70 Jahre Jimi HendrixEntgrenzer der Töne

Jimi Hendrix hauchte der elektrischen Gitarre Leben ein. Vor 70 Jahren wurde er geboren – Frank Schäfer hat ihm einen großen Essay gewidmet. Ein Auszug von Frank Schäfer

 Jimi Hendrix (1942-1970) im August 1970 beim Isle of Wight Festival

Jimi Hendrix (1942-1970) im August 1970 beim Isle of Wight Festival  |  © Evening Standard/Getty Images

Eines meiner prägendsten Erlebnisse mit schwarzer Musik war ein Konzert von 
 Jimi Hendrix Mitte der achtziger Jahre – nämlich auf einer Garagen-Party, die 
wegen eines Jahrhundert-Julis nach draußen verlegt wurde, die dann 
irgendwann dem Ende zuging, als der Morgen anbrach und die Vögel zu 
zwitschern begannen.

Die Musik war schon eine Weile aus gewesen, wir hingen 
in den Seilen, zögerten einfach den Aufbruch immer noch etwas hinaus, um dem 
Gastgeber dann noch beim Aufräumen zu helfen – und plötzlich, in diese 
freundlich-pantheistische Weltumarmungs-Stimmung brach ein kontemplatives, 
in sich selbst versunkenes, nur mit einem Flanging-Effekt aufgeschminktes 
Fingerpicking, das sich nicht entscheiden zu können schien, ob es ein Riff 
oder lieber ein Solo werden wollte, das alles in einem war und tatsächlich 
so klang, als säße der Gitarrist direkt vor einem. 
 Little Wing , wurde mir beschieden, als man mich da stehen sah, zum 
Stilleben mutiert, auf eine geheimnisvolle Weise nostalgisch angerührt, 
durchglüht von einem anachronistischen Zeitgeist, für den man eigentlich zu 
spät geboren war.


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Daran erinnerte ich mich, als ich in einer der vielen Reminiszenzen zum 
68er-Geburtstag las, dass man zwar rekonstruieren könne, wie damals 
argumentiert und gedacht wurde, aber der Spirit, also das, was emotional 
gelaufen sei, nur in der Musik und zwar vor allem in der von Hendrix 
erfahrbar sei.


Über den Autor
Über den Autor

Frank Schäfer, Jahrgang 1966, lebt als Schriftsteller und Journalist in Braunschweig. Er schreibt regelmäßig über Rock, Metal und Literatur bei ZEIT ONLINE. Dieser Text ist ein Auszug aus seinem 90-seitigen Essay Being Jimi Hendrix, der gerade im Reiffer-Verlag veröffentlicht wurde. Darüberhinaus sind von Frank Schäfer zuletzt der Rockgeschichtenband Talking Metal sowie Der kleine Provinzberater oder Vom Schönen Leben auf dem Lande erschienen.

Neulich rief mich ein alter, immer noch ziemlich psychedelischer Bekannter 
an, weil er Wind davon bekommen hatte, dass ich über Jimi Hendrix schrieb, 
um mir unbedingt noch seine ganz persönliche Einschätzung mit auf den Weg zu 
geben. Der alte Freund meinte, das Wesentliche bei Hendrix sei, dass er der 
elektrischen Gitarre "Leben" eingehaucht habe.

Das klingt zunächst etwas 
esoterisch-verhascht, und war wohl so gemeint, aber es kratzt doch auch an 
der historischen Realität. Denn erst Hendrix schaffte das Kunststück, eine – 
vielmehr jede! – Fender Stratocaster von der Stange gänzlich originär, 
individualistisch klingen zu lassen, ihr einen Personalstil einzuimpfen, 
dessen Reichtum an Spieltechniken, Klangfarben und Effekthaschereien weit 
über das hinausging, was die Rockgitarre sich bis dahin geleistet hatte.

Und 
überdies sah das alles noch verdammt gut aus. Sowohl die flamboyante 
Bühnenpräsentation als auch sein Spiel ließ sich von den nachfolgenden 
Generationen folglich nur mehr einholen und nicht wirklich qualitativ 
erweitern. Und sogar das Einholen machte Probleme. Optik und Sound sind so 
charakteristisch, so unverkennbar, dass seine Adepten fast immer den 
strengen Geruch der Epigonalität verbreiten.


Vor allem aber war Hendrix der erste wirklich moderne Rockgitarrist. Er 
nutzte wie kein anderer die elektroakustischen Entwicklungen der Zeit und 
emanzipierte mit ihnen den Sound, das bloße Geräusch, stellte es der Note 
gleichberechtigt an die Seite. Seine wilden Tremolo-Exaltationen, 
Feedback-Eskapaden, die Phasing-, Flanging- und Panorama-Effekte, seine 
Distortion-Kakophonien haben nicht zuletzt diesen Zweck: die klassische 
tonale Struktur zu entgrenzen.


"Was wir so an Soundeffekten einsetzen … naja, wie nennen das nicht Effekte, 
weil es nämlich ein Teil unserer Musik ist, verstehst du, wir erzeugen 
einfach einen bestimmten Klang, zum Beispiel als würden Flugzeuge 
durchjagen. Und das machen wir, weil wir wollen, dass die Leute … sie sollen 
ihre Ohren aufmachen, hören, was alle diese Klänge bei ihnen auslösen." (Jimi Hendrix)

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Leserkommentare
  1. Ach was, das war rotzig, dreckig sexy schraeg, nicht wie dieser digitale Einheitsbrei der heute ueber MTV dudelt

  2. Anerkennung eines ebenso großen Meisters...

  3. ... ein Genie an der Gitarre, aber das waren andere in dieser Zeit auch. Es war ein allgemeiner Aufbruch der in dieser Zeit statt fand, und viele hatten Anteil an ihm.

    Das soll seine Leistung natuerlich nicht schmaelern.

    • doch40
    • 27. November 2012 13:46 Uhr

    Was viele Musiker erträumen - ihre Musik wird unsterblich. Jimi Hendrix hat es erreicht.
    Dieses Jahr: Konzerte von Joe Bonamassa, Hendrik Freischlader, Mitch Ryder und John Mayall. Alte und neue Bluesgrößen. Als sie Voodoo Chile anstimmten, tobte der Saal - egal wo man ist. Die Großen verneigen sich vor einem der Größten. Mehr geht nicht.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hätten die Genannten VooDoo Child gespielt, wären es vermutlich noch besser gewesen ;-)

  4. 13. .....

    Hätten die Genannten VooDoo Child gespielt, wären es vermutlich noch besser gewesen ;-)

    Antwort auf "Unsterblichkeit"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... heisst das Lied tatsaechlich "Voodoo Chile". Kann mich natuerlich auch taeuschen.

  5. ... heisst das Lied tatsaechlich "Voodoo Chile". Kann mich natuerlich auch taeuschen.

    Antwort auf "....."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Song heißt natürlich Voodoo Child...
    http://www.youtube.com/watch?v=DHhS7yYU_yk

  6. Der Song heißt natürlich Voodoo Child...
    http://www.youtube.com/watch?v=DHhS7yYU_yk

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  7. Antwort auf "Ach, ja..."

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Jimi Hendrix | Musik | Frank Schaefer | Gitarre | Konzert | Reichtum
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