Alle Aufregung umsonst? Viel Lärm um nichts? Nachdem die Jugendorganisation der Linken Strafanzeige gegen den Sänger Xavier Naidoo und den Rapper Kool Savas gestellt hat, erklärte gestern ein Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft, nun doch nicht gegen die beiden Künstler ermitteln zu wollen. Es geht um einen fragwürdigen Hidden Track auf ihrem gemeinsamen Album Gespaltene Persönlichkeit , das im September erschienen ist. Ein Anfangsverdacht der Volksverhetzung habe sich nach eingehender Prüfung des Textes nicht ergeben, erklärte die Staatsanwaltschaft, auch keine, wie von den Linken unterstellte, Gleichsetzung von Homosexuellen mit Pädophilen und Satanisten.

Nun ist das ja so eine Sache mit den Abartigkeiten und der Abweichung von der "gesunden" Sexualität. Im Eifer des Gefechts kann da schnell ein Komma verrutschen und man weiß nicht genau, ob da jetzt über Schwule oder über pädophile Kinderschänder gesprochen wird oder über schwule, pädophile Kinderschänder?

Das Thema Homosexualität taucht im Text von Wo sind sie jetzt überhaupt nicht auf, er handelt offensichtlich ausschließlich von rituellem Kindsmord. Dennoch darf man die Frage schon stellen, wer denn da gemeint ist, wenn es heißt: "Warum liebst Du keine Mösen? – Weil jeder Mensch doch aus einer ist."

Die Welt ist ein Moloch!

Im Weltbild des fundamentalistischen Christen Xavier Naidoos ist wahrscheinlich alles gleichermaßen Sünde und von Luzifer inspiriert. Auswüchse der großen Hure Babylon . Selbst wenn jetzt eine Stellungnahme auf Naidoos Website Hochachtung und Respekt vor der schwul-lesbischen Community bezeugen will: Die Welt ist ein Moloch und wir leben in den letzten Tagen, Bruder!

Dem kann sich Kool Savas nur anschließen, der sich immer wieder als von Satan fehlgeleiteter Saubermann präsentiert, hin- und hergerissen zwischen den Abgründen eines Popstarlebens und dem Wunsch, rein und gut zu sein. Da sitzt in einem Songtext schon mal der Teufel in Form eines blutjungen Mädchens (einer sogenannten Schlampe) auf seinem Schoß und verführt ihn zum Alkoholgenuss und diversen Ausschweifungen. Satan weiche!

Auch die hinlänglich aus besagtem Hidden Track zitierten Zeilen "Wo sind unsere starken Männer / Wo sind unsere Führer / Wo sind sie jetzt?" können nicht wirklich überraschen, wenn man die Texte der beiden Künstler etwas aufmerksamer studiert hat. Durchweg huldigen sie einer gewissen Highlander-Romantik, einem völkischen Heroismus, in dem unentwegt einer aufsteht, einer sich erhebt, eine messianische Lichtgestalt, der Eine, der von der Vorsehung Auserwählte, der die Massen mitreißt und in die Schlacht führt und am Ende das Dunkle vernichtet. Gern begleitet von Pauken und Trompeten.

Ruf nach autoritären Strukturen

Um das zu erkennen, muss man keinen versteckten Song ausgraben. Diese Motivik zieht sich durch das gesamte Werk der beiden Künstler und trifft wohl einen Nerv des Publikums, besieht man sich die beachtlichen Verkaufszahlen.

Auch die Verhandlung des Themas Kindesmissbrauch im Rap-Kontext ist nicht neu. Ein Sujet, zu dem alle Idioten dieser Welt eine Meinung haben, jeder für sich natürlich die richtige und gesunde: Kopf ab! Da treffen sich dann Nazis und Islamisten, Biedermänner mit gesundem Volksempfinden, Schwerverbrecher, Steuersünder und nicht-pädophile Vergewaltiger und rufen nach autoritären Strukturen und der Todesstrafe, immer mit dem Argument: "Um jeden Scheiß kümmern sich die da oben, aber die Kinderschänder lassen sie frei herumlaufen!"

Doch darum geht es bei Xavas nur am Rande. Das Album Gespaltene Persönlichkeiten ist in weiten Teilen großartig. Hier hat sich tatsächlich der deutsche R. Kelly mit dem deutschen Jay-Z getroffen und ein wunderbar geistesgestörtes Album aufgenommen. Zeilen wie diese künden von der fortgeschrittenen Ver- und Entrücktheit der beiden Protagonisten, vor allem der Xavier Naidoos: "Wär ich ein Vogel, würd ich meinen Schnabel wetzen mit den Flügeln schlagen und versuchen mich auf den Mond zu setzen/ Wär ich ein Igel, würd ich mich nicht mehr einrollen, was soll denn das bringen, wo führt denn das hin? Für eure Spitzigkeit und eure verletzliche Seite, hab ich hier genau das richtige Ding".

Die wahre Krux ist die politische Botschaft

Fortwährende Selbstüberschätzungen verquickt mit Selbstüberhöhungen, flankiert mit dem bereits erwähnten "Satan Weiche"-Pathos, gemischt mit dem Gefühl für den absoluten Popsong ergeben ein Feuerwerk der ironischen Pointen – schade nur, dass beide Hauptdarsteller absolut ironiefrei sind.

Und das ist dann auch der eigentliche Skandal an diesem Album und dem Song, der jetzt so viel Aufregung verursacht hat. Xavas meinen das absolut ernst. Nicht die Tatsache, dass sie die gebotene Sensibilität im Umgang mit dem Thema Kindesmissbrauch vermissen lassen, sondern dass sie sich zu einer ernst gemeinten politischen Botschaft aufschwingen, ist die Krux an der Sache. Savas rappt mit einem dämonisch verzerrten Effekt auf der Stimme: "okkulte Rituale besiegeln den Pakt der Macht / mit unfassbarer Perversion werden Kinder und Babys abgeschlachtet / Teil einer Loge – getarnt unter Anzug und Robe / sie schreiben ihre eigenen Gebote / Bruderschaften errichtet aus Leid – sie fühlen sich überlegen und posieren vor uns und lächeln ins Blitzlicht".

Hier ist also jemand im Besitz einer tiefergehenden Wahrheit und stellte einen Zusammenhang her zwischen Geheimbünden, satanistischen Praktiken und realer politischer Macht. Die Mächtigen dieser Welt treffen sich in geheimen Logen und trinken Kinderblut für den Machterhalt! Das System hat sich von Gott abgewandt und steuert seinem Untergang entgegen. Wer solche Gruselgeschichten hat, braucht sich mit wirklicher Politik, Wirtschaft, ökonomischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen nicht mehr zu beschäftigen. Der Teufel ist ja schuld.