Songwriter NagelAm Grönemeyerismus vorbeisingen

Muff Potter zählte zu den prägenden Gruppen der deutschen Punkrockszene. Drei Jahre nach deren Auflösung geht ihr Sänger Nagel mit neuer Band auf Tour. von Jens Uthoff

Thorsten Nagelschmidt, 36, war Sänger bei Muff Potter.

Thorsten Nagelschmidt, 36, war Sänger bei Muff Potter.  |  © Verena Brüning

Viel ist passiert, seit wir den Kleinstädten entflohen. Seit wir die Dorfdiscos hinter uns ließen, in die größeren Städte gingen, wo uns Diskursrock und höhere Bildungsabschlüsse, Arbeit und Alkohol empfingen, wo die Liebe kam und ging, Einsamkeit und Seitenstraßensex auf uns warteten. "Ein bisschen Melodram und ein bisschen Probealarm und ein bisschen Arm in Arm", singt Thorsten Nagelschmidt über diese Zeit. Plötzlich ist er Mittdreißiger und will sich erinnern, was damals alles passiert ist.

Vor 20 Jahren fing er an im westfälischen Rheine mit der Punkband Muff Potter. Sechs Platten nahmen sie zusammen auf. Den Schmidt wies er früh von sich, als Nagel schrieb er später zwei Romane, zeichnete, brachte Fanzines heraus. Heute lebt er in Berlin und hat eine Band, die kurz und knapp nach seinen fünf Buchstaben benannt ist. Der Wirt sagt zu mir heißt der erste neue Song von Nagel. Er erzählt von der Vergangenheit und einer Gegenwart, die als Zukunft einmal anders gedacht war: "Die Fäuste in den Taschen und Geschwüre im Magen. Das war so alles nicht geplant".

Anzeige

Thorsten Nagelschmidt hat einen Weg hinter sich, wie ihn einige im hiesigen Popgeschäft gegangen sind, etwa die mit ihm befreundeten Thees Uhlmann von Tomte und Marcus Wiebusch von Kettcar. Sie alle entstammen der deutschen Punk- und Hardcoreszene der neunziger Jahre, in ihrem Werk spiegelt sich die Entwicklung dieser Kohorte. Nun könnte Nagel den nächsten Schritt gehen und eine Erwachsenenplatte mit viel Pomp und Pathos, mit akustischen Gitarren und belegter Stimme aufnehmen. Dem Grönemeyerismus anheimfallen. Aber die ersten Töne der neuen Band lassen auf Besseres hoffen: "Die Energie von Punk und Hardcore sollen meine Songs auch heute noch in sich tragen", sagt er.

Die Gruppe Nagel gibt es jetzt seit fast einem Jahr. Die Beteiligten sind keine Unbekannten. Der Keyboarder Red spielte unter anderem bei Fink, der Bassist Shredder eben bei Muff Potter, der Schlagzeuger Sebastian Wirth und der Gitarrist Alexander Wilz waren in der Hardcoreband Trip Fontaine.

Nach einer herbstlichen Mini-Tour geben sie im Dezember die ersten größeren Konzerte. Ein Album wird allerdings erst im nächsten Jahr kommen. "Ich kann das Songschreiben nicht übers Knie brechen, kann nicht schnell mal eine Platte produzieren", sagt Nagel.


Er hat in zwei Jahrzehnten des Musikmachens die Mechanismen des Geschäfts auf fast allen Ebenen erlebt. Und ist genervt bis gestresst von ihnen: "Nach Muff Potter haben mir viele geraten, nun schnell eine Solo-Platte nachzulegen", sagt er, "ich konnte und wollte das nicht". So trat er zunächst als Buchautor (Was kostet die Welt) in Erscheinung, dann als bildender Künstler – seine Linoldrucke stellte er in Köln, Hamburg und Berlin aus.

Schließlich wollte Nagel doch wieder eine neue Band haben: "Das Schöne am Musikmachen ist, wenn es auf intuitive und körperliche Weise funktioniert", sagt der Berliner, "das kickt halt am meisten". Schon Muff Potter, für die er fast alle Songs schrieb, verweigerten sich nach und nach den konkreten Zuschreibungen und zogen eine vielfältige Hörerschaft an. Auch die Band Nagel wird man nicht einfach abstempeln können. Irgendwie Indie eben. Durch die Tasteninstrumente, die dezenten Synthies, klingt die Musik leichter, fluffiger und poppiger als früher. Nagel tut das gut. Der schlichte Rocksong hatte sich bei Muff Potter zuletzt doch totgelaufen. Auch die Sujets waren abgenutzt. Nun aber wirken Storytelling und Songwriting detailreicher, obgleich die Handschrift erkennbar bleibt.

Der Entstehungsprozess neuer Stücke wie Ich will nicht mehr mein Sklave sein könne sich über Wochen hinziehen, sagt Nagel. "Manche Texte schreibe ich ständig wieder um, schrecklich." Genau davon handelt der Song: dem Scheitern an den eigenen künstlerischen Ansprüchen. "Ich fühle mich manchmal wie eine Karikatur des zweifelnden Künstlers", erzählt er. Gerade liest er die vor 100 Jahren verfassten Tagebücher des Anarchisten und Schriftstellers Erich Mühsam – und findet auch dort nur Zaudern und Hadern.

Leserkommentare

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Band | Erich Mühsam | Jugendbewegung | Berlin | Hamburg | Köln
  • Traum oder harte Realität? Beyoncé in ihrem Dokumentarfilm "Life Is But A Dream"

    Die fleißigen Königinnen

    Beyoncé, Lana Del Rey und Taylor Swift sind die erfolgreichsten Popstars unserer Zeit. Sie zeigen uns, was es bedeutet, heute eine Frau zu sein. Wollen wir ihnen glauben?

    • PeterLicht zeigt sich nicht. Nur auf der Bühne sehen die Leute sein Gesicht.

      Tod, ach der Langweiler!

      Leben, Wahrheit, Zukunft, Freiheit, Liebe: Alles beginnt zu schillern. PeterLicht renoviert in seinem Buch und Live-Album "Lob der Realität" die Kapitalismuskritik.

      • Man mag's kaum glauben: Prince Rogers Nelson ist 56 Jahre alt.

        Freiheit allen Körpersäften!

        Nach jahrelangem Unabhängigkeitskampf veröffentlicht Prince gleich zwei Alben beim Warner-Konzern. Wer einmal Popkönig war, gibt sich eben ungern mit weniger zufrieden.

        • Die Inszenierungen des Regisseurs Calixto Bieito sind den Gegnern des Regietheaters ein plastisches Feindbild. Hier eine Szene aus der Händel-Oper "Der Triumph von Zeit und Enttäuschung" 2011 in Stuttgart

          Jeder Rollkoffer bringt uns weiter

          Geht das schon wieder los? Ein Musikwissenschaftler geißelt, was er für Regietheater in der Oper hält. Dabei ist jede noch so moderne Inszenierung besser als Stillstand.

          Service