Elliott Carter"Er hatte ein phänomenales Ohr!"

Der Dirigent Daniel Barenboim erinnert sich an den amerikanischen Komponisten Elliott Carter. Der zweifache Pulitzerpreisträger war im Alter von 103 Jahren gestorben. von Daniel Barenboim

Elliot Carter (Archiv)

Elliot Carter (Archiv)  |  © Erich Auerbach/Getty Images

Am 5. November 2012 ist mein Freund Elliott Carter im Alter von 103 Jahren in New York verstorben . Für mich war und bleibt er eine der interessanten Figuren der Musikgeschichte des vergangenen Jahrhunderts.

Die historische Wichtigkeit eines Komponisten geht nicht immer Hand in Hand mit seinen Schöpfungen und ihrer Qualität. Bei Carter muss man sehen, woher er kam und wie er auf das reagiert hat, was er vorfand. Angefangen zu komponieren hat er in den dreißiger und vierziger Jahren. Zwischen den fünfziger und siebziger Jahren schrieb er nur sehr wenig – alles hochkomplizierte Sachen. Seit den achtziger Jahren schrieb er viel mehr – und viel weniger kompliziert. Carter kam aus zwei unterschiedlichen Einflusswelten: auf der einen Seite die von Nadia Boulanger, die in Paris einen wirklich sehr konservativen Unterricht gab (ich muss es wissen, ich war auch ihr Schüler, wenngleich 20 Jahre später als Carter). Und auf der anderen Seite arbeitete er an Stücken von Charles Ives, einem Modernisten.

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Die damals tonangebenden amerikanischen Komponisten waren Aaron Copland und Roy Harris. Carter war damals sehr konservativ, wie die amerikanische Musik insgesamt sehr konservativ und wenig avanciert war. Copland hat sie irgendwie in eine andere Richtung getrieben. Für die amerikanische Welt waren in Europa vor allem Strawinsky und Schönberg interessant. Allerdings: nie beide zusammen. Carter hat es geschafft, sie zu vereinen. Über seine Cellosonate schrieb er, der Cellist solle Schönberg spielen, und der Pianist Strawinsky. Carter muss damals eine hoch komplexe Figur gewesen sein. Er hat die unterschiedlichsten Welten zusammengebracht, ohne eine Synthese zu suchen! Das ist es, was ich so phantastisch finde. Er hat sich und seine Musik von beiden Welten gleichzeitig beeinflussen lassen, er hat beide Welten gleichzeitig gelebt. Insofern ist Carter eine wichtige historische Figur.

Auch die Einflüsse auf seine Persönlichkeit außerhalb der Musik waren von einer ungewöhnlichen Mischung: Eisenstein, sein Film Panzerkreuzer Potemkin , James Joyce und Marcel Proust . Normalerweise findet man diese Einflüsse bei keinem Menschen gleichzeitig. Das macht Carter für mich besonders interessant und attraktiv. Dass er sich mit so unterschiedlichen Welten gleichzeitig beschäftigt hat, ist vielleicht auch der Grund für die – um es mit "halb-böser Zunge" zu sagen – unnötige Komplexität in seiner Musik der fünfziger bis siebziger Jahre.

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