Tipps von Sebastian Handke

Dr. John: Locked Down (Nonesuch)
Beim Bonnaroo Festival machten sie 2011 erstmals gemeinsame Sache: Die New-Orleans-Legende Dr. John und Dan Auerbach (The Black Keys). Später holten sie sich eine All-Star-Band ins Studio: Vor allem der Drummer Max Weissenfeldt und der Bassist Nick Movshon (er legte schon für Amy Winehouse das Fundament) treiben Dr. Johns unverwechselbaren Swamp Blues ins Hier und Jetzt. Über allem thront der Meister mit kratzigem Voodoo, groovt und präludiert dazu auf einem halben Dutzend historischer und prähistorischer Tasteninstrumente (eine Optigan-Orgel!). Mehr Funk war dieses Jahr nicht. Der Doc, übrigens, ist 72.

 

Jessie Ware: Devotion (Island)
Wer jenseits von Retro und Revivalism hören will, wie Soul von heute klingt, muss das Ohr nach Großbritannien richten: Dem UK Bass sind dort in letzter Zeit einige vielversprechende Vokalisten entwachsen. Auch Jessie Ware war zunächst auf cuts von SBTRKT, Sampha und Joker zu hören, hier erhebt sich ihre Stimme über delikat angerichtetem Nu Soul. Jessie Ware gewinnt Spannung aus Zurücknahme: geschmeidig, fesselnd, leicht und konzentriert; mal ausbrechend, mal flüsternd. Winzige Nuancen verschieben ihren warmkalten Gesang von lieblich zu gebieterisch – und zurück. Pure Hypnose.

John Talabot: fIN (Permanent Vacation)
In einer Zeit, da sich die talentiertesten Produzenten elektronischer Musik in geisterhafter Körperschwere zu übertreffen suchen, ist Talabots erstes Album eine Offenbarung. Nur wenige seiner Kollegen verfügen über ein derart ausgeprägtes Gespür für die Dramaturgie eines House-Tracks: Talabot hat in seinen Jahren als Resident in Barcelonas Razzmatazz gelernt, wie man die Druckpunkte setzt. Doch seine Musik ist nicht mehr so balearisch schlicht wie sein Club-Hit Sunshine von 2009. Es hat sich Melancholie eingeschlichen in die fein gefügten Texturen: Euphorie kommt jetzt nicht mehr wie eine Welle. Sie schleicht sich von innen an und bricht aus.