Musikrückblick 2012 : Unsere besten Alben des Jahres
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Frank Ocean, Poliça, Max Richter

Tipps von Rabea Weihser

Frank Ocean: Channel Orange (Island/Universal)
Nachts, wenn vom Schnee verstärktes Mondlicht durchs Fenster fällt, wache ich auf und höre "Si-eeeee-rra" oder "Crack-Rock-Crack-Rock-Crack-Rock" durch meinen Kopf hallen. Lange nicht verfingen sich dort so viele Melodiefetzen eines Albums. Ja, Frank Ocean ist der King of Hooklines. Er legt sie stilsicher über ein Geflecht aus elektrifiziertem, aber doch organischem R 'n' B, ohne den genrespezifischen Schwulst. Und diese bissigen Sozialstudien in den Texten – großartig. Die Atmosphäre seines Debütalbums Channel Orange erinnert an die besten Momente von Kanye Wests College Dropout oder Outkasts The Love Below. Lange auf so etwas gewartet.

Poliça: Give You The Ghost (Memphis Industries/Indigo)
Mensch und Gitarre, die Keimzelle der Popmusik? Poliça haben diese Annahme mit ihrem Debütalbum widerlegt. Fender oder Gibson brauchen sie nicht. Channy Lanneagh jagt ihre Stimme durch alle Effektgeräte, die seit Cher den Stempel "Trash" tragen und formt daraus zusammen mit zwei Schlagzeugern, einem Bassisten und einem Produzenten vernebelte Songs. Druckvoll und melancholisch zugleich, ein beeindruckendes Zusammenspiel von Mensch und Maschinen.

Recomposed by Max Richter: Vivaldi, The Four Seasons (Deutsche Grammophon)
Interpretation ist alles in der klassischen Musik. Ungefähr 578.436 Ensembles haben sich seit 1725 daran versucht, den Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi etwas Neues abzugewinnen. Und wenn es nur eine schnelle Mark war. Max Richter ging jetzt so weit und hat den Klassiker umgeschrieben. Sein Ergebnis ist atemberaubend. Wie ein Bildhauer schält Richter die Wetter- und Gefühlslagen aus dem Original. Noch nie hat der Eistänzer auf dem winterlichen See seine Pirouetten so einsam und meditativ gedreht. Noch nie haben im Frühling die Vögel so wild durcheinander gezwitschert. Vivaldis Ideen sind greifbar und in eine heutige Sprache übersetzt. Was will eine Interpretation mehr!

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Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Danke!

Wie jedes Jahr (seit wann gibts die nun eigentlich?) freue ich mich sehr über diese Liste und bin noch lange nicht mit dem Durchlesen und -hören fertig. Die üblichen Meckerkommentare werden wohl auch dieses Jahr nicht ausbleiben ("wie - Album xy von z ist nicht dabei??? hat da überhaupt einer Ahnung von Musik??? das war doch DAS Album des Jahres!!!"), aber so sind die Menschen (lieber meckern und sich wichtig machen als selbst mal so eine Liste zu schreiben - die Leserartikelsparte steht ihnen offen). Ich werde sicherlich wieder die ein oder andere kleine Perle entdecken, die mir bis jetzt unbekannt geblieben ist.

Ein Fehler ist mir bis jetzt aufgefallen - das Klangbeispiel bei den Gebrüdern Kühn und bei Sidsel Endresen ist identisch.

Je unbekannter desto cooler

Vielen Dank, liebe Zeit, für die 36 Empfehlungen. Schade, dass nur 3 Alben im entferntesten eine gewisse Bekanntheit erlangt haben (Frank Ocean, Die Orsons, Ben Howard, dessen Album allerdings schon 2011 erschien). Es würde mich freuen, wenn Sie sich in Zukunft eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Popkultur wagen würden, sodass nicht nur 3% der Leserschaft wissen, worum es geht (Ehrlich, wer kennt Shaban und Käptn Peng?). Auch breitenwirksame Alben wie "The Heist", "Life is Good", "The Truth about love", "Some Nights" oder "Girl on Fire" sind durchaus eine sarkasmusfreie Besprechung und Empfehlung wert.

Ich musste schmunzeln

bei der Frage wer Shaban und Käptn Peng kennt. Denn lustigerweise ist es das einzige Album von den genannten das ich bisher gehört habe.
Liegt vielleicht daran dass ich andere Musikrichtungen bevorzuge aber ich werde mir trotzdem mal alles genannte anhören. Für mich war das Jahr 2012 musikalisch gesehen ein echter Genuss, so viele tolle Alben kamen raus. Wenn ich dann hier noch mehr finden kann umso besser. Bekannt oder unbekannt ist da doch Nebensache.

Sinn?

Ich möchte hier neue Musik entdecken, vielleicht auch aus Genres, die mit nicht so geläufig sind. Wenn ich Musik hören möchte, die mir in einer Stunde Radio das 10te mal entgegenbrüllt, mache ich das Radio an.. Wenn man sich wirklich mit MUsik auseinandersetzt wird man schnell entdecken, dass es eine viel größere Vielfalt hinter der Fassade des Pop gibt. Und meist finden sich eben die besten Stücke genau da.

Btw, Seite 7 ist doch schon fast Mainstream. Also die Orsons sind eigentlich schon sehr bekannt (die kenne sogar ich als jemand, der außer Prinz Pi Deutschrap nicht wirklich mag.), haben sogar vor kurzem ein Lied mit Cro gemacht und den kennt man ja wohl (suche Cro auf Musikplattform --> finde u.a. die Orsons).

Warum uebermaessg Bekanntes besprechen?

"Schade, dass nur 3 Alben im entferntesten eine gewisse Bekanntheit erlangt haben (Frank Ocean, Die Orsons, Ben Howard, dessen Album allerdings schon 2011 erschien). Es würde mich freuen, wenn Sie sich in Zukunft eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Popkultur wagen würden, sodass nicht nur 3% der Leserschaft wissen, worum es geht (Ehrlich, wer kennt Shaban und Käptn Peng?). Auch breitenwirksame Alben wie "The Heist", "Life is Good", "The Truth about love", "Some Nights" oder "Girl on Fire" sind durchaus eine sarkasmusfreie Besprechung und Empfehlung wert."

Ich mag an dieser jaehrlichen Zusammenstellung auf ZEIT Online eben DASS sie nicht bloss noch einmal die sowieso schon bekannten Platten des Jahres herunterleiert, zu denen man schon ueberall Rezensionen gelesen hat. Statt dessen gibt es eine persoenliche Best-Of-Liste verschiedener Redakteure in der man herumstoebern kann und mit der unbekanntere Kuenstler mal einer etwas breiteren Oeffentlichkeit praesentiert werden. Ich entdecke auch lieber in einer Liste erst einmal obskur anmutender Platten etwas neues, als noch einmal Alicia Keys und Konsorten praesentiert zu bekommen. Wer diese Kuenstler rezensiert sehen will wird uebrigens das ganze Jahr ueber auch im Musikblog der Zeit fuendig, wo vor nicht einmal einem Monat auch "Girl on Fire" ganz unsarkastisch rezensiert wurde:
http://blog.zeit.de/tontr...

Ich finde auch einen schrägen, asymmetrischen Querschnitt,

vorgestellt von verschiedenen Redakteur/inn/en - so wie eben hier - anregender und spannender als einen Ansatz, der sich irgendwie an in der Kunst sowieso nicht nachvollziehbaren Kriterien wie Ausgewogenheit, Resonanz, Un-/Bekanntheitsgrad, ... versuchen würde. Und, wie "afromme" sinngemäß sagt: Es gibt ja auch noch andere Quellen, wo man zufällig etwas hört oder auch gezielt suchen kann.

gern doch abseits der ausgetretenen pfade

@deblaenk,

der persönlich wunsch nach der besprechung massenfähigher alben sei ihnen unbenommen und dem wird hier ja auch immer mal entsprochen. allerdings kann man kaum verlangen, dass diese dann automatisch auch auf den persönlichen jahresbestenlisten landen.

wenn man allerdings bemängelt, dass ausgewählte alben/musiker wie z.b. leonard cohen(!) zu unbekannt sind, wird es haarig, von einem 3% bekanntheitsgrad zu besprechen.

ich selbst freu mich immer unter den durchaus bekannten alben auf diese weise noch mal etwas neues zu entdecken.