Der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim auf der Baustelle der Staatsoper und des künftigen Musikzentrums des West-Eastern Divan Orchestra in Berlin. © Robert Schlesinger/dpa

Wenn man vom Boulevard Unter den Linden kommt, den Bebelplatz überquert, hinter der eingerüsteten Staatsoper links abbiegt und die Hedwigskathedrale umrundet, kann man es gar nicht verfehlen: Es ist das Gebäude neben der riesigen Baugrube. Bis 2010 war es das Kulissenlager des Opernhauses, ab 2015 will der Generalmusikdirektor des Hauses, Daniel Barenboim , hier junge Israelis und Araber empfangen. Um mit ihnen die Meisterwerke von Mozart, Beethoven und Co. einzustudieren – und über den Nahostkonflikt zu diskutieren.

Barenboim-Said-Akademie heißt das ehrgeizige Projekt. Es soll das weltweit erfolgreiche Projekt des West-Eastern-Divan-Orchester auf eine neue Entwicklungsstufe heben.

Selten wurde die Grenzen überwindende Macht der Musik so klangvoll beschworen wie mit dem 1999 gegründeten Jugendorchester. Wer in der Lage ist, gemeinsam Musik zu machen, der ist auch in der Lage, zivilisiert mit Leuten zu streiten, deren Meinung er nicht ist. So haben es sich Daniel Barenboim und sein Freund, der palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said , damals erträumt. Und es hat funktioniert. Jedes Jahr werden der Maestro und seine Schützlinge auf ihren Tourneen bejubelt. Mittlerweile hat das West-Eastern-Divan-Orchester ein derart hohes künstlerisches Niveau erreicht, dass neue, junge Bewerber aus der Region kaum eine Chance haben, aufgenommen zu werden. Für sie wird es künftig in Berlin die Möglichkeit geben, zwei Jahre lang als Stipendiaten der Barenboim-Said-Akademie künstlerisch zu reifen – und menschlich zu wachsen.

So wichtig die Rolle der Musik dabei ist – in erster Linie wird die Barenboim-Said-Akademie als politisches Statement wahrgenommen. Darum stellt Berlin das Grundstück in Toplage zur symbolischen Miete von einem Euro pro Jahr zur Verfügung. Darum haben im Haushaltsausschuss des Bundestages alle Fraktionen zugestimmt, als es darum ging, 20 Millionen Euro für das Projekt zu bewilligen. Weitere acht Millionen Euro hat der Staatsopernchef bereits bei seinen wohlhabenden Freunden auf der ganzen Welt eingesammelt. Mit dieser Summe kann aus dem leeren Magazin nun eine Begegnungsstätte werden.

Über ein schmales Treppenhaus geht es in den ersten Stock, vorbei an gut geheizten Räumen, in denen Architekten und Ingenieure über den Plänen der Staatsopernrenovierung brüten. Einmal im Flur um die Ecke, dann öffnet sich der beeindruckende Blick in den überdachten Innenhof. Fünf Etagen hoch erstreckt sich diese Halle, in deren Mitte noch die alten Lastenaufzüge hängen, mit denen die Bühnendekorationen in die Lagerräume gefahren wurden. Im südlichen Teil des breiten Gebäuderiegels werden die Proben- und Unterrichtsräume der Akademie liegen, den nördlichen dagegen will Barenboim vollständig entkernen lassen: Damit dort ein Konzertsaal Platz hat.

Frank Gehry , einer der gefragtesten Architekten der Welt, hat schon Skizzen dafür geliefert. Fast 15 Meter hoch wird der Saal sein, bis zu 700 Personen fassen. Wobei das Parkett variabel gestaltet ist: Je nach Anforderungen der Aufführung können sich an diversen Stellen Podien für Musiker oder Publikum erheben. Bis zum Mai kommenden Jahres solle die Planungsphase abgeschlossen sein, für den 2. Januar 2014 ist der Baubeginn geplant. Betreten wird man den Saal übrigens durch einen neuen Eingang auf der Schauseite des Gebäudes, nämlich an der Französischen Straße, wo Abgüsse von Schinkel-Skulpturen aus dem Park Sanssouci die Fassade krönen. Im Dachgeschoss schließlich soll der von Barenboim gegründete Musik-Kindergarten einziehen.

Berlin erhält also einen neuen Konzertsaal – in den sich auch andere Veranstalter einmieten können, wie Michael Naumann hinzufügt, der frühere Kulturstaatsminister, den Barenboim als Geschäftsführer der Akademie gewinnen konnte. Und der Maestro kommt ein gutes Stück voran als beharrlicher privater Vermittler im Nahostkonflikt. Der auf Englisch abgehaltene Unterricht für die bis zu 80 Studierenden wird nämlich zwei Schwerpunkte haben: In der "Schule des Hörens" geht es um die Musik, in der "Schule des Zuhörens" um das Leben, um Zeitgeschichte, menschliches Miteinander und humanistische Werte. Barenboim selbst will es sich zur Aufgabe machen, den jungen Leuten zu vermitteln, dass Musik und Philosophie Schwesternkünste sind. Wenn sie nach zwei Jahren in ihre Heimatländer zurückkehren, sollen sie "musikalisch sozialisiert sein". Was in Barenboims Vision bedeutet, dass es für sie selbstverständlich geworden ist, jedermann mit Respekt zu begegnen.

Erschienen im Tagesspiegel