ZEIT ONLINE:Tinariwen sind seit Jahrzehnten die Botschafter der Tuareg-Unabhängigkeitsbewegung in der Welt. Was ist Ihr Ziel?

Eyadou Ag Leche: Unsere Arbeit ist es, durch die Welt zu reisen, unsere Musik zu machen und dabei Menschen zu finden, die bereit sind, über unser Leiden und unsere Wünsche zu sprechen. Unser Volk hat einen langen Leidensweg hinter sich. Wir empfinden dieses Leiden allerdings als positiv, weil es stets mit einem starken Wunsch nach einem besseren Leben verbunden ist. Wie der Blues der Afroamerikaner entsteht unsere Musik, der Assouf, aus dieser Mischung aus Leiden und Hoffnung.

ZEIT ONLINE: Ihre Heimat, der Norden Malis , befindet sich in einem dramatischen Krisenzustand. Seit dem Militärputsch in Mali im vergangenen März hat die Regierung keine Kontrolle mehr über den Norden, die islamistische Milizen von Ansar Dine haben dort eine brutale Form der Scharia durchgesetzt: Frauen werden systematisch eingeschüchtert, mutmaßliche Verbrecher verstümmelt. Musik ist verboten. Wie konnte es dazu kommen?

Ag Leche: Was gerade im Norden Malis passiert, ist sehr dramatisch für uns alle. Die islamischen Milizen, die im Moment die Macht im Norden Malis anstreben, sind für uns fremde Wesen, gegen deren Einfluss sich die Tuareg so gut wie möglich wehren.

ZEIT ONLINE: Haben die Tuareg und die Milizen nicht ein gemeinsames Interesse daran, das malische Militär aus dem Gebiet herauszuhalten?

Ag Leche: Es stimmt nicht, dass die Tuareg und die islamischen Milizen gemeinsame Sache machen. Während wir sprechen, kämpft die Tuareg-Rebellenorganisation MNLA (Bewegung für die Befreiung Azawads) gegen die Milizen von Ansar Dine. Ich habe mit meinen Verwandten in Menaka in der Region von Gao gesprochen. Genau in diesem Moment fliegen dort Kugeln durch die Luft.

ZEIT ONLINE: Ansar Dine soll Unterstützung von Al-Kaida im Maghreb bekommen. Was ist Ihrer Meinung nach das Ziel der Terrororganisation?

Ag Leche: Was die Terroristen im Norden Malis anstreben, ist leicht zu verstehen: Sie wollen dort eine Hochburg für ihre Expansion in Nordafrika aufbauen. Dabei zerstören sie die Idee, für die ich und meine Verwandten seit 50 Jahren kämpfen: Azawad, die Heimat der Tuareg. Wir werden es nicht zulassen, dass diese Menschen unsere Traditionen, unsere Kultur und unser Leben zerstören.

ZEIT ONLINE: Wie möchten die Tuareg leben?

Ag Leche: Wir wollen als freie Menschen in unserer Heimat leben. Die Wüste war schon immer unser Zuhause. Wir genießen die Schönheit, die Freiheit der Wüste. Will man die Ursprünge der heutigen Probleme verstehen, muss man die Situation der sechziger Jahre betrachten. Damals beschloss Frankreich , unser Land zwischen vier Staaten aufzuteilen. Plötzlich konnten wir unsere Herden nicht mehr frei durch die Wüste ziehen lassen. Als unser Land aufgeteilt wurde, befanden wir uns plötzlich unter einer fremden Macht. Soldaten aus Mali und Niger kamen zu unseren Lagern. Nun schien endlich unser Traum eines unabhängigen Landes für alle Tuareg in Erfüllung zu gehen. Und plötzlich kamen die Terroristen. Jetzt heißt es, sie wollen eine islamische Republik gründen. Das ist nicht das, was wir wollen.

ZEIT ONLINE: Sie sind eines der jüngsten Mitglieder der Gruppe. Wie sind Sie zu Tinariwen gekommen?

Ag Leche: Als ich sieben Tage alt war, hörte ich zum ersten Mal Tinariwen. Ibrahim und die andere Mitglieder der Band kamen zu meinen Eltern um ihnen zur Geburt zu gratulieren. Als Kind kannte ich nur eine Musik: den Assouf. Er war immer da. Die Tuareg können ohne Musik nicht existieren. Es gibt in der Wüste ja kein Radio und kein Internet. Jeden Abend spielen wir im Lager zusammen. Das Einzige, was uns verbindet und uns zusammenbringt, ist die Musik.

ZEIT ONLINE: Das Festival au Désert war bis 2010 eines der wichtigsten kulturellen Ereignisse Afrikas. Tausende Menschen reisten aus Europa und Amerika nach Mali, um die Magie der Wüste zu erleben. Nachdem Al-Kaida im Maghreb (Aqmi) anfing Touristen zu entführen, war das nicht mehr möglich. Wird es das Festival in Zukunft in Mali noch geben?

Ag Leche: Ich hoffe sehr. Denn wir wollen unsere Botschaft so vielen Menschen wie möglich zukommen lassen. Die Entführungen und Ermordungen von Touristen haben den Graben zwischen uns und dem Rest der Welt vertieft. Die Festivals sind für die Tuareg eine Möglichkeit, neue Menschen kennenzulernen und ihre Stimme hörbar zu machen.

ZEIT ONLINE: Die westafrikanische Staatengemeinschaft Ecowas will nun Soldaten nach Mali schicken. Deutschland will sich mit Ausbildern beteiligen. Was halten Sie von der Intervention?

Ag Leche: Ich glaube nicht, dass ein direkter Eingriff Europas in Mali eine gute Lösung für die Tuareg wäre. Denn er würde der Sicherheit Malis dienen, aber nicht unseren Interessen. Als erstes muss das Land vom Einfluss der Terroristen befreit werden. Danach sollen sich die Tuareg mit den Vertretern der Regierung in Bamako an einen Tisch setzen und ernsthaft über die Unabhängigkeit von Azawad sprechen.