Tipps von Rabea Weihser

Frank Ocean: Channel Orange (Island/Universal)
Nachts, wenn vom Schnee verstärktes Mondlicht durchs Fenster fällt, wache ich auf und höre "Si-eeeee-rra" oder "Crack-Rock-Crack-Rock-Crack-Rock" durch meinen Kopf hallen. Lange nicht verfingen sich dort so viele Melodiefetzen eines Albums. Ja, Frank Ocean ist der King of Hooklines. Er legt sie stilsicher über ein Geflecht aus elektrifiziertem, aber doch organischem R 'n' B, ohne den genrespezifischen Schwulst. Und diese bissigen Sozialstudien in den Texten – großartig. Die Atmosphäre seines Debütalbums Channel Orange erinnert an die besten Momente von Kanye Wests College Dropout oder Outkasts The Love Below. Lange auf so etwas gewartet.

Poliça: Give You The Ghost (Memphis Industries/Indigo)
Mensch und Gitarre, die Keimzelle der Popmusik? Poliça haben diese Annahme mit ihrem Debütalbum widerlegt. Fender oder Gibson brauchen sie nicht. Channy Lanneagh jagt ihre Stimme durch alle Effektgeräte, die seit Cher den Stempel "Trash" tragen und formt daraus zusammen mit zwei Schlagzeugern, einem Bassisten und einem Produzenten vernebelte Songs. Druckvoll und melancholisch zugleich, ein beeindruckendes Zusammenspiel von Mensch und Maschinen.

Recomposed by Max Richter: Vivaldi, The Four Seasons (Deutsche Grammophon)
Interpretation ist alles in der klassischen Musik. Ungefähr 578.436 Ensembles haben sich seit 1725 daran versucht, den Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi etwas Neues abzugewinnen. Und wenn es nur eine schnelle Mark war. Max Richter ging jetzt so weit und hat den Klassiker umgeschrieben. Sein Ergebnis ist atemberaubend. Wie ein Bildhauer schält Richter die Wetter- und Gefühlslagen aus dem Original. Noch nie hat der Eistänzer auf dem winterlichen See seine Pirouetten so einsam und meditativ gedreht. Noch nie haben im Frühling die Vögel so wild durcheinander gezwitschert. Vivaldis Ideen sind greifbar und in eine heutige Sprache übersetzt. Was will eine Interpretation mehr!