Musik für die FeiertageEs gibt sie, die guten Weihnachtsalben

Weihnachten ohne "Last Christmas"? Doch, das geht. Auch in diesem Jahr gibt es herrliche neue Alternativen zum repetitiven Gesülze. von 

Schlimmer geht's immer: Wham! auf dem japanischen Cover zu "Last Christmas"

Schlimmer geht's immer: Wham! auf dem japanischen Cover zu "Last Christmas"  |  © Sony Music

Wer sich im Dezember in Läden und Fußgängerzonen herumtreibt, wird den akustischen Dauernudeln aus dem popmusikalischen Jahresendrepertoire kaum entkommen: Wham! und Chris Rea, Bryan Adams und Band Aid. Aber es gibt ja Online-Shopping. Und im Autoradio auf dem Heimweg vom Büro kann man einen musikfreien Nachrichtensender einstellen, um George Michaels Gejammer zu entgehen. Hat man die Haustür dann hinter sich geschlossen und den Glühwein angewärmt, legt man eine Weihnachts-CD ein, die man noch nicht so oft gehört hat, dass sie Ohrenbluten auslösen würde.

Eine schön romantische ist December von Scala & Kolacny Brothers , einem Frauenchor aus Belgien , der schon mit Rammstein-, Radiohead- und Metallica- Coverversionen aufgefallen ist. Jetzt hat er sich Jahreszeitliches unter anderem von den Smashing Pumpkins, Pearl Jam und Coldplay vorgenommen, My December von Linkin Park und River von Joni Mitchell , einen der vielleicht schönsten Weihnachtsmelancholieträger: " It's coming on Christmas / They're cutting down trees / They're putting up reindeer / And singing songs of joy and peace / Oh I wish I had a river I could skate away on. "

Das säuselt natursüß zu Klavierbegleitung, Synthesizer und Drumcomputer, hart an der Schmalzgrenze, aber nie drüber. Nur im Bonustrack können die Sängerinnen der Todsünde nicht widerstehen – Last Christmas . Zu ihrer Entschuldigung: Das haben die Damen schon gesungen, als man sie noch ungestraft Mädchenchor nennen durfte.

Auch ein Song von Sufjan Stevens ist dabei. Der bekennende Weihnachtsfan legt bereits das zweite Album zur Jahreszeit vor – wie schon 2006 als Box mit 58 Songs auf fünf CD, dazu Temporary Tattoos , ein Stern zum Selberbasteln , Aufkleber und noch mehr so wundertütiges Zeug. Die Songs nahm er eigentlich als Geschenke für Freunde auf, je eine der Scheiben pro Jahr. Ein paar Kumpels haben sich zum Adventskaffeekränzchen gesellt, darunter Aaron und Bryce Dessner von The National und Richard Reed Parry von Arcade Fire.

Der Killerschneemann im Ekel-Splatter-Zombie-Video zu Mr. Frosty Man zeugt von wenig respektvoller Attitüde, aber unter den Nummern auf Silver & Gold sind auch breitwandinstrumentierte Schlager, fromme Hymnen und unbekümmerter Tiefschneepop, Stille Nacht steht neben schrägen Eigenkreationen des Banjo-Liebhabers. In den ausführlichen Begleittexten bemüht er sich um die Analyse des alljährlichen Weihnachtswahnsinns.

Deutlich konventioneller fällt der Sampler Holidays Rule aus, aber der erscheint ja auch bei Starbucks beziehungsweise dem zum Kaffeekocher gehörenden Label Hear Music. Die 17 Tracks vereinen Größen wie Paul McCartney ( Chestnuts Roasting On An Open Fire ), Calexico ( Green Grows The Holly ) und Rufus Wainwright , der mit Sharon Van Etten das wunderschöne alte Duett Baby, It's Cold Outside singt.

Auch The Shins , die Fruit Bats und Holly Golightly sind dabei, und Fun gehen auf eine üppig instrumentierte Schlittenfahrt ( Sleigh Ride ). Das ist alles ziemlich Mainstream, aber immer noch besser als die alljährliche Exhumierung friedlich verwester Popleichen vom Kaliber eines Driving Home for Christmas .

Und wen es nach mehr Schärfe in der Lebkuchenwürze gelüstet, für den gibt’s Tinsel and Lights von Tracey Thorn , einst eine Hälfte von Everything But The Girl – tief in den hochpolitischen achtziger Jahren verwurzelt und internationaler Solidarität, den nordirischen Unabhängigkeitsbestrebungen und antikapitalistischer Konsumkritik eher zugetan als Geschenkeschleifen und Winterschlussverkauf.

Dass auch noch Green Gartside zu Gast ist, der mit seiner Band Scritti Politti marxistische Theorie, dekonstruktivistische Philosophie und New Wave vereint, macht Tinsel and Lights zum wohl unwahrscheinlichsten Weihnachtsalbum aller Zeiten. Thorn hat sich – außer Have Yourself A Merry Little Christmas – Stücke abseits des klassischen Kanons gesucht: Snow von Randy Newman , In The Cold Cold Night von den White Stripes, Sufjan Stevens' Sister Winter . Und Mitchells River .

Leserkommentare
  1. Ein wunderbares Album ist "Oh, Blue Christmas" von A Fine Frenzy!
    Viel Spaß damit und frohe Weihnachten, liebe Mitforisten!

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    Mist ;-) ich hatte mir das für ein eigen erstelltes Projekt ausgedacht - aber es gibt halt alles Gute schon längst ..

    Falls jemand Advents- und Weihnachtslieder, in modernem Arrangement auf der Orgel gespielt, mag - hier sind 12 Stücke zum Runterladen. (ca. 35 Min. Spieldauer, 43 MB)

    Viel Spaß!

    • Marobod
    • 18. Dezember 2012 12:03 Uhr

    mit dem Weihnachtsalbum von Frank Sinatra?

  2. Mist ;-) ich hatte mir das für ein eigen erstelltes Projekt ausgedacht - aber es gibt halt alles Gute schon längst ..

    Falls jemand Advents- und Weihnachtslieder, in modernem Arrangement auf der Orgel gespielt, mag - hier sind 12 Stücke zum Runterladen. (ca. 35 Min. Spieldauer, 43 MB)

    Viel Spaß!

    Antwort auf "Noch eins..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Danke sehr Herr Nehls! Ihr weihnachtliches Orgelspiel ist eine willkommene Alternative.

  3. John Zorn - A dreamers Christmas (inkl. Mike Patton im letzten Track "Christmas Song").

  4. fragen sie ihren Arzt oder Apotheker

    • bowie
    • 18. Dezember 2012 13:34 Uhr

    ...nein, nicht "Little Drummer Boy" von Bing Crosby und David Bowie ;))

    "White Christmas" von den Searchers - eine tolle Version mit viel Groove und trotzdem weihnachtlich
    "Santa Baby" von Eartha Kitt - heiliger Bimbam, das nenne ich anzüglich!

    • bowie
    • 18. Dezember 2012 13:39 Uhr
    7. hoppla

    "White Christmas" ist - in der Version die ich meine - natürlich von den Drifters, nicht von den Searchers.

    • R_IP
    • 18. Dezember 2012 13:54 Uhr

    aber mein liebstes Weihnachtsalbum ist von Aimee Mann,
    "One More Drifter in the Snow" von 2006. Und das tolle daran ist, dass man es auch ohne Probleme zu jeder anderen Jahreszeit hören kann...

    Also ich kann das jedenfalls ;)

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