Becks "Song Reader"Ein Popstar-Album zum Selbermachen

Aufspielen statt runterladen! Beck Hansen veröffentlicht sein zwölftes Album nur als Notenbuch. Unzählige YouTube-Versionen seines "Song Reader" versammeln sich im Netz. von Annette Walter

Liela Moss und Carl Barât beim Konzertabend in London

Liela Moss und Carl Barât beim Konzertabend in London  |  © Georgia Kuhn

Die Handabdrücke von Nick Cave und Billy Bragg grüßen von der Wand. Hier im Londoner Viertel Shoreditch, das wegen beschleunigter Gentrifizierung oft als Hipsterhochburg gescholten wird, huldigt man der vordigitalen Ära: Der Plattenladen Rough Trade East an der Brick Lane feiert Vinyl, Buchdruck und Fotokabine. Es gibt wohl kaum einen passenderen Veranstaltungsort, um Auszüge aus Beck Hansens Song Reader aufzuführen.

Der Künstler selbst weilt im heimatlichen Los Angeles . Die Präsentation seiner 20 neuen Songs, die am Nikolaustag veröffentlicht werden, übernimmt eine britische Indie-All-Star-Band. Das Album ist keine CD oder Platte, sondern ein Buch: eine Papierkladde mit großzügig bedruckten Notenblättern und altmodischen Illustrationen, deren Ästhetik an die fünfziger Jahre und Singer-Songwriter wie Woody Guthrie erinnern, die in Karohemd, staubiger Hose, mit der Akustikgitarre um den Hals durchs Land zogen.

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Die Lieder erzählen von Beck Hansens Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit. Now that your dollar bills have sprouted wings und America, here's my boy spielen mit uramerikanischen Motiven, der 42-Jährige singt vom Tellerwäschertraum mal umgekehrt oder von der Pflicht, seinem Land dienen zu müssen, wie schmerzhaft das auch sei.

Die Noten zu "Do we? We do."

Die Noten zu "Do we? We do."  |  © Faber and Faber

Schon als Junge blätterte Hansen gern in Notenbüchern in den Büchereien seiner Heimatstadt Los Angeles. Mitte der neunziger Jahre hielt er dann den ersten Abdruck seiner eigenen Musik in Händen. Es faszinierte ihn, die Essenz seiner Songs auf Papier zu sehen. Nach elf Studioalben, der Gründung eines Record Clubs , der Popgeschichte an einem Tag neu einspielt, sowie Kollaborationen mit Charlotte Gainsbourg und Thurston Moore beschloss er, ein Do-it-yourself-Album zu schreiben. Musiklehrer dürfen jubeln.


Becks Vorwort zum Liederbuch liest sich mächtig desillusioniert. Er bedauert, dass Popsongs ihren Wert verloren hätten. Der Plattensammler grummelt, die digitale Entwicklung habe sie ihrer Substanz beraubt, die sie auf Vinyl oder CD noch besaßen. Sein Song Reader soll der Gegenentwurf sein zum flüchtigen Download, den man komfortabel konsumiert: Nur wer die Songs selbst erlernt, kann sich an ihrer Schönheit erfreuen, lautet die Botschaft. Beck, der Popstar, verschwindet hinter dem Projekt. Im ganzen Buch kein Foto von ihm.


Statt Beck steht also der britische Indiemusiker Ed Harcourt in London auf einer kleinen Bühne. Harcourt trägt eine Pelzmütze, seine Haare sind grau gesträhnt, der 35-Jährige ist schon eine Weile im Musikgeschäft, vor elf Jahren erschien sein Debütalbum. Sein kommerzieller Erfolg blieb stets überschaubar, Harcourt selbst ein Idealist: "Manchmal ist man pleite, manchmal hat man Geld".

Leserkommentare
  1. ich überlege mein Saxophon vom Dachoden zu holen.

    • dymphna
    • 06. Dezember 2012 23:23 Uhr

    seit fast 20 Jahren. Hervorragende Idee, geht vielleicht mal als "viral music" in die Geschichte ein.

    • Gerry10
    • 07. Dezember 2012 6:57 Uhr

    ...zwischen Musiker und Popstar. Beck ist eindeutig das Erste.

    Beck is so the man!

  2. Um tatsächlich populär zu sein, war es vor der digitalen Revolution bzw. dem Siegeszug moderner Speichermedien für kulturelle Hervorbringungen unabdingbar, dass sie sich aufgrund ihrer ästhetischen Struktur immer wieder problemlos aktualisieren ließen: ein Gassenhauer musste auf der Straße von möglichst vielen gesungen oder gepfiffen werden, eine Sentenz musste so griffig sein, dass sie praktisch in jedes Gespräche einfließen konnte. In einem medialen Umfeld, wo alles mit einem Klick im Sozialen Netzwerk geteilt werden kann, ist das nicht länger der Fall – außer man schafft Anreize dafür, wie Beck Hansen mit seinem „Song Reader“. Zudem schlägt er einen Bogen zur Konzeptkunst, bei der die Ausführung ja auch nicht durch den Künstler selbst erfolgen muss.
    Dass ein Komponist nur die Noten und den Text seines Werkes veröffentlicht, wäre dabei natürlich eigentlich nicht weiter erwähnenswert – für Jahrhunderte war das in der Musikgeschichte die Regel –, wenn diese Veröffentlichung nicht im kulturellen Teilsystem der Popmusik stattfinden würde, in dem der Performer respektive Star seit langem weit wichtiger ist, als sein künstlerisches Produkt. Vor diesem Hintergrund ist der „Song Reader“ eine ziemlich spannende Idee.

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    Ey, so gebilded abgehoben,grr. Ich mach seid dreissig Jahren Musik, habe einen relooper, aber auch mit anderen. Es ist eine Droge, Leben, reich werden pah, geht dabei nicht, so what, es mach gluecklich, das ist sicher, halt jung(ich rauche nicht) das ist sicher, so what, go 4 it

  3. Ey, so gebilded abgehoben,grr. Ich mach seid dreissig Jahren Musik, habe einen relooper, aber auch mit anderen. Es ist eine Droge, Leben, reich werden pah, geht dabei nicht, so what, es mach gluecklich, das ist sicher, halt jung(ich rauche nicht) das ist sicher, so what, go 4 it

  4. den ganzen tollen "die sich dafür halten" musikern mal n riegel vorschieben. i love it.

  5. 7. Schade

    dass mit keinem Wort Becks bedauerliche Verstrickung bei Scientology erwähnt wird...

    www.lermanet.com/beck/

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    was ist an scientology schlimmer als am islam oder dem christentum? umsonst gibts die hirnwäsche nirgends ...

  6. was ist an scientology schlimmer als am islam oder dem christentum? umsonst gibts die hirnwäsche nirgends ...

    Antwort auf "Schade"

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