Tuareg-Band Tinariwen"Wir wollen als freie Menschen in unserer Heimat leben"

Eyadou Ag Leche ist Bassist der Tuareg-Band Tinariwen. Im Interview spricht er über die Krise in Mali und über die Idee einer Heimat für alle Tuareg. von 

Der Musiker Eyadou Ag Leche

Der Musiker Eyadou Ag Leche  |  © Marie Planeille

ZEIT ONLINE:Tinariwen sind seit Jahrzehnten die Botschafter der Tuareg-Unabhängigkeitsbewegung in der Welt. Was ist Ihr Ziel?

Eyadou Ag Leche: Unsere Arbeit ist es, durch die Welt zu reisen, unsere Musik zu machen und dabei Menschen zu finden, die bereit sind, über unser Leiden und unsere Wünsche zu sprechen. Unser Volk hat einen langen Leidensweg hinter sich. Wir empfinden dieses Leiden allerdings als positiv, weil es stets mit einem starken Wunsch nach einem besseren Leben verbunden ist. Wie der Blues der Afroamerikaner entsteht unsere Musik, der Assouf, aus dieser Mischung aus Leiden und Hoffnung.

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ZEIT ONLINE: Ihre Heimat, der Norden Malis , befindet sich in einem dramatischen Krisenzustand. Seit dem Militärputsch in Mali im vergangenen März hat die Regierung keine Kontrolle mehr über den Norden, die islamistische Milizen von Ansar Dine haben dort eine brutale Form der Scharia durchgesetzt: Frauen werden systematisch eingeschüchtert, mutmaßliche Verbrecher verstümmelt. Musik ist verboten. Wie konnte es dazu kommen?

Ag Leche: Was gerade im Norden Malis passiert, ist sehr dramatisch für uns alle. Die islamischen Milizen, die im Moment die Macht im Norden Malis anstreben, sind für uns fremde Wesen, gegen deren Einfluss sich die Tuareg so gut wie möglich wehren.

ZEIT ONLINE: Haben die Tuareg und die Milizen nicht ein gemeinsames Interesse daran, das malische Militär aus dem Gebiet herauszuhalten?

Ag Leche: Es stimmt nicht, dass die Tuareg und die islamischen Milizen gemeinsame Sache machen. Während wir sprechen, kämpft die Tuareg-Rebellenorganisation MNLA (Bewegung für die Befreiung Azawads) gegen die Milizen von Ansar Dine. Ich habe mit meinen Verwandten in Menaka in der Region von Gao gesprochen. Genau in diesem Moment fliegen dort Kugeln durch die Luft.

Eyadou Ag Leche

Eyadou Ag Leche ist Bass- und Gitarrespieler der Tuareg-Band Tinariwen. Die Band tourte 2011 zusammen mit der Schweizer Musikerin Sophie Hunger durch die USA. Über ihre Erlebnisse schrieb die Sängerin das Tagebuch "Post von Sophie Hunger" auf ZEIT ONLINE.

ZEIT ONLINE: Ansar Dine soll Unterstützung von Al-Kaida im Maghreb bekommen. Was ist Ihrer Meinung nach das Ziel der Terrororganisation?

Ag Leche: Was die Terroristen im Norden Malis anstreben, ist leicht zu verstehen: Sie wollen dort eine Hochburg für ihre Expansion in Nordafrika aufbauen. Dabei zerstören sie die Idee, für die ich und meine Verwandten seit 50 Jahren kämpfen: Azawad, die Heimat der Tuareg. Wir werden es nicht zulassen, dass diese Menschen unsere Traditionen, unsere Kultur und unser Leben zerstören.

ZEIT ONLINE: Wie möchten die Tuareg leben?

Ag Leche: Wir wollen als freie Menschen in unserer Heimat leben. Die Wüste war schon immer unser Zuhause. Wir genießen die Schönheit, die Freiheit der Wüste. Will man die Ursprünge der heutigen Probleme verstehen, muss man die Situation der sechziger Jahre betrachten. Damals beschloss Frankreich , unser Land zwischen vier Staaten aufzuteilen. Plötzlich konnten wir unsere Herden nicht mehr frei durch die Wüste ziehen lassen. Als unser Land aufgeteilt wurde, befanden wir uns plötzlich unter einer fremden Macht. Soldaten aus Mali und Niger kamen zu unseren Lagern. Nun schien endlich unser Traum eines unabhängigen Landes für alle Tuareg in Erfüllung zu gehen. Und plötzlich kamen die Terroristen. Jetzt heißt es, sie wollen eine islamische Republik gründen. Das ist nicht das, was wir wollen.

ZEIT ONLINE: Sie sind eines der jüngsten Mitglieder der Gruppe. Wie sind Sie zu Tinariwen gekommen?

Ag Leche: Als ich sieben Tage alt war, hörte ich zum ersten Mal Tinariwen. Ibrahim und die andere Mitglieder der Band kamen zu meinen Eltern um ihnen zur Geburt zu gratulieren. Als Kind kannte ich nur eine Musik: den Assouf. Er war immer da. Die Tuareg können ohne Musik nicht existieren. Es gibt in der Wüste ja kein Radio und kein Internet. Jeden Abend spielen wir im Lager zusammen. Das Einzige, was uns verbindet und uns zusammenbringt, ist die Musik.

ZEIT ONLINE: Das Festival au Désert war bis 2010 eines der wichtigsten kulturellen Ereignisse Afrikas. Tausende Menschen reisten aus Europa und Amerika nach Mali, um die Magie der Wüste zu erleben. Nachdem Al-Kaida im Maghreb (Aqmi) anfing Touristen zu entführen, war das nicht mehr möglich. Wird es das Festival in Zukunft in Mali noch geben?

Ag Leche: Ich hoffe sehr. Denn wir wollen unsere Botschaft so vielen Menschen wie möglich zukommen lassen. Die Entführungen und Ermordungen von Touristen haben den Graben zwischen uns und dem Rest der Welt vertieft. Die Festivals sind für die Tuareg eine Möglichkeit, neue Menschen kennenzulernen und ihre Stimme hörbar zu machen.

ZEIT ONLINE: Die westafrikanische Staatengemeinschaft Ecowas will nun Soldaten nach Mali schicken. Deutschland will sich mit Ausbildern beteiligen. Was halten Sie von der Intervention?

Ag Leche: Ich glaube nicht, dass ein direkter Eingriff Europas in Mali eine gute Lösung für die Tuareg wäre. Denn er würde der Sicherheit Malis dienen, aber nicht unseren Interessen. Als erstes muss das Land vom Einfluss der Terroristen befreit werden. Danach sollen sich die Tuareg mit den Vertretern der Regierung in Bamako an einen Tisch setzen und ernsthaft über die Unabhängigkeit von Azawad sprechen.

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Leserkommentare
    • krister
    • 21. November 2012 15:18 Uhr

    "Und plötzlich kamen die Terroristen. Jetzt heißt es, sie wollen eine islamische Republik gründen."

    Ist es eigentlich sicher,dass das alles Terroristen sind?
    Denn es würde ja bedeuten,dass die Terroristen die Mehrheit ausmachen.Oder sind es einfach nur Muslime.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dacapo
    • 24. November 2012 22:04 Uhr

    Der junge Mann sagt: "Und dann kamen die Terroristen ......". Was wunderst Sie daran? Muslim ist er auch. Er spricht von der Gruppe "Ansar El Dine". Sie agieren in weiten Teilen Nordafrikas, oder besser, in der mittleren bis westlichen Sahara. Jetzt mögen Sie meinen, das seien keine Terroristen; nun gut. Aber in diesem Zusammenhang davon zu reden, als ginge es in den Aussagen des Si Ayadou eg Leche darum, ob das nun auch Muslime sind. Aber was soll das? Alle dort in diesem Teil der Sahara sind Muslime. Wobei die Mitglieder der Ansar El Dine nicht alle ihre Heimat dort haben, sondern wie üblich bei diesen Gruppierungen, aus verschiedenen Gegenden der islamischen Ländern kommen. Sie sind dort, wo etwas zu erobern gibt, wo es sowieso Auseinandersetzungen gibt, um dann die Gelegenheit zu aus zu nutzen, um einen Islamisten-Staat zu errichten, wo dann nach der Scharia gelenkt, gelebt und gerichtet wird.

  1. "Wir werden es nicht zulassen, dass diese Menschen unsere Traditionen, unsere Kultur und unser Leben zerstören."

    "Jetzt heißt es, sie wollen eine islamische Republik gründen. Das ist nicht das, was wir wollen."

    Das klingt doch reichlich nationalistisch, wenn nicht gar islamophob.
    Wie wollen diese Menschen in einer globalisierten Welt bestehen, wenn auch noch Separatismus hinzu kommt:
    "Danach sollen sich die Tuareg mit den Vertretern der Regierung in Bamako an einen Tisch setzen und ernsthaft über die Unabhängigkeit von Azawad sprechen."?

    • Natasi
    • 24. November 2012 16:17 Uhr

    aber ich würde mir auch gern mal was von denen anhören. Gibt´s da nen Link??

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dacapo
    • 24. November 2012 22:12 Uhr

    Gehen Sie auf www.tinariwen.com

    • dacapo
    • 24. November 2012 22:04 Uhr

    Der junge Mann sagt: "Und dann kamen die Terroristen ......". Was wunderst Sie daran? Muslim ist er auch. Er spricht von der Gruppe "Ansar El Dine". Sie agieren in weiten Teilen Nordafrikas, oder besser, in der mittleren bis westlichen Sahara. Jetzt mögen Sie meinen, das seien keine Terroristen; nun gut. Aber in diesem Zusammenhang davon zu reden, als ginge es in den Aussagen des Si Ayadou eg Leche darum, ob das nun auch Muslime sind. Aber was soll das? Alle dort in diesem Teil der Sahara sind Muslime. Wobei die Mitglieder der Ansar El Dine nicht alle ihre Heimat dort haben, sondern wie üblich bei diesen Gruppierungen, aus verschiedenen Gegenden der islamischen Ländern kommen. Sie sind dort, wo etwas zu erobern gibt, wo es sowieso Auseinandersetzungen gibt, um dann die Gelegenheit zu aus zu nutzen, um einen Islamisten-Staat zu errichten, wo dann nach der Scharia gelenkt, gelebt und gerichtet wird.

    Antwort auf "Definition gefragt"
    • dacapo
    • 24. November 2012 22:12 Uhr

    Gehen Sie auf www.tinariwen.com

    Antwort auf "Gut und Schön"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Ansar Dine | Mali | Musik | Blues | Entführung | Festival
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