Naidoo-Skandal : Satan weiche!

Was soll das Geschrei um Xavier Naidoos homophobe Liedtexte? Nichts Neues von einem christlichen Fundamentalisten, schreibt Marcus Staiger.
Kool Savas und Xavier Naidoo nennen sich als Duo Xavas. © Uwe Anspach/dpa

Alle Aufregung umsonst? Viel Lärm um nichts? Nachdem die Jugendorganisation der Linken Strafanzeige gegen den Sänger Xavier Naidoo und den Rapper Kool Savas gestellt hat, erklärte gestern ein Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft, nun doch nicht gegen die beiden Künstler ermitteln zu wollen. Es geht um einen fragwürdigen Hidden Track auf ihrem gemeinsamen Album Gespaltene Persönlichkeit , das im September erschienen ist. Ein Anfangsverdacht der Volksverhetzung habe sich nach eingehender Prüfung des Textes nicht ergeben, erklärte die Staatsanwaltschaft, auch keine, wie von den Linken unterstellte, Gleichsetzung von Homosexuellen mit Pädophilen und Satanisten.

Nun ist das ja so eine Sache mit den Abartigkeiten und der Abweichung von der "gesunden" Sexualität. Im Eifer des Gefechts kann da schnell ein Komma verrutschen und man weiß nicht genau, ob da jetzt über Schwule oder über pädophile Kinderschänder gesprochen wird oder über schwule, pädophile Kinderschänder?

Das Thema Homosexualität taucht im Text von Wo sind sie jetzt überhaupt nicht auf, er handelt offensichtlich ausschließlich von rituellem Kindsmord. Dennoch darf man die Frage schon stellen, wer denn da gemeint ist, wenn es heißt: "Warum liebst Du keine Mösen? – Weil jeder Mensch doch aus einer ist."

Die Welt ist ein Moloch!

Im Weltbild des fundamentalistischen Christen Xavier Naidoos ist wahrscheinlich alles gleichermaßen Sünde und von Luzifer inspiriert. Auswüchse der großen Hure Babylon . Selbst wenn jetzt eine Stellungnahme auf Naidoos Website Hochachtung und Respekt vor der schwul-lesbischen Community bezeugen will: Die Welt ist ein Moloch und wir leben in den letzten Tagen, Bruder!

Dem kann sich Kool Savas nur anschließen, der sich immer wieder als von Satan fehlgeleiteter Saubermann präsentiert, hin- und hergerissen zwischen den Abgründen eines Popstarlebens und dem Wunsch, rein und gut zu sein. Da sitzt in einem Songtext schon mal der Teufel in Form eines blutjungen Mädchens (einer sogenannten Schlampe) auf seinem Schoß und verführt ihn zum Alkoholgenuss und diversen Ausschweifungen. Satan weiche!

Auch die hinlänglich aus besagtem Hidden Track zitierten Zeilen "Wo sind unsere starken Männer / Wo sind unsere Führer / Wo sind sie jetzt?" können nicht wirklich überraschen, wenn man die Texte der beiden Künstler etwas aufmerksamer studiert hat. Durchweg huldigen sie einer gewissen Highlander-Romantik, einem völkischen Heroismus, in dem unentwegt einer aufsteht, einer sich erhebt, eine messianische Lichtgestalt, der Eine, der von der Vorsehung Auserwählte, der die Massen mitreißt und in die Schlacht führt und am Ende das Dunkle vernichtet. Gern begleitet von Pauken und Trompeten.

Ruf nach autoritären Strukturen

Um das zu erkennen, muss man keinen versteckten Song ausgraben. Diese Motivik zieht sich durch das gesamte Werk der beiden Künstler und trifft wohl einen Nerv des Publikums, besieht man sich die beachtlichen Verkaufszahlen.

Über den Autor

Marcus Staiger stand selbst lange Jahre im Zentrum des deutschen Rap-Geschehens. Er war Gründer des Hip-Hop-Labels Royal Bunker und Chefredakteur von Rap.de. Er lebt als Familienvater und Autor in Berlin.

Auch die Verhandlung des Themas Kindesmissbrauch im Rap-Kontext ist nicht neu. Ein Sujet, zu dem alle Idioten dieser Welt eine Meinung haben, jeder für sich natürlich die richtige und gesunde: Kopf ab! Da treffen sich dann Nazis und Islamisten, Biedermänner mit gesundem Volksempfinden, Schwerverbrecher, Steuersünder und nicht-pädophile Vergewaltiger und rufen nach autoritären Strukturen und der Todesstrafe, immer mit dem Argument: "Um jeden Scheiß kümmern sich die da oben, aber die Kinderschänder lassen sie frei herumlaufen!"

Doch darum geht es bei Xavas nur am Rande. Das Album Gespaltene Persönlichkeiten ist in weiten Teilen großartig. Hier hat sich tatsächlich der deutsche R. Kelly mit dem deutschen Jay-Z getroffen und ein wunderbar geistesgestörtes Album aufgenommen. Zeilen wie diese künden von der fortgeschrittenen Ver- und Entrücktheit der beiden Protagonisten, vor allem der Xavier Naidoos: "Wär ich ein Vogel, würd ich meinen Schnabel wetzen mit den Flügeln schlagen und versuchen mich auf den Mond zu setzen/ Wär ich ein Igel, würd ich mich nicht mehr einrollen, was soll denn das bringen, wo führt denn das hin? Für eure Spitzigkeit und eure verletzliche Seite, hab ich hier genau das richtige Ding".

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Kommentare

131 Kommentare Seite 1 von 19 Kommentieren

Das Problem ist, dass solche "Künstler"

gefeiert werden, wenn sie sich mal diffus für das "Richtige" betätigen und das dann schützend nachwirkt, wenn sie "Schei.e" tönen.
Wenn man natürlich "künstlerische Freiheit" mit "Narrenfreiheit" gleichsetzt, ist es allerdings auch wieder egal, im "Richtigen" wie im "Falschen".

Sie zu knechten

Danke für die Wortmeldung. Mir geht dieser Pathos auch auf den Geist. Woher kommt diese Sehnsucht nach einem großen starken Mann, der alles in die Hand nimmt, alle anderen Schäfchen führt und alles wieder gut macht?
"Unheilig" ist ähnlich aufgebaut, vor allem die ungefragte Pose des Rechthabens und des Zeigens mit dem Finger auf andere, die irgendetwas nicht verdient haben...
Solche Künstler besitzen die Arroganz und Überheblichkeit von sich zu sagen, sie besäßen den Schlüssel zur Wahrheit und wären fähig über Recht und Unrecht, Richtig und Falsch urteilen zu können.
Wie anmaßend ist das?
Und dann die billige Masche, sich über Kinderschänder aufzuregen. Schön, wenn man die Wahrheit für sich gepachtet hat und versucht sich über diese Message selbst zum Pop-Messias aufzuschwingen.

Am Thema vorbei

Zum einen sollte man bei der Betrachtung bedenken, dass Naidoo als Kind missbraucht wurde, zum anderen, dass es keine Sehnsucht nach einem "starken Mann" gibt, jedenfalls nicht so, wie Sie es darstellen. Natürlich ist da Pathos dabei, natürlich ist die Sprache drastisch gewählt und natürlich ist das ganze kontrovers und der Text ein Stückweit auch verwirrend. Aber "Solche Künstler besitzen die Arroganz und Überheblichkeit" diese haben nicht nur die Künstler, sondern wir alle. Wir alle melden uns doch hier zum Beispiel zu Wort und vertreten unsere Ansichten und das sicher nicht mit weniger Arroganz.
Im Zweifelsfall sollte man Staiger selbst beleuchten. Bei seinem Label unter anderem früher Sido, KIZ, EKO und viele andere. Wenn es also wirklich nur um den Ton geht, dann gilt das alte Glashaus-Steine-Prinzip.

Starke Männer, Führer, nun ja

Ich kan Ihren Einwand teilweise nachvoll ziehen. Aber dass Hr. Naidoo in einigen Songs und auch ganz deutlich in dem thematisierten nach "starken Männern" und einem "Führer" fragt, kann man nachlesen.
Ich besitze natürlich auch die Arroganz, hier meine Meinung anonym in einem Forum kund zu tun.
Gibt es einen Unterschie dzu Xavas?
Ja: Ich stehe nicht in der Öffentlichkeit als Popstar, der von Millionen Menschen gehört wird und ich kann demnach nicht so viele mit meiner persönlichen Meinung erreichen.
Noch ein Unterschied: Das würde ich auch gar nicht wollen, weil ich wissen würde, dass ich zu viele Menschen damit beeinflussen könnte.
Noch ein unterschied: ich verdiene mit meiner privaten meinung keine Millionen.
Noch einer: Ich stelle meine Meinung hie rzur Diskussion, ein Song ist zum Anhören gedacht. Xavas werden sich sicherlich nicht mit tausenden Leuten deswegen auseinander setzen, nur weil sie ihn publiziert und ab dem Moment aus der Verantwortung gegeben haben, weil sie sich nicht bewusst gewesen sein sollen, was er aussagen kann.
Zu guter Letzt: Nur weil jemand selbst mit etwas Erfahrungen gemacht hat, heißt das nicht dass er automatisch besser als andere damit umgehen kann.
Ich muss sagen: Ich mag auch ein paar Songs von Hrs. Naidoo, aber diesen hier finde ich aus den o.g. Gründen daneben.

Verschwörungstheoretiker

Nebenbei ist interessant wie Xavier Naidoo schon früher offenbar Verschwörungstheorien zu völlig ernstgemeinten Songs verarbeitet hat.
Nur ist es offenbar hauptsächlich dann kritisierenswert, wenn die Theorien aus einem evangelikalen Milieu kommen.

Wenn Naidoo in "Goldwagen" diverse, in linken Kreisen populäre Verschwörungstheorien von "Obama wird von Goldman-Sachs gesteuert", über Atlantikbrücke bis "9/11 war die CIA" zu einem Lied zusammenbastelt, dann zeigt das gut ein ebenso von der Realität losgelöstes Weltbild ist aber keine Meldung wert.

Mangelnde Recherche Seitens des Autors

[...] Und da Xavier Naidoo aus einer Opferperspektive heraus singt, ist sein Zorn auf die Täter absolut verständlich und nicht mit den (im wahrsten Sinne des Wortes) Totschlagargumenten manch anderer Gruppierungen zu vergleichen.

Gekürzt. Bitte belegen Sie Ihre Aussagen mit seriösen Quellen. Danke, die Redaktion/ls