Nachruf Dave Brubeck : Der Johann Sebastian Bach des Jazz

Dave Brubeck galt zu Recht als aufregendster Jazzkünstler seiner Zeit. Er war der erste, der mit 13/4-Takten ein Massenpublikum erreichte.

"Ich fange gerade an, mich selbst zu verstehen. Aber es wäre großartig gewesen, mich selbst zu verstehen, als ich 20 war – und nicht erst mit 82", hat Dave Brubeck gesagt. Immerhin hatte er noch fast zehn Jahre Zeit, seine Altersweisheit zu genießen: Der Jazzpianist wurde fast 92 Jahre alt.

Der Satz ist ein typischer Brubeck: Er war für einen Jazzer immer reichlich verkopft, und auch seine Musik hatte mehr mit dem Hirn als mit dem Bauch zu tun. Der größte Hit seines Quartetts, das so publikumswirksame Take Five von 1959, erreichte sein Massenpublikum trotz (oder wegen) des ungewohnten 5/4-Takts, der in neutönender E-Musik eher zu Hause schien als im Jazz.

Das Album Time Out , auf dem neben Take Five auch fünf von sechs weiteren Stücken den traditionellen 4/4-Takt mieden, war das erste Jazz-Album, das mehr als eine Million Mal über den Ladentisch ging. Bis heute gehört es zu den meistverkauften Jazzplatten überhaupt. Als Komponist von Take Five zeichnete zwar nicht Brubeck verantwortlich, sondern der Saxophonist des Quartetts, Paul Desmond . Doch die Songs entstanden zum größten Teil aus gemeinsamen Improvisationen, sodass die Urheberschaft kaum einem Einzelnen zuzuordnen ist.

Eigentlich sollte Brubeck Cowboy werden wie sein Vater, der in Rodeos ritt, oder zumindest Tierarzt. Schon zwei ältere Brüder waren der Musik verfallen, und jemand musste doch die Riesen-Ranch im nordkalifornischen Concord erben. Doch auch Dave hatte schon als Knabe bei der Mutter, einer ausgebildeten Pianistin, Klavierstunden genossen. Vom Blatt spielen lernte er aber nie, spürte lieber seinen eigenen Melodien nach.

Dem Filmemacher Ken Burns erzählte Brubeck, er habe beim Viehtreiben davon geträumt, dass die Rinder Benny Goodmans Tour-Bus aufhalten würden und er dem Meister vorspielen könnte. Bei langen einsamen Ritten habe sich das "Bum Bum Bum" oder "Bum Ba Da Bum Ba Da" der Hufe in Metren verwandelt: "So kam ich in die Polyrhythmik hinein – als ich über die Weide geritten bin."

So konnte das nichts werden mit dem begonnenen Studium der Veterinärmedizin. Brubeck wechselte 1941 zur Musik, zunächst ans College of the Pacific in Stockton und dann an das Mills College in Oakland. Dort wäre er beinahe geflogen, als seine Lehrer mitbekamen, dass er keine Noten lesen konnte. Doch einige Profs setzten sich für ihn ein, weil er trotzdem in Harmonielehre und Kontrapunkt so gut war.

Der Zweite Weltkrieg kam, Brubeck wurde 1943 eingezogen. Am Anfang hatte er noch Gelegenheit, an der University of California Vorlesungen beim Zwölftöner Arnold Schönberg zu hören, der aus Wien emigriert war. Dann musste er an die Front. Bald spielte er in einer Band, die er aus schwarzen und weißen Soldaten zusammenstellte: "Ich hatte die erste gemischte Band der Army", erinnerte er sich später.

Zurück am College , lernte Brubeck bei einem weiteren Emigranten, Darius Milhaud , der auch den Minimalisten Steve Reich und den Elektronik-Pionier Karlheinz Stockhausen unterrichtete. Milhaud sagte ihm: "Wenn du dieses Land zum Ausdruck bringen willst, wirst du immer das Jazz-Idiom benutzen." Noch an der Uni gründete Brubeck ein experimentierfreudiges, aber erfolgsarmes Oktett namens The Jazz Workshop Ensemble. 

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Kommentare

35 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Noten lesen

Große Klasse, lieber Nachruf-Verfasser! Dave Brubeck konnte also keine Noten lesen. Dieser Hinweis scheint Ihnen ja sehr am Herzen zu liegen, Ihr Artikel weist mehrmals darauf hin. Es gibt ja auch sonst kaum etwas über diesen Musiker zu berichten, nicht wahr? Diese Jazzer, spielen einfach, was sie wollen, so was auch!

Übel, übel: Da wir uns hier in der "Zeit" befinden, hat
Frau Miosga diese epochale Erkenntnis gleich aufgegriffen und Ihrerseits in den Tagesthemen kolportiert.

Lassen wir uns das auf der Zunge zergehen: Da macht jemand 75 Jahre Musik und bekommt nach seinem Ableben einen kleinen Nachruf und alles was dem Journalisten einfällt ist: Er konnte keine
Noten lesen! Dumm nur, daß Herr Brubeck Orchesterwerke verfasst hat, wie hat er die wohl zu Papier gebracht? Und: Komischerweise attestieren Sie Freund Dave eine gewisse Verkopftheit -- wie geht das alles zusammen? Hat die Zeit eigentlich einen Lektor, oder kommt es beim Thema Jazz nicht so sehr darauf an? Schließlich können Jazzmusiker ja keine Noten lesen...

Ihre Anmerkungen wurden weitergeleitet. Die Redaktion/mak

J.S. Bach

Ich muss dem Vorschreibenden völlig zustimmen. Genauso ist mir der unsägliche Vergleich mit J.S.Bach sauer aufgestoßen, auch wenn er im Text dann auf die "verkopfte" Art der Komposition beschränkt wird - die Überschrift quantifiziert nicht.
Nur in einer Andeutung die Wirkungsmacht oder das kreative Genie dieser Musiker zu vergleichen wird für Dave Brubeck (auch wenn er angenehme und durchaus interessante Ideen hatte) sicher nicht vorteilhaft enden - und dabei ist er es fraglos wert, sich seiner zu erinnern.

Einfach nur absurd!!

"Nicht Noten lesen" und "nicht vom Blatt spielen" zu können hat nichts miteinander zu tun!!!
Nicht Noten lesen können meint, dass jemand tatsächlich nicht in der Lage ist dieses einfach und logische System von fünf Linien zu durchschauen...was bei normaler geistiger Gesundheit fast nicht vorstellbar ist, zumal sich im vorliegenden Falle Brubeck sein ganzes Leben mit Musik beschäftigt hat. Das wäre ungefähr vergleichbar mit einem Schriftsteller, der nicht lesen kann....
Vom Blatt spielen meint die Fähigkeit, sofort, und ohne üben zu müssen, den Notentext in Musik umzuwandeln. Das kann nun dann wieder nicht jeder gleichgut, ist es begabungs- und übungsabhängig. Obwohl ich klassische Pianistin bin und des Notenlesens durchaus mächtig, würde ich mich nicht so den gerissensten Blattspielern zählen.

Dass Brubeck keine Noten lesen konnte, aber in Kontrapunkt und Harmonielehre so gut gewesen sein soll, schließt sich quasi aus....ebenfalls absurd die Tatsache, dass Milhaud einen Schüler hatte, der keine Noten lesen konnte :D

In dem Artikel reiht sich eine Absurdität an die andere. Eigentlich erwarte ich mir von den Autoren der ZEIT ein minimalstes Fachverständnis über die Themen, über die sie schreiben. Sonst könnte ich es ja auch gleich selber machen...

jaja, Noten - und Bach... - ganz toll

Kann den Beiträgen 2 und 3 nur zustimmen. Wie albern - Notenlesen lernt man (wenn man ein Instrument zumindest so lala spielen kann) mit Talent in wenigen Tagen - mit wenig Talent (und ohne Instrumentenübung) in wenige Wochen - sie sollten es mal probieren.
Was finden Nichtmusiker nur immer so toll daran, wenn ein Musiker angeblich (!) keine Noten lesen kann. Finden sie es auch toll, wenn ein Autor nicht lesen/schreiben kann?
Und Orchesterwerke sind ohne gute Notenkenntnisse (bzw. ohne umfangreiche Assistenz von jemanden der das kann) schlicht unmöglich... nicht nur von der Komposition, sonder auch von der Orchestration her. Wobei auch noch hinzukommt, dass die Orchestration ja durchaus Teil der Komposition sein kann bzw. ist (je nach Titel/Musik).

Und warum muss denn ein Vergleich mit J.S. Bach sein? Mir scheint, als ginge es hierbei nur um eine reisserische Überschrift. Man wird damit doch weder dem Einen noch dem Anderen gerecht. Tun Sie es doch bitte niemanden (!) an, ihn/sie mit J.S. Bach zu vergleichen. Ausserdem sind derartige Vergleiche (nach dem Motto, wer war besser, Bach, Mozart, Beethoven...) im eigentlichen Sinne "unmusikalisch" ;-)

Ich hoffe, dass Dave Brubeck vielen Menschen noch lange in Erinnerung bleiben wird und sie seine Musik genießen werden.