Musikrückblick 2012Unsere besten Alben des Jahres

Heiße Neulinge und alte Eisen: Welche Musik hat uns 2012 bewegt? Zwölf Musikkritiker von ZEIT und ZEIT ONLINE nennen ihre Lieblingsalben.

Tipps von Jan Freitag

Ben Howard: Every Kingdom (Island/Universal)
Folk ist bekanntlich das Ding der Stunde. Um daraus ein Ding der Unmöglichkeit zu machen, etwas wirklich Großes, etwas Bleibendes, bedarf es allerdings schon etwas mehr als Melancholie, Zauseligkeit und schöner Worte. Ben Howard hat all dies zur Genüge, in sein Debütalbum Every Kingdom packt er allerdings noch ein brillantes Gitarrenspiel, sein südenglisches Cockney und die nonchalante Rotzigkeit eines 23-Jährigen. Damit beschert er uns das Folkalbum 2012 schlechthin.

Captain PlanET: Treibeis (zeitstrafe)
Man mag darüber diskutieren, ob Treibeis ein echtes Punkrockalbum ist. Man mag sogar infrage stellen, dass Captain PlanET Punkrocker sind. Unbestreitbar aber ist, dass die Band aus Hamburg auf ihrer dritten Platte mit druckvoller Stimme, stimmigen Riffs und klugem eins-zwo-drei-vier-Gestus viel Charisma und Herz in ein Genre packt, das bisweilen grobschlächtig daherkommt. Captain PlanET sind zu intelligent fürs Brachiale. Und zu brachial fürs Verkopfte. Großartig!

Diagrams: Black Light (Full Time Hobby)
Guter Pop, könnte man sagen, ist die Kunst des geordneten Durcheinanders. Und kaum einer strukturiert es chaotischer als Sam Genders. Black Light, das Solodebüt des Tung-Sängers, ist in seiner Flatterhaftigkeit, einer Art verspielter Hermeneutik, so bezaubernd sorglos und dabei doch ziemlich ernst, irgendwo zwischen Bigband und Americana. Beim Hören findet man ein paar Momente Ruhe im Aberwitz der Gegenwart, nicht betäubt, sondern beschwichtigt. Ein seltenes Schauspiel.


Tipps von Thomas Groß

Leonard Cohen: Old Ideas (Smi Col/Sony)
Bibel, Thora, Kamasutra: Die alten Ideen sind die besten, wenn sie den guten Hirten Leonard durchströmen. Noch einmal hat er all seine Spleens versammelt und zu einem Album zusammengebunden, das uns erklärt, was die Idee der Liebe mit der Idee der Erlösung zu tun hat, ohne dabei als Illuminat daherzukommen. Old Lennie bleibt ein gewöhnlicher Sünder, der an die Himmelstür klopft, ja, manchmal meint man schon fast die Englein singen zu hören. Bleibt uns zu hoffen, dass sie ihn noch eine Weile nicht reinlassen.

Frank Ocean: Channel Orange (Island/Universal)
Was für eine Stimme, was für Songs, was für eine grandios durchgeknallte Type! Frank Ocean ist der legitime Erbe Curtis Mayfields und Marvin Gayes, er hat dem R'n'B ein neues, zeitgenössisches Gesicht gegeben, ohne dabei allzu stark die Errungenschaften der kosmetischen Chirurgie zu bemühen, aber auch ohne in die Stereotypen vom echten, warmen und erdigen Soul zurückzufallen. Sozialkritik, Soundfuturismus und Gender Trouble gehen hier noch mal Hand in Hand. Allein schon deshalb die Platte des Jahres.

Die Türen: ABCEFDHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ (Staatsakt/Rough Trade)
Berliner Agitpop mit hohem Aufrüttelfaktor und integriertem Humorantrieb. Getreu der Devise, der Kopf sei rund, damit das Denken seine Richtung wechseln kann, wird der Ball immer mehrfach über Bande gespielt, bis man gar nicht mehr weiß, wo es langgeht, aber vielleicht gerade deshalb seinen eigenen Weg findet. Mit einem Cover zum Selberbasteln, denn dies ist nun mal kein Konsumentenmist, sondern eine Mi-Ma-Mitmachplatte, bester Slogan: "Ich will keinen Mindestlohn, ich will Mindestliebe!"

Tipps von Sebastian Handke

Dr. John: Locked Down (Nonesuch)
Beim Bonnaroo Festival machten sie 2011 erstmals gemeinsame Sache: Die New-Orleans-Legende Dr. John und Dan Auerbach (The Black Keys). Später holten sie sich eine All-Star-Band ins Studio: Vor allem der Drummer Max Weissenfeldt und der Bassist Nick Movshon (er legte schon für Amy Winehouse das Fundament) treiben Dr. Johns unverwechselbaren Swamp Blues ins Hier und Jetzt. Über allem thront der Meister mit kratzigem Voodoo, groovt und präludiert dazu auf einem halben Dutzend historischer und prähistorischer Tasteninstrumente (eine Optigan-Orgel!). Mehr Funk war dieses Jahr nicht. Der Doc, übrigens, ist 72.

 

Jessie Ware: Devotion (Island)
Wer jenseits von Retro und Revivalism hören will, wie Soul von heute klingt, muss das Ohr nach Großbritannien richten: Dem UK Bass sind dort in letzter Zeit einige vielversprechende Vokalisten entwachsen. Auch Jessie Ware war zunächst auf cuts von SBTRKT, Sampha und Joker zu hören, hier erhebt sich ihre Stimme über delikat angerichtetem Nu Soul. Jessie Ware gewinnt Spannung aus Zurücknahme: geschmeidig, fesselnd, leicht und konzentriert; mal ausbrechend, mal flüsternd. Winzige Nuancen verschieben ihren warmkalten Gesang von lieblich zu gebieterisch – und zurück. Pure Hypnose.

John Talabot: fIN (Permanent Vacation)
In einer Zeit, da sich die talentiertesten Produzenten elektronischer Musik in geisterhafter Körperschwere zu übertreffen suchen, ist Talabots erstes Album eine Offenbarung. Nur wenige seiner Kollegen verfügen über ein derart ausgeprägtes Gespür für die Dramaturgie eines House-Tracks: Talabot hat in seinen Jahren als Resident in Barcelonas Razzmatazz gelernt, wie man die Druckpunkte setzt. Doch seine Musik ist nicht mehr so balearisch schlicht wie sein Club-Hit Sunshine von 2009. Es hat sich Melancholie eingeschlichen in die fein gefügten Texturen: Euphorie kommt jetzt nicht mehr wie eine Welle. Sie schleicht sich von innen an und bricht aus.

Tipps von Stefan Hentz

Günter Baby Sommer, Savina Yannatou, Floros Floridis, Evgenios Voulgaris, Spilios Kastanis: Songs For Kommeno (Intakt)
Durch Musik Wunden verheilen, Vergangenes vergehen lassen? Mit seinen Songs for Kommeno erinnert der Schlagzeuger Günter Baby Sommer an die Opfer eines Massakers in Griechenland. Ihm geht es darum, der düsteren Erinnerung durch den Griff in den tiefen Fundus griechischer, byzantinischer, ottomanischer Klänge Hoffnung und Zuversicht abzugewinnen. Schönheit, die sich nicht von Stiefeln zertrampeln lässt. Ob sie den Schmerz über ein deutsches Kriegsverbrechen überwinden kann und Raum schaffen für eine Gegenwart?

Rolf & Joachim Kühn: Lifeline (Universal)
Zwei Brüder aus der Thomanerstadt Leipzig feiern Wiedersehen in der Jazzstadt New York und gönnen sich eine Session mit zwei Freunden im Geiste. Spontaneität und Spielfreude, um Kraft und Vision, um Verständnis und Kommunikation – des Pudels Kern. Und so spielen die vier. Entschlossen und zupackend, draufgängerisch und radikal ziehen sie ihre Bahnen. Warme und präzise Klarinette, sprudelndes wie zwangsläufiges Klavier, Bass und Schlagzeug, als hätten sie Jahre auf diesen Moment hingelebt. Bach und Coltrane nicken aus der Ferne. Ein Fest der Spielfreude.

Sidsel Endresen & Stian Westerhus: Didymoi Dreams (Rune gramofon)
Gitarre und Stimme, ganz im Hier und Jetzt. Gitarre und Stimme? Tatsächlich? Nichts ist sicher. Nichts ist so, wie es sonst klingt. Der Körper ein Soundgenerator, der Stimmapparat ein Set von Filtern. Die Gitarre eine Industrielandschaft, die Finger eine Kamera zum Erfassen von Klang. Jede Silbe, jeder einzelne Ton entsteht im Moment, entwickelt sein eigenes Leben, seine Farbe, seine Schwerkraft. Alle Gesetze sind aufgehoben, nur das Miteinander, der Prozess, die Wärme zählt. Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.


Tipps von Frank Schäfer

Witchcraft: Legend (Nuclear Blast)
Witchcraft versuchen, die Evolution des Doom Metal aus dem Psychedelic Rock zu wiederholen, aber so bezwingend tight und betörend melodiös und vor allem so rund produziert wie auf Legend gab es das von ihnen noch nicht zu hören. Der Kreativminister der Band, Magnus Pelander, singt glockenklar, sanftmütig, hippiesk, und die beiden Neuen an den Gitarren halten mit rüder Akkordarbeit dagegen, als ob es wieder 1969 wäre und sie zeigen müssten, dass der Sommer der Liebe nun aber endgültig vorbei ist und man langsam mal die Blumen aus dem Haar nehmen sollte.

Dinosaur Jr.: I Bet On Sky (PIAS)
Einmal mehr rollt der Riff-Sisyphos J Mascis unermüdlich seine massiven Akkord-Trümmer die ziemlich steilen Songs hinauf, und zwischendurch hat er auch immer noch Muße für diese typisch ungestümen und trotzdem merkwürdig in sich gekehrten, um sich selbst kreisenden Solo-Tänze. Der rustikale, kalkuliert ungeschliffene, hundertprozentig analoge Schimmelkellersound liefert genau das nötige Pfund an Profanität, das seine immer leicht elevierten – manche sagen auch larmoyanten – Gesangsbögen zur Erdung benötigen.

Gojira: L'Enfant Sauvage (Roadrunner)
In Flames und Soilwork haben den Weg geebnet, und die französische Art-Death-Metal-Band Gojira schlägt sich einmal seitlich in die Büsche, aber eine Abkürzung ist das nicht. Die ungemein komprimierte Produktion vermischt Brutalinski-Attitüde und Breitwand-Melodram, eine mitunter ziemlich ausgefuchste Prog-Textur evoziert zusätzliches Verstörungspotenzial, und über allem thront Joe Duplantier, dessen Monsterorgan einen fünfzigköpfigen Kirchenchor an die Wand grölen könnte. Und das macht er dann auch.


Tipps von Maxi Sickert

Now's The Time. Deep German Jazz Grooves, Vol. 2 1957-1969. The Lost Tracks (Sonorama/Groove Attack)
Manches ist zu Recht vergessen und hätte vielleicht nicht wieder ausgegraben werden sollen. Neben bekannten Namen wie Hans Koller und Albert Mangelsdorff, die Ende der fünfziger Jahre noch mit akrobatischer Schnelligkeit Bebop spielten, überraschen jedoch versteckte Seltsamkeiten wie die Modern Jazz Crew Stuttgart und vor allem das Manfred Weisandt Trio mit Many's Waltz. Berührend zärtlich und reduziert. Eine Zeitschleife zurück zu den tastenden Anfängen des German Jazz.

Schlippenbach Plays Monk. Piano Solo (Intakt)
Die Erinnerung der Hände. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach seiner ersten und einzigen Begegnung mit dem verehrten Übervater übersetzt Alexander von Schlippenbach ausgewählte Stücke von Thelonious Monk in das Schlippenbachsche Universum. Sehr intim und mit sparsamen Anschlägen, immer wieder spielerisch genial und doch respektvoll zurückgenommen, gibt uns der großartige und spröde Free-Jazz-Pianist Einblick in seine Seele und zeigt, dass er doch ein großer Romantiker ist.

Dell, Westergaard, Lillinger feat. John Tchicai (Jazzwerkstatt)
Es sind die letzten Aufnahmen des Mastermusicians John Tchicai, die 2010 in Berlin aufgenommen wurden. Auf Einladung des Labels Jazzwerkstatt spielte der an legendären Coltrane-Aufnahmen beteiligte Saxofonist Tchicai mit dem Vibrafonist Christopher Dell, dem Bassist Jonas Westergaard und dem 1984 geborenen Berliner Ausnahmeschlagzeuger Christian Lillinger sein Projekt Music against Apartheid, das der langjährige Aktivist Tchicai gemeinsam mit dem südafrikanischen Bassisten Johnny Dyani in den achtziger Jahren entwickelt hatte. Wenige Monate vor Tchicais Tod im Oktober 2012 spielte die Gruppe die Musik noch einmal live. Traumverloren und intensiv. Improvisatorische Kunst auf ihrem Höhepunkt.


Tipps von Marcus Staiger

Celo und Abdi: Hinterhofjargon (Azzlackz/Groove Attack)
Auch wenn Celo und Abdi wegen diverser israelkritischer Andeutungen und der Ankündigung, ihr Album Hinterhofjargon könne man gerne auch als HJ abkürzen, unterschiedliche Debatten an der Hacke haben, so ist ihr Debüt trotz allem eines der besten Alben des Jahres. Straight von den Straßen des Frankfurter Südens in einem Kauderwelsch, das nicht Eingeweihten als undefinierbare Fremdsprache erscheinen muss. Wer sich jedoch durch die türkisch-arabisch-rotwelschen Sprachfetzen hindurch gekämpft hat, kann manch klugen Gedanken entdecken und einen ungeschönten Blick auf die Welt, wie sie ist.

Die Orsons: Das Chaos Und Die Ordnung (Chimperator/Universal)
Kaum ein Album wurde in diesem Jahr wohl so unterschätzt. Die Orsons sind vier Musiker in der falschen Band oder die falsche Band für vier geniale Solokünstler. Wie man das Ding auch drehen und wenden möchte, Das Chaos Und Die Ordnung wäre für jede andere Band der Meilenstein ihrer Karriere gewesen, nicht so für die Orsons. Witzig, verspielt, genial, brachial, künstlerische Freiheit auf dem Höhepunkt. Dennoch bleibt der Eindruck, ihre musikalische Anarchie solle die Musiker lediglich davor schützen, sich selbst zu nahe zu kommen. Das schaffen dann nur die Solosongs, das aber mit Gänsehaut. Wahnsinn!

Chief Keef: Back From The Dead (Glory Boys Ent./free download)
In der aktuellen Spex gibt es bereits einen Nachruf auf diesen Trend, der in diesem Jahr als frischer, unkonventioneller und rauer Wind die Hip-Hop-Szene durchwirbelte. Trap Music, sei schon wieder out, schreibt da der Kollege – zu schnell zu groß geworden. Nichtsdestotrotz hat Chief Keef, ein mittlerweile 17-jähriger Junge aus Chicago mit seinem Mixtape Back From The Dead einen echten Klassiker hingerotzt und Maßstäbe gesetzt. Dreckiger, roher und düsterer geht es kaum. Liebe Trap Music, egal, was die anderen sagen, ich mag dich trotzdem und werde auch weiterhin den Helikopter zu dir tanzen.


Tipps von Ulrich Stock

Heinz Sauer, Michael Wollny: Don't Explain, Live in Concert (Act)
Der Wettbewerb, wann die erste Platte des Jahres ausgerufen wird, beginnt stets am 1. Januar. Hier zur Abwechslung das Gegenteil: Dieses Konzert des 79-jährigen Saxofonisten Sauer und des 34-jährigen Pianisten Wollny in der Stadtkirche Darmstadt wurde am 2. September 2012 überhaupt erst aufgenommen. Herausgekommen ist es am 30. November. Eine Last-Minute-Platte-des-Jahres. Die Musik läuft gut ins Ohr. Wollny spielt entspannt virtuos, Sauer noch entspannter. So macht Jazz Spaß. Unsere Kostprobe stammt aus der Feder von Bob Dylan. Und 79 minus 34 macht übrigens 45.

Mr Day: Dry Up In The Sun (Favorite Recordings)
Sitzen Sie gut? Sonst stehen Sie kurz auf, und wir schieben noch diese Hammond-Orgel drunter. Ah, das ist bequem, oder? Da könnte man sich sogar reinlegen. Man kann natürlich auch aufstehen und zu dieser Musik tanzen. Soul ohne Stress, Motown hier, Curtis Mayfield da. Läuft gut ins Ohr. Erschienen im April. Platte des Jahres!

Recomposed by Max Richter: Vivaldi, The Four Seasons (Deutsche Grammophon)
Frühling, Sommer, Herbst und Vivaldi sind seit dem Jahre 1725 miteinander verwoben, besonders untrennbar, seit die Klassik-Wohlfühlwellen ihr Programm nach der Kapielski-Formel gestalten, Einfallspinsel = Ausfallspinsel. Der Berliner Komponist Max Richter haut nun beherzt dazwischen und befreit Antonios Quartalswerk von den Reben und Ranken des Werdens und Vergehens. Vivaldi umkomponiert und vom Konzerthaus Kammerorchester Berlin rund- und grunderneuert eingespielt! Erschienen im Oktober. Sehr, sehr, sehr Platte des Jahres.


Tipps von Volker Schmidt

Animal Collective: Centipede HZ (Domino)
Mit diesem Album bläst das animalische Kollektiv, diesmal vierköpfig, die allzu frickeligen Spinnweben von seiner Musik und rockt riffig los. Es quietscht und fiept, rumpelt schrägrhythmisch und zieht den psychedelisch-proggigen Spielereien den selbstverliebten Zahn. Schicht um Schicht legen sich Rhythmusspuren über Elektronika über Rhythmusspuren über Rauschen über Gitarrenkrach über Rhythmusspuren. Sonic Youth haben würdige Nachfolger in digitalen Zeiten gefunden.

Sixto Diaz Rodriguez: Searching for Sugar Man (Legacy/Sony Music)
Der Sugar Man war eine Legende in Südafrika, ohne es zu wissen: Per Bootleg hatten sich die beiden in den heimischen USA erfolglosen Alben des Singer-Songwriters Sixto Diaz Rodriguez im Apartheid-Staat der siebziger Jahre verbreitet. Dass nichts mehr nachkam, erklärten sich seine Fans am Kap damit, dass ihr Idol gestorben sei. Seine Wiederentdeckung bringt einen Musiker zurück auf die Bühne, der lakonische Lyrics und üppige Arrangements zu seltsam zeitgemäßen Songs verbindet.

Samúel Jón Samúelsson Big Band: Helvítis Fokking Fokk (Contemplate)
Großgruppen-Funk mit Ethno-Power gegen Aschewolken und Finanzkrise: Die Samúel Jón Samúelsson Big Band zelebriert Blaxploitation-Minidramen, Prügelszenen und Siebziger-Jahre-Lederklamotten in isländischer Kulisse, mischt arabischen Wüstenblues und ghanaisches Highlife-Club-Arschgewackel in Kraftbläsersätze, wie sie zuletzt von Earth, Wind & Fire oder Tower Of Power zu hören waren. So zeigt man kollabierenden Banken und sterbenden Zeitungen stilvoll den Stinkefinger.

Tipps von Matthias Schönebäumer

Phantom Ghost: Pardon My English (Dial)
Ach, Dr. Schadenfreud, was soll ich nur tun? Ich kann nicht aufhören diese Platte zu hören, diese Trostfackel der alten Hoffnung mit all ihren sublimen Melodien und ihrer plüschigen Müdigkeit. Und dann singt dieser von Lowtzow auch noch von dunkelster Todesahnung, umweht in einer angelsächsischen Kunstsprache, dass die Brokatvorhänge flattern und das Eichenparkett knatscht. Und dieses verzärtelte Piano… Herr Doktor, ich glaube, ich bin verliebt.

Smallpeople: Salty Days (Smallville)
2012 war ein großes Jahr für Smallville, Hamburgs unaufgeräumtesten Plattenladen, und seine Bewohner. Salty Days ist flirrender Chicago-Schmelz, analoger Soul und handwarme Bässe – der House-Sound der kleinen Leute. Man kann darauf tanzen oder aber einfach nur liegenbleiben. Darf ausschließlich nur von supernetten DJs gespielt werden. Bonuspunkte für das schöne Artwork von Stefan Marx. Auf dass ihnen das Salz niemals ausgehe.

Kendrick Lamar: good kid, m.A.A.d. City (Interscope)
"Einen Kurzfilm" nennt Kendrick Lamar sein zweites Album. Ein autobiografisches Rap-Album als akustischer Bildungsroman mit Compton, L.A. als mythischer Kulisse. Ausgewaschene Voicemail-Nachrichten und atmosphärische Hörspielsequenzen halten die Erzählung über Einsamkeit, Gruppenzwang und Ruhmsucht zusammen. Fantastisch und intelligent gerappt, großartig produziert unter der Regie von Dr. Dre. Die Hip-Hop-Platte des Jahres. A day in the life.

Tipps von Rabea Weihser

Frank Ocean: Channel Orange (Island/Universal)
Nachts, wenn vom Schnee verstärktes Mondlicht durchs Fenster fällt, wache ich auf und höre "Si-eeeee-rra" oder "Crack-Rock-Crack-Rock-Crack-Rock" durch meinen Kopf hallen. Lange nicht verfingen sich dort so viele Melodiefetzen eines Albums. Ja, Frank Ocean ist der King of Hooklines. Er legt sie stilsicher über ein Geflecht aus elektrifiziertem, aber doch organischem R 'n' B, ohne den genrespezifischen Schwulst. Und diese bissigen Sozialstudien in den Texten – großartig. Die Atmosphäre seines Debütalbums Channel Orange erinnert an die besten Momente von Kanye Wests College Dropout oder Outkasts The Love Below. Lange auf so etwas gewartet.

Poliça: Give You The Ghost (Memphis Industries/Indigo)
Mensch und Gitarre, die Keimzelle der Popmusik? Poliça haben diese Annahme mit ihrem Debütalbum widerlegt. Fender oder Gibson brauchen sie nicht. Channy Lanneagh jagt ihre Stimme durch alle Effektgeräte, die seit Cher den Stempel "Trash" tragen und formt daraus zusammen mit zwei Schlagzeugern, einem Bassisten und einem Produzenten vernebelte Songs. Druckvoll und melancholisch zugleich, ein beeindruckendes Zusammenspiel von Mensch und Maschinen.

Recomposed by Max Richter: Vivaldi, The Four Seasons (Deutsche Grammophon)
Interpretation ist alles in der klassischen Musik. Ungefähr 578.436 Ensembles haben sich seit 1725 daran versucht, den Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi etwas Neues abzugewinnen. Und wenn es nur eine schnelle Mark war. Max Richter ging jetzt so weit und hat den Klassiker umgeschrieben. Sein Ergebnis ist atemberaubend. Wie ein Bildhauer schält Richter die Wetter- und Gefühlslagen aus dem Original. Noch nie hat der Eistänzer auf dem winterlichen See seine Pirouetten so einsam und meditativ gedreht. Noch nie haben im Frühling die Vögel so wild durcheinander gezwitschert. Vivaldis Ideen sind greifbar und in eine heutige Sprache übersetzt. Was will eine Interpretation mehr!

Tipps von Thomas Winkler

Kid Kopphausen: I (Trocadero/Indigo)
Wenn der vielleicht beste, sicherlich der am meisten unterbewertete deutsche Songwriter stirbt, dann ist das traurig. Immerhin aber hat Nils Koppruch kurz vor seinem Tod noch dieses gemeinsame Album mit Gisbert zu Knyphausen herausgebracht. Die wunderschönen Songs darauf erleichtern den Abschied ein klein wenig. Und führen noch einmal vor Ohren, dass da von nun an jemand sehr, sehr fehlen wird.

Shaban & Käptn Peng: Die Zähmung der Hydra (Kreismusik/Soulfood)
Robert Gwisdek hat einen an der Waffel, zweifellos, aber das verarbeitet er so eloquent und rhythmisch, dass er aus dem Stand zu einem der besten Rapper hierzulande aufstieg. Sein Bruder Hannes baut dazu so schönschräge Beats, dass, falls es halbwegs gerecht zugeht, die Gebrüder Gwisdek irgendwann in näherer Zukunft berühmter sein müssten als ihre berühmten Schauspielereltern Corinna Harfouch und Michael Gwisdek.

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen: Jeder auf Erden ist wunderschön (Tapete/Indigo)
Dass sich Superpunk auflösten, das war gar nicht schön. Sehr schön aber war, dass ein entscheidendes Drittel dieser besten deutschen Northern-Soul-Band einfach eine neue Band gründete. Nun gibt es wieder Musik, die einen über den denkbar beschissensten Tag bringt und die selbst Toten die Depressionen austreiben kann. So schön ist es, dass es nun Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen gibt, dass einem selbst von der erstligalosen Hauptstadt aus das halbe Dutzend Loblieder auf den Fußball nicht wie Hohn erscheint.

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Leserkommentare
  1. Lieber Stefan Hentz,

    Danke für die Empfehlungen.
    Bei Kühn&Kühn und Endresen&Westerhus ist aber leider die gleiche Hörprobe verlinkt.

    Gruß, SK

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    Redaktion

    Liebe Leser,

    vielen Dank für die Hinweise. Mittlerweile ist das korrekte Hörbeispiel von Rolf & Joachim Kühn eingebaut.
    Beste Grüße aus der Redaktion!

  2. 2. Danke!

    Wie jedes Jahr (seit wann gibts die nun eigentlich?) freue ich mich sehr über diese Liste und bin noch lange nicht mit dem Durchlesen und -hören fertig. Die üblichen Meckerkommentare werden wohl auch dieses Jahr nicht ausbleiben ("wie - Album xy von z ist nicht dabei??? hat da überhaupt einer Ahnung von Musik??? das war doch DAS Album des Jahres!!!"), aber so sind die Menschen (lieber meckern und sich wichtig machen als selbst mal so eine Liste zu schreiben - die Leserartikelsparte steht ihnen offen). Ich werde sicherlich wieder die ein oder andere kleine Perle entdecken, die mir bis jetzt unbekannt geblieben ist.

    Ein Fehler ist mir bis jetzt aufgefallen - das Klangbeispiel bei den Gebrüdern Kühn und bei Sidsel Endresen ist identisch.

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  3. aber wo bleibt die Klassik?

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    klassik sehe ich auf seite elf - max richter.
    wirklich tolles album, übrigens.

    vor allem: wo bleiben die Komponisten und Komponistinnen der Gegenwart? Rock-Pop-Jazz-Listen findet man in einschlägigen Magazinen ja zur Genüge... Nichtsdestotrotz: Frohes Fest!

  4. Vielen Dank, liebe Zeit, für die 36 Empfehlungen. Schade, dass nur 3 Alben im entferntesten eine gewisse Bekanntheit erlangt haben (Frank Ocean, Die Orsons, Ben Howard, dessen Album allerdings schon 2011 erschien). Es würde mich freuen, wenn Sie sich in Zukunft eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Popkultur wagen würden, sodass nicht nur 3% der Leserschaft wissen, worum es geht (Ehrlich, wer kennt Shaban und Käptn Peng?). Auch breitenwirksame Alben wie "The Heist", "Life is Good", "The Truth about love", "Some Nights" oder "Girl on Fire" sind durchaus eine sarkasmusfreie Besprechung und Empfehlung wert.

    2 Leserempfehlungen
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    bei der Frage wer Shaban und Käptn Peng kennt. Denn lustigerweise ist es das einzige Album von den genannten das ich bisher gehört habe.
    Liegt vielleicht daran dass ich andere Musikrichtungen bevorzuge aber ich werde mir trotzdem mal alles genannte anhören. Für mich war das Jahr 2012 musikalisch gesehen ein echter Genuss, so viele tolle Alben kamen raus. Wenn ich dann hier noch mehr finden kann umso besser. Bekannt oder unbekannt ist da doch Nebensache.

    • 15thMD
    • 13. Dezember 2012 14:58 Uhr

    Ich möchte hier neue Musik entdecken, vielleicht auch aus Genres, die mit nicht so geläufig sind. Wenn ich Musik hören möchte, die mir in einer Stunde Radio das 10te mal entgegenbrüllt, mache ich das Radio an.. Wenn man sich wirklich mit MUsik auseinandersetzt wird man schnell entdecken, dass es eine viel größere Vielfalt hinter der Fassade des Pop gibt. Und meist finden sich eben die besten Stücke genau da.

    Btw, Seite 7 ist doch schon fast Mainstream. Also die Orsons sind eigentlich schon sehr bekannt (die kenne sogar ich als jemand, der außer Prinz Pi Deutschrap nicht wirklich mag.), haben sogar vor kurzem ein Lied mit Cro gemacht und den kennt man ja wohl (suche Cro auf Musikplattform --> finde u.a. die Orsons).

    • afromme
    • 13. Dezember 2012 16:58 Uhr

    "Schade, dass nur 3 Alben im entferntesten eine gewisse Bekanntheit erlangt haben (Frank Ocean, Die Orsons, Ben Howard, dessen Album allerdings schon 2011 erschien). Es würde mich freuen, wenn Sie sich in Zukunft eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Popkultur wagen würden, sodass nicht nur 3% der Leserschaft wissen, worum es geht (Ehrlich, wer kennt Shaban und Käptn Peng?). Auch breitenwirksame Alben wie "The Heist", "Life is Good", "The Truth about love", "Some Nights" oder "Girl on Fire" sind durchaus eine sarkasmusfreie Besprechung und Empfehlung wert."

    Ich mag an dieser jaehrlichen Zusammenstellung auf ZEIT Online eben DASS sie nicht bloss noch einmal die sowieso schon bekannten Platten des Jahres herunterleiert, zu denen man schon ueberall Rezensionen gelesen hat. Statt dessen gibt es eine persoenliche Best-Of-Liste verschiedener Redakteure in der man herumstoebern kann und mit der unbekanntere Kuenstler mal einer etwas breiteren Oeffentlichkeit praesentiert werden. Ich entdecke auch lieber in einer Liste erst einmal obskur anmutender Platten etwas neues, als noch einmal Alicia Keys und Konsorten praesentiert zu bekommen. Wer diese Kuenstler rezensiert sehen will wird uebrigens das ganze Jahr ueber auch im Musikblog der Zeit fuendig, wo vor nicht einmal einem Monat auch "Girl on Fire" ganz unsarkastisch rezensiert wurde:
    http://blog.zeit.de/tontr...

    vorgestellt von verschiedenen Redakteur/inn/en - so wie eben hier - anregender und spannender als einen Ansatz, der sich irgendwie an in der Kunst sowieso nicht nachvollziehbaren Kriterien wie Ausgewogenheit, Resonanz, Un-/Bekanntheitsgrad, ... versuchen würde. Und, wie "afromme" sinngemäß sagt: Es gibt ja auch noch andere Quellen, wo man zufällig etwas hört oder auch gezielt suchen kann.

    • Stejo
    • 13. Dezember 2012 20:08 Uhr

    aber dann wurden dadurch Shaban und Käptn Peng meine Entdeckung des Jahres

    @deblaenk,

    der persönlich wunsch nach der besprechung massenfähigher alben sei ihnen unbenommen und dem wird hier ja auch immer mal entsprochen. allerdings kann man kaum verlangen, dass diese dann automatisch auch auf den persönlichen jahresbestenlisten landen.

    wenn man allerdings bemängelt, dass ausgewählte alben/musiker wie z.b. leonard cohen(!) zu unbekannt sind, wird es haarig, von einem 3% bekanntheitsgrad zu besprechen.

    ich selbst freu mich immer unter den durchaus bekannten alben auf diese weise noch mal etwas neues zu entdecken.

  5. bei der Frage wer Shaban und Käptn Peng kennt. Denn lustigerweise ist es das einzige Album von den genannten das ich bisher gehört habe.
    Liegt vielleicht daran dass ich andere Musikrichtungen bevorzuge aber ich werde mir trotzdem mal alles genannte anhören. Für mich war das Jahr 2012 musikalisch gesehen ein echter Genuss, so viele tolle Alben kamen raus. Wenn ich dann hier noch mehr finden kann umso besser. Bekannt oder unbekannt ist da doch Nebensache.

  6. Natürlich herzlichen Dank an alle Rezensenten für diesen Querschnitt - wieder eine reichhaltige Fundgrube!

    Nebenbei eine Frage: Warum ist mit Rabea Weihser nur eine Frau unter Euch? Eine Alleinstellungsaura zwar, die ihr gegönnt sei, aber da gibts doch immer noch so Debatten über ..., und hier und da eigentlich auch geschlechtsspezifische Differenzierungen bei Performance, Interpretation, Hörweisen und Vorlieben von/zur Musik ... ??

    Last - not least, bei dieser Gelegenheit:
    Herzlichen Dank auch für die Reihe "Rekorder": Wunderbar coole, schlichte, zurückhaltende Inszenierung! Kann man die Songs und ihre Musiker per Video spannender und empathischer nahebringen, als so? Gerade die Kombination aus Song/Musik - Mensch - Ambiente erzeugt in diesem anscheinenden Purismus eine wunderbare Spannung! Finde ich.
    (Leider führt der Link "Rekorder-Alle Songs" nicht an den versprochenen Ort, sondern nur auf die allgemeine Videothek. Die Reihe wird hoffentlich nicht eingestellt?).

    ¡Saludos! SK

    2 Leserempfehlungen
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    Na dann zählen Sie lieber noch mal nach... ;)

    von Maxi Sickert war mir als Jazzfan durch die Maschen gefallen. Das ergibt dann ja schon ein Verhältnis von 2:10 für die Frauen!

  7. @deblaenk:

    Was hat der Bekanntheitsgrad mit der musikalischen Qualität zu tun?

    Da ich mich eher mit Gitarrenmusik auskenne kann ich zumindest beurteilen dass mit Witchcraft und Gojira zwei sehr gute, mainstreamkompatible und auch bekannte Alben gewählt wurden.

    Vielen Dank, ich werde das alles mal in Ruhe durchhören (spotify macht's möglich)!

    Eine Leserempfehlung
    • -emtz-
    • 13. Dezember 2012 14:26 Uhr

    Viele Leser solcher Listen wollen diese halt gerne durchgehen und denken "Ohja kenn ich das fand ich auch gut."

    Das eine so liebevoll und auch noch gleich mit aussagekräftigen Hörproben versehene Liste auch Neues eröffnen kann ist dann wieder zu viel. Die vom Radio wissen schon was gut ist, im Zweifel muss man es eben nur oft genug hören.

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