Die Emerson-Brüder auf dem Cover ihres Albums "Dreamin' Wild" © Light In The Attic

Als Don Emerson einst vor seiner Farm im äußersten Nordwesten der USA stand, sah er nur sein Land, bis zum Horizont. 500 Hektar bewirtschaftete er am Rande des Reservats der Spokane-Indianer zusammen mit seiner Frau Salina und den Söhnen Donnie und Joe. "Sie waren fleißige Jungs", sagt Don Emerson in einer Filmdokumentation , "aber sie hatten diesen Traum, Musik zu machen". Einen Plattenladen habe es in der kaum 800 Seelen zählenden Kleinstadt Fruitland nie gegeben, erinnert sich Donnie Emerson. "Aber immer, wenn ich mit dem Traktor die Felder bestellte, hörte ich unser Lokalradio KJRB , und träumte von einer Karriere à la Hall & Oates, Smokey Robinson oder Marvin Gaye."

Vater Emerson gab nach, verkaufte fast sein gesamtes Land und schenkte seinen Söhnen ein Musikstudio in einer Holzhütte, nach eigenen Angaben im Wert von rund 100.000 Dollar. Und wer hätte mit so viel Talent gerechnet: In der Abgeschiedenheit des US-Bundesstaates Washington nahmen Donnie und Joe Emerson im Jahre 1979 Tonspur um Tonspur ein Meisterwerk auf und ließen einige Exemplare pressen. Dreamin' Wild hieß es . "Wir dachten", sagt Donnie Emerson und lacht, "irgendwann klingelt das Telefon und ein Plattenboss ist in der Leitung. Aber es rief niemand an."

Die Jahre gingen ins Land. Joe arbeitete weiter auf der Farm und gründete mit Freunden die Postrockband Emerson, Smith & Bischoff. Donnie zog in die Provinzmetropole Spokane eine Autostunde entfernt, heiratete und verdingte sich mit seiner Frau Nancy als Countrymusiker. Mitte der 1990er Jahre schwang sich ihr Hochzeitsschwur True Life zur Hymne unter amerikanischen Brautpaaren auf. Fortan fanden sie ihr Publikum auf Bauernhochzeiten, Country-Festivals oder als Theatermusiker. Ihr gleichnamiges und in Hotelzimmern aufgenommenes Album wurde 1995 gar in Spanien zur besten Platte des Jahres gekürt.

Das Tonstudio der Emersons auf einem Familienfoto von 1980 © Light In The Attic

Bei diesem Ruhm wäre es wohl geblieben. Doch dann entdeckte der Musikliebhaber Jack Fleischer Dreamin' Wild in einem Antiquitätenladen in Spokane und schwärmte in seinem Blog Out of the Bubbling Dusk davon. Rasch nahmen Künstler und Labels diese Hommage an den Soul Detroits in ihr Repertoire auf. Darunter Ariel Pink, ein exzentrischer Liedermacher aus Los Angelos, der auf seinem aktuellen Album Mature Themes zwei Huldigungen an die Gebrüder Emerson versammelt. Aber auch Jim Sullivan, der mit seinem in Seattle beheimateten Plattenlabel Light In The Attic bereits so manch vergrabenen Schatz der Musikgeschichte gehoben hat. Mit 33 Jahren Verspätung bringt er das Debüt der Emersons jetzt auf den Markt.


"Als ich ihre Originalpressung zum ersten Mal in Händen hielt", sagt Sullivan, "fühlte ich mich zunächst an The Partridge Family erinnert. Ich erwarte nichts von dieser Schönheit, Tiefe und Aufrichtigkeit." Das Interesse seit der Veröffentlichung sei denn auch überwältigend. Tatsächlich feiert die britische Musikzeitschrift Mojo ihre Entdeckung ebenso wie die New York Times oder der Bayerische Rundfunk. "Es ist verrückt", sagt Joe Emerson und streicht behutsam über den weiß glitzernden Nylonanzug mit dem Stehkragen, den beide auf dem Cover ihres Albums tragen. "Es fühlt sich an, als würde mein Leben gerade Kopf stehen."

Mitte Oktober gaben die Brüder in Seattle ihr erstes gemeinsames Konzert. Zur Feier des Tages legte das Label auch eine Kassettenedition von Dreamin' Wild auf, ganz so wie das eben im Jahre 1979 üblich war. Im Backstage-Raum verfolgte derweil die restliche Familie Emerson stolzerfüllt den Auftritt ihrer Sprösslinge. "Ich habe immer an meine Jungs geglaubt", sagt Vater Emerson. Donnie und Joe Emerson haben schon weitere Pläne geschmiedet.

Zutrauen liegt den Emersons offenbar im Blut. Donnie und Joes Urgroßonkel war Ralph Waldo Emerson, einer der bedeutendsten US-amerikanischen Philosophen und Reformatoren. Seiner Ansicht nach konnte wahres Glück nur finden, wer zuvor so richtig scheitert. Mit der Entdeckung von Dreamin' Wild kam das späte Glück auch zu Donnie und Joe Emerson.