Elliott Carter war auch ein physisches Phänomen. Zum ersten Mal in der Geschichte wird ein Komponist 100 Jahre alt – und schreibt immer noch! Ich kenne keinen großen Komponisten, der so lange gelebt hat, geschweige denn einen, der in so hohem Alter weiter gearbeitet hat. Schon in den siebziger Jahren sprach man über Carters "Spätstil" – und dann ist er in den achtziger Jahren in eine ganz andere Richtung gegangen. In den neunziger Jahren schlägt er mit der Partita , dem ersten Satz seiner Symphonia , in gewissem Sinn wieder eine völlig andere Richtung ein, wobei er bestimmte Elemente beibehält.

Elliott Carter war und bleibt für mich auch ganz persönlich einer der bedeutendsten Komponisten des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts, weil er Substanz repräsentiert. Er war der lebende Beweis kompromissloser, komplexer Musik, und deswegen auf den ersten Blick unzugänglich. Aber wenn man sich vertieft und die Entwicklung sieht, und sich immer weiter mit dieser Musik beschäftigt, gewinnt sie an Zugänglichkeit. Ich glaube, das ist Carters große Lehre: immer hoch konzentriert und ohne Kompromisse die Substanz der Musik im Blick zu haben – und nicht zu versuchen, wie viele Komponisten heute, populistische Züge anzunehmen. Dabei bleibt seine Musik, wie komplex sie auch sein mag, stets "in good humor". Manchmal denke ich mir, wenn Haydn heute leben würde, würde er so komponieren wie Carter es in seinen letzten Jahren getan hat.

Tatsächlich hat Carter den musikalischen Modernismus nach Strawinskys Neoklassizismus erfunden. Ich glaube, er wurde auch deswegen zur Symbolfigur, weil er Amerika und Europa zu verbinden wusste. Ich bin davon überzeugt, dass man in 100 Jahren von Elliott Carter als einer der wichtigsten Figuren der Musikszene in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sprechen wird.

Carter besaß eine unglaubliche Kultur, bezogen auf die Musik und auch darüber hinaus. Er kannte sich hervorragend in der Musikliteratur aus, bei Bruckner und Debussy , bei Strawinsky und Bach und Beethoven und vielen anderen. Dadurch hatte alles, was er sagte, eine Basis. Ich habe den persönlichen Zugang zu ihm durch Gespräche über Richard Wagner bekommen. Als ich Carter zum ersten Mal traf, hatte ich gerade in Bayreuth den Ring dirigiert , und er fing an, die Orchestrierung im Vorspiel zum zweiten Akt des Siegfried zu kommentieren. Er kannte sämtliche Texte – er kannte alles und er hatte ein phänomenales Ohr! Ich kann nur wünschen, dass viele Menschen so ein langes und reiches Leben haben, wie er es hatte – und dass sie dabei immer kreativ bleiben.