DirigentMailand feiert die Rückkehr Claudio Abbados

Im Streit hatte der Dirigent Claudio Abbado die Mailänder Scala 1986 verlassen. Nun ist er zurückgekehrt und wird von seinem Publikum frenetisch gefeiert. von 

Claudio Abbado und Daniel Barenboim mit der Filarmonica della Scala und dem Orchestra Mozart in der Mailänder Scala

Claudio Abbado und Daniel Barenboim mit der Filarmonica della Scala und dem Orchestra Mozart in der Mailänder Scala  |  © Teatro alla Scala

"Bentornato Claudio !" Das Publikum ist aufgeregt. Viele zu lange haben die Mailänder diesem Moment entgegengefiebert, manch einer wollte schon nicht mehr daran glauben. Und doch ist Claudio Abbado nach 26 langen Jahren endlich ans Pult "seiner" Filarmonica della Scala zurückgekehrt und hat aus Bologna das Orchestra Mozart mitgebracht. Der "Abbadiani"-Fanclub zuckelt vor dem Konzert in einer geschmückten Tram durch das Zentrum, im Theater wird der Dirigent mit Ovationen empfangen – und dann regiert nur noch die Musik.

Für die 6. Sinfonie von Mahler hat der unermüdliche Orchestergründer 157 Musiker auf der Bühne versammelt. Gleich in den ersten Takten des allegro energico ma non troppo steigt eine unerhörte Klangfülle aus diesem Riesenorchester empor, das Abbado 80 Minuten lang durch alle Höhen und Tiefen der Tragischen führen wird. Im andante moderato brillieren die Bläser, die im Dialog miteinander feinste Nuancen ausformen. Wie der Komponist selbst bei seinen ersten Aufführungen stellt Abbado den langsamen Satz vor das irrlichternde Scherzo , des stärkeren Kontrasts zuliebe. Nach dem monumentalen Finale spendet der Saal eine Viertelstunde enthusiastischen Applaus .

Anzeige

Bei seinem Scala-Debüt 1965 hat Claudio Abbado Mahlers 2. Sinfonie dirigiert, in den folgenden Jahrzehnten ist er in Italien zum Wegbereiter für Mahler geworden. Mit der Filarmonica della Scala, 1982 von ihm nach dem Vorbild der Wiener Philharmoniker mit den Musikern des Opernhauses gegründet, pflegte er zudem das Repertoire in seiner ganzen Breite, bis hin zur Gegenwart. Nach 18 Jahren als Musikdirektor verließ Abbado die Scala 1986 im Streit und ging nach Wien . Knapp 20 Orchestermitglieder von damals sind heute noch dabei. Natürlich ruft seine Rückkehr jetzt auch Erinnerungen an große Opernaufführungen und Regisseure wach, etwa an den legendären Simon Boccanegra von Verdi in der Regie Giorgio Strehlers, an Jean-Pierre Ponnelles Rossini-Trilogie oder an Jurij Ljubimows Lesart von Mussorgskys Boris Godunow .

Claudio Abbado

Claudio Abbado wurde am 26. Juni 1933 in Mailand geboren. In seiner Zeit als Musikdirektor der Scala von 1968 bis 1986 öffnete er das Traditionshaus einem neuen Publikum aus Arbeitern und Studenten. Von 1979 bis 1988 war er Chefdirigent des London Symphony Orchestra, 1986 wurde er musikalischer Leiter der Wiener Staatsoper und ein Jahr später Generalmusikdirektor der Stadt.

1989 wählten ihn die Berliner Philharmoniker zum Nachfolger ihres verstorbenen Chefs Herbert von Karajan. 2002 verabschiedete er sich aus Berlin und kehrt inzwischen jedes Jahr im Mai als Gastdirigent zurück.

Abbado gründete im Laufe seiner Karriere mehrere Orchester: European Community Youth Orchestra (1978), Chamber Orchestra of Europe (1981), Filarmonica della Scala (1982), Gustav Mahler Jugendorchester (1986), Mahler Chamber Orchestra (1997), Lucerne Festival Orchestra (2003), Orchestra Mozart (2004).

Ein anderer Weggefährte Abbados war im ersten Teil des Konzerts als Virtuose in Chopins e-Moll-Klavierkonzert zu erleben. Daniel Barenboim , seit fast einem Jahr Musikdirektor des Hauses, tritt in diesem Herbst als Pianist in drei Scala-Sonderkonzerten anlässlich seines eigenen 70. Geburtstags auf.

Dass der "verlorene Sohn" Claudio Abbado nun doch wieder in seine Heimatstadt zurückkam, ist sicherlich ihm und der Beharrlichkeit von Intendant Stéphane Lissner zu verdanken. Als die Filarmonica in den Neunzigerjahren dagegen protestierte, dass mit Gastorchestern Opernrepertoire aufgeführt werden sollte, schwor sich Abbado, nie wieder zurückzukehren. Beinahe hätte es dann bereits 2010 geklappt, als er statt einer Gage verlangte, zur Luftverbesserung in der Industriemetropole Mailand sollten 90.000 Bäume gepflanzt werden. Die Zusagen der Stadt blieben damals Lippenbekenntnisse – dem Maestro blieben zum Trost nur die Palmen in seinem Garten auf Sardinien .

Erschienen im Tagesspiegel

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. ... ist meiner unmaßgeblichen Intuition nach die Reinkarnation Mahlers – der Tiefe der Empfindung nach und nicht zuletzt, weil sich seine Physiognomie der des späten Mahler immer mehr annähert.

    Er begreift Mahler nicht wie Adorno – heute Boulez und seine Getreuen – als Herold eines gewollten bis erzwungenen Modernitätskonstrukts, sondern als Vollender der Romantik. Die Trauer über die verlorene Zeit macht Abbado hörbar wie kein anderer, gerade auch im langsamen Satz der Sechsten, in dem er - welche Ehre! - mich zitiert.

  2. ist zweifellos einer der ganz großen Dirigenten der Musikgeschichte. Aber er ist mehr als nur ein Dirigent, er ist ein echter Weltenbürger, von dem auch ohne Frack und Taktstock und in der persönlichen Begegnung eine wahre Faszination ausgeht. Er hat die Größe (wie Daniel Barenboim übrigens auch) sich über die Kleinkariertheit der Politik und Medien hinwegzusetzen und Anfeindungen in Kauf zu nehmen.

    2005 gründet Claudio Abbado in Venezuela das Latein-Amerikanischen Jugendorchester und gibt Konzerte in Caracas und auf Kuba. In Havanna steht er hemdsärmelig auf der Bühne eines baufälligen Theaters und dirigiert unter kaum enden wollendem Beifall einer begeisterten Besucherschaft sein Jugendorchester. Ein Highlight der Konzertgeschichte der anderen Art, welches in Europa wohl nicht mehr zu haben wäre.

    Später nimmt er in Havanna nach einem Konzert den Cuban National Cultural Award entgegen. Die folgenden Anfeindungen und Polemik in seinem Heimatland Italien ändern seine Haltung nicht. Er hält an seinem Engagements auf Kuba und in Venezuela fest. Von der deutschen Presse wird die lateinamerikanische Aktivität und Jugendarbeit des ehemaligen Leiters der Berliner Philharmoniker und Bundesverdienstkreuzträgers schlichtweg todgeschwiegen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Lieber 'volksschenk', ich freue mich über Ihr Interesse an Claudio Abbado und seinem Engagement für den Orchesternachwuchs in Lateinamerika. Darüber habe ich bereits mehrmals in deutschsprachigen Medien berichtet, auch auf ZEIT ONLINE. Abbado erkennt - jenseits jeglicher ideologischer Festlegung - den gesellschaftlichen Wert von Musik, die er auch jungen Menschen näher bringen will.

    Der folgende Artikel bezieht sich auf ein von Abbado in Italien initiiertes Kinder- und Jugendorchestersystem nach venezolanischem Vorbild: http://www.zeit.de/kultur... . Inzwischen ist dieses Projekt erfolgreich gestartet und schließt bereits Tausende Kinder im ganzen Land ein.

    Die sozialen Projekte seines Orchestra Mozart in Bologna sind ebenfalls weiter ausgebaut worden. So setzt das Orchester nicht nur ein Musiktherapieprojekt für kranke Kinder (Progetto Tamino) um, sondern hat auch eine Chorwerkstatt für Strafgefangene (Progetto Papageno) eingerichtet. Auf Wunsch von Abbado werden die Generalproben des Orchesters gezielt einem jungen Publikum geöffnet. Es gibt zudem weitreichende Kooperationen mit Schulen und anderen Bildungseinrichtungen. All diese Aspekte sind in Deutschland bisher eher weniger bekannt.

    Herzliche Grüße
    Corina Kolbe

    Unbedingt erwähnenswert (und in Deutschland leider auch kaum wahrgenommen) ist auch ein von Abbado geleitetes Konzert für Kinder in Bologna im Herbst 2008. Mit dem Schaupieler Roberto Benigni und dem Orchestra Mozart wurde in einer Sportarena vor etwa 4000 Zuschauern zum einen Prokofjews 'Peter und der Wolf' aufgeführt. An Berlioz' 'Te Deum' beteiligte Abbado außerdem mehr als 600 junge Chorsänger, die durch einen Wettbewerb an Schulen ausgewählt wurden. Für diese Aufführung brachte er neben seinem Orchestra Mozart (das auch Nachwuchsmusikern und gestandenen Solisten besteht) auch zwei Jugendorchester auf die Bühne (das Cherubini-Orchester von Riccardo Muti sowie das Orchestra Giovanile Italiana OGI). Angesichts der verheerenden Kürzungen staatlicher Mittel für Kultur und Bildung in Italien sind solche Initiativen in jeder Hinsicht vorbildlich.

  3. Lieber 'volksschenk', ich freue mich über Ihr Interesse an Claudio Abbado und seinem Engagement für den Orchesternachwuchs in Lateinamerika. Darüber habe ich bereits mehrmals in deutschsprachigen Medien berichtet, auch auf ZEIT ONLINE. Abbado erkennt - jenseits jeglicher ideologischer Festlegung - den gesellschaftlichen Wert von Musik, die er auch jungen Menschen näher bringen will.

    Der folgende Artikel bezieht sich auf ein von Abbado in Italien initiiertes Kinder- und Jugendorchestersystem nach venezolanischem Vorbild: http://www.zeit.de/kultur... . Inzwischen ist dieses Projekt erfolgreich gestartet und schließt bereits Tausende Kinder im ganzen Land ein.

    Die sozialen Projekte seines Orchestra Mozart in Bologna sind ebenfalls weiter ausgebaut worden. So setzt das Orchester nicht nur ein Musiktherapieprojekt für kranke Kinder (Progetto Tamino) um, sondern hat auch eine Chorwerkstatt für Strafgefangene (Progetto Papageno) eingerichtet. Auf Wunsch von Abbado werden die Generalproben des Orchesters gezielt einem jungen Publikum geöffnet. Es gibt zudem weitreichende Kooperationen mit Schulen und anderen Bildungseinrichtungen. All diese Aspekte sind in Deutschland bisher eher weniger bekannt.

    Herzliche Grüße
    Corina Kolbe

    Antwort auf "Claudio Abbado"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    vielen Dank für Ihre Antwort und Ihre Empfehlungen. Ich habe mir Ihre Abbado-Artikel angeschaut und auch das ein oder andere über Abbados Aktivitäten in Lateinamerika (Venezuela und Kuba) im Netz von Ihnen gefunden. Natürlich können die diesbezüglich kurz gehaltenen Informationen nicht die Atmosphäre wiedergeben, in der sich Abbado vor Ort (z.B. in Havanna) bewegt und an der er prägenden Anteil hat. Das unkonventionelle Zusammenspiel zwischen ihm, dem Orchester und vor allem einem Publikum als dritte Kraft der Inszenierung ist schon etwas ganz besonderes und man spürt es förmlich, Abbado geniest in vollen Zügen, so wie sein begeistertes Publikum.

    Liebe Korina Kolbe, da ich die Gelegenheit hatte, Claudio Abbado persönlich kennenzulernen teilen wir ja zumindest dieses Glück.

    Liebe Grüße
    Ihr Volkschenk

  4. Unbedingt erwähnenswert (und in Deutschland leider auch kaum wahrgenommen) ist auch ein von Abbado geleitetes Konzert für Kinder in Bologna im Herbst 2008. Mit dem Schaupieler Roberto Benigni und dem Orchestra Mozart wurde in einer Sportarena vor etwa 4000 Zuschauern zum einen Prokofjews 'Peter und der Wolf' aufgeführt. An Berlioz' 'Te Deum' beteiligte Abbado außerdem mehr als 600 junge Chorsänger, die durch einen Wettbewerb an Schulen ausgewählt wurden. Für diese Aufführung brachte er neben seinem Orchestra Mozart (das auch Nachwuchsmusikern und gestandenen Solisten besteht) auch zwei Jugendorchester auf die Bühne (das Cherubini-Orchester von Riccardo Muti sowie das Orchestra Giovanile Italiana OGI). Angesichts der verheerenden Kürzungen staatlicher Mittel für Kultur und Bildung in Italien sind solche Initiativen in jeder Hinsicht vorbildlich.

    Antwort auf "Claudio Abbado"
  5. vielen Dank für Ihre Antwort und Ihre Empfehlungen. Ich habe mir Ihre Abbado-Artikel angeschaut und auch das ein oder andere über Abbados Aktivitäten in Lateinamerika (Venezuela und Kuba) im Netz von Ihnen gefunden. Natürlich können die diesbezüglich kurz gehaltenen Informationen nicht die Atmosphäre wiedergeben, in der sich Abbado vor Ort (z.B. in Havanna) bewegt und an der er prägenden Anteil hat. Das unkonventionelle Zusammenspiel zwischen ihm, dem Orchester und vor allem einem Publikum als dritte Kraft der Inszenierung ist schon etwas ganz besonderes und man spürt es förmlich, Abbado geniest in vollen Zügen, so wie sein begeistertes Publikum.

    Liebe Korina Kolbe, da ich die Gelegenheit hatte, Claudio Abbado persönlich kennenzulernen teilen wir ja zumindest dieses Glück.

    Liebe Grüße
    Ihr Volkschenk

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Lieber Volksschenk, vielen Dank für Ihr nettes Feedback! Ihnen und allen anderen Interessierten sei noch der auf DVD erschienene Dokumentarfilm von Helmut Failoni und Francesco Merini: 'L'altra voce della musica. In viaggio con Claudio Abbado tra Caracas e l'Avana' ans Herz gelegt. Ich habe Abbado leider nicht wie Sie nach Lateinamerika begleitet, konnte aber ausführlich in Italien mit ihm sprechen.

  6. Lieber Volksschenk, vielen Dank für Ihr nettes Feedback! Ihnen und allen anderen Interessierten sei noch der auf DVD erschienene Dokumentarfilm von Helmut Failoni und Francesco Merini: 'L'altra voce della musica. In viaggio con Claudio Abbado tra Caracas e l'Avana' ans Herz gelegt. Ich habe Abbado leider nicht wie Sie nach Lateinamerika begleitet, konnte aber ausführlich in Italien mit ihm sprechen.

    Antwort auf "Liebe Corina Kolbe,"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Claudio Abbado | Dirigent | Mailand | Daniel Barenboim | Konzert | Musiker
  • Album "Text und Musik": Mutter zuhören!

    Mutter zuhören!

    "Wer hat schon Lust zu denken, wie sie denken, die uns hassen?" Auch das zwölfte Album der Berliner Band Mutter stellt die richtigen Fragen zum Menschsein.

    • Der Rapper Marteria. Er legt Wert darauf, so etwas Altmodisches wie eine politische Meinung zu haben.

      "Ich will Feuer sehen, keine Handys"

      Der aus Rostock stammende Rapper Marteria analysiert für uns das Zeitgeschehen. Mit ihm kann man sogar über Neonazis, Spießer, Drogen und Videospiele reden.

      • "Deutsch so wie Du": Kamyar und Dzeko (von links) sind 15 Jahre alt und kommen aus Fulda.

        "Nee, Du bist kein Deutscher"

        Zwei 15-Jährige widerlegen Sarrazins Thesen: Kamyar und Dzeko geben Kindern mit Migrationshintergrund eine Stimme. Ihr Rap-Video feiert Premiere auf ZEIT ONLINE.

        • Anna Prohaska, 1983 in Neu-Ulm geboren, ist die Tochter eines österreichischen Opernsängers und einer irischen Sängerin.

          Zwischen den Fronten

          Die begnadete klassische Sängerin Anna Prohaska hat ein Faible für schräge Konzeptalben und doppelgesichtige Gestalten. Auf ihrem neuen Album besingt sie den Krieg.

          Service