter, als eine Art "mit Bewusstsein ausgestattete Suchmaschine" (um Baudelaires Bild des Künstlers als mit Bewusstsein begabtes Kaleidoskop zu modernisieren).

Man muss kein antiquierter Romantiker oder altmodischer Modernist des frühen 20. Jahrhunderts sein, um diese Input/Output-Version der Kreativität unattraktiv zu finden. Der wahre Künstler ist nämlich nicht nur ein Bildschirm für die Übermittlung von Informationsflüssen, für Querverweise auf Quellen und Koordinaten. Er oder sie ist ein trübes Prisma, durch das sensorische Erfahrung und kulturelle Stimuli gebrochen werden. Was das Rekreativitätsmodell außen vor lässt, ist der Körper: der Künstler als physisches Wesen, als jemand, dessen Leben und persönliche Geschichte ihn mit einer einzigartigen Kombination von Sehnsüchten und Abneigungen geprägt hat.

Dann ist da noch das kleine Problem des Willens: von innen steigt dieser zutiefst unegalitäre Drang auf, herauszustechen, sich gegen die Anonymität und den Tod durchzusetzen. Dieser Aspekt der Verkörperung und des Egos wird in der digitalen Kultur, die dazu neigt, uns auf das Textliche zu reduzieren, zu einem Empfänger/Sender von Daten, einem Knoten im Netzwerk degradiert. All das kommt mir vor wie eine historische Beschränktheit. Ich bin solchen Versuchen gegenüber skeptisch, die als Teil des unveränderlichen menschlichen Wesens und der biologischen Realität verewigen und naturalisieren wollen, was tatsächlich historisch spezifische Technologien und kulturelle Praktiken sind. Aber so machen das die Menschen eben: die Vergangenheit nach dem Bild der Gegenwart umarbeiten.

Der Innovationsglaube treibt Entwicklung an

Nehmen wir trotzdem für einen Augenblick an, dass die Rekreativitätsgläubigen recht haben: dass Innovation eine obsolete und nutzlose Idee ist und dass das kuratorische, informationsbasierte Modell der Kunst viel zutreffender ist. Vor ein paar Jahren twitterte William Gibson (wie Lethem ein auf den ersten Blick ausgesprochen origineller und innovativer Autor), dass "weniger kreative Menschen an 'Originalität' und 'Innovation' glauben, zwei prinzipiell irreführende, aber kulturell sehr mächtige Konzepte". Was Gibson hier als falsches Bewusstsein charakterisiert, ist die Einstellung, die alles vom Modernismus des 20. Jahrhunderts bis zu den dynamischsten und innovativsten Epochen der Popmusik angetrieben hat (Nachkriegs-Jazz, Psychedelia in den Sechzigern, Postpunk, Rave in den Neunzigern).

Sogar heute gibt es Hinweise darauf, dass Künstler, Autoren und Musiker, die in dem Irrglauben arbeiten, man könne noch etwas ganz Neues erfinden, genau das viel eher versuchen – und deshalb bessere Chancen haben, es zu erreichen. Vielleicht wäre es besser, wenn wir weiterhin "fehlgeleitet" wären! Die sich verbreitende Ideologie der Rekreativität dagegen legitimiert nicht nur faules, parasitäres Arbeiten, sondern fordert aktiv dazu auf, indem es diese Form des Arbeitens als cool, zeitgemäß und irgendwie fortschrittlicher darstellt als den kleinbürgerlichen Glauben an die Innovation. Das Rekreativitätsgerede ist Propaganda dafür, sich nicht richtig anzustrengen.

Auf den Schultern von Riesen

Es ist zudem, ganz im Inneren, eine Art Trost für die Angst vor der Überbeeinflussung, diese schleichende Furcht, nichts eigenes anzubieten zu haben. Der Reiz des "auf den Schultern von Riesen"-Arguments besteht zum Teil darin, dass es die Giganten kleiner erscheinen lässt: Die Leistungen eines großen Komponisten oder einer großartigen Band (so wie Led Zeppelin, eine Zielscheibe von Kirby Ferguson und Everything is a Remix) erscheinen weniger eindrucksvoll, wenn man darauf verweisen kann, wo sie sich bedient und was sie aufgegriffen haben. Das ist eine gleichmachende, pseudo-demokratische Geste.

Verzweiflung über innere Verarmung

Aufzudecken, dass Nabokov den Titel und die Grundzüge des Plots von Lolita von einer 1916 erschienenen Kurzgeschichte des deutschen Autors Heinz von Lichberg entwendet hat, mindert seinen Rang ein wenig, holt ihn auf unsere Stufe hinab. Auch wenn diese Tatsache kaum die überbordende Erfindungskraft der Sprache erklären kann, die Brillanz der Charakterisierung, die ätzend-satirischen Beobachtungen zum Fünfziger-Jahre-Amerika und all die anderen Beweise für Nabokovs, wenn Sie entschuldigen, Genie.

Unter der heiteren Oberfläche des Rekreativitätsgeredes lauert die Verzweiflung über eine Art innerer Verarmung, als mache uns die Masse kulturellen Materials, das wir sammeln und in uns hineinstopfen, in unserem Inneren nur noch leerer und karger. Der mentale Taschenspielertrick bei "Genie stiehlt" ist die syllogistische Folgerung, dass, wer seine Ideen von hier, da und überall zusammenklaut, vielleicht selbst ein Genie ist. Daher kommt Austin Kleons offenes und munteres Bekenntnis (zugleich ein Vorschlag: Probier's doch auch mal, angehender Künstler!), einen "Klauordner" zu haben: "Hast du was gefunden, was sich zu stehlen lohnt? Leg's in den Klauordner. Suchst du Inspiration? Öffne den Klauordner".

Nach dem Stehlen kommt die Kreation

Wenn es doch so einfach wäre! Stehlen und Speichern ist leicht. Der viel schwierigere – und immer noch geheimnisvolle – Schritt ist die Umwandlung des geliehenen Materials. Die Rekreativität hat für diesen Schritt keine Erklärung, für den Teil, an dem das Genie ins Spiel kommt. Es kommt nicht darauf an, dass oder wie gestohlen wird, sondern darauf, was mit dem Gestohlenen angestellt wird: der Dreh, der "etwas neu macht" (um die modernistische Aufforderung Ezra Pounds, "make it new", etwas zu verdrehen, der selbst ein wichtiger Vertreter von Zitat und Anspielung war).

Kennzeichen oder Nachweis des Genies ist nämlich nicht nur das Übermitteln oder Remixen; sondern das Erschaffen von etwas, das andere jetzt oder in Zukunft stehlen wollen.

Übersetzt aus dem Englischen von Tobias Schnettler

Korrekturhinweis: Aufgrund eines Missverständnisses war dieser Text in der Porträtbox als exklusiv für ZEIT ONLINE verfasst bezeichnet worden. Der Text ist aber bereits auf Englisch bei Slate.com erschienen. Dies ist die deutsche Übersetzung. Die Porträtbox wurde entsprechend geändert. Danke an @spielkamp für den Hinweis. Die Redaktion.