Ich war vorbereitet, hatte Bier im Angebot eingekauft, Marzipankartoffeln gegen den Frust, denn es würde einen Verlierer geben an diesem Abend und scharfe Chips, damit das Bier auch weggetrunken wurde. Steht ja sonst nur im Keller herum. Die Freunde kamen, Metal-Veteranen der ersten, zweiten und dritten Stunde und Helge, der Nachkömmling, der noch viel lernen musste.

Ein Spieleabend, ich weiß selbst, wie das klingt. Aber es ging hier ja wahrhaftig nicht um einen dieser banalen Zeittotschläger, erdacht für Menschen, die nichts mit sich anfangen können, die immer einer geregelten Beschäftigung nachgehen müssen. Wenigstens würfeln. Monopoly ? Die Pest. Risiko ? Gott sei bei uns. Die Siedler von Catan ? Sieh zu, dass du Land gewinnst! Es ging hier um etwas Wichtigeres. Es ging um eine Disziplin, die noch nicht olympisch ist, aber zumindest akademisch, es ging um den guten alten Rock‘n‘Roll. Das Spiel Rock Science – Himmel, wer wüsste besser als wir, dass das alles längst kein Spiel mehr ist! – war unseres geballten Sachverstands unbedingt würdig.

Zunächst gab es Irritationen unter den Akteuren. "Sachmal, setzt du beim Einkaufen deine Brille auch mal auf?" Man hielt mir eine Flasche direkt unter die Nase: "Krombacher – Radler – alkoholfrei."
"Alter, mehr Fehler kann man bei einem einzigen Bierkauf nicht machen."
"Der Typ an der Kasse hätte mich fragen müssen", schimpfte ich.
"Was denn fragen?"
"Wollen Sie das wirklich kaufen?"

Nun, man besorgte Ersatz und mit halbstündiger Verspätung konnten wir beginnen. Es geht bei Rock Science um die uralte Streitfrage: Poser, Fan or Scientist? Das Spiel verlangt Materialwissen und zielt damit genau zwischen die Augen des ordinären Heavy-Metal-Süchtlings. Im Grund steckt nämlich in jedem Metalhead ein archaischer Wissenschaftler, ein verrückter Entomologe, der nach vielen Entbehrungen endlich diesen neuen seltenen Käfer aufspießen kann. "Rock" ist dann auch ein kleiner Etikettenschwindel. Jimi Hendrix , Stones und Clash kommen vor, in der Regel wird dann aber doch das Hard‘n‘Heavy-Fach auf den Kopf gestellt. Und darin muss man sich ziemlich auskennen, um mitzukommen. Oder man isst wie Helge viele Marzipankartoffeln.

Die Spielregeln sind simpel und in zwei Minuten zu verstehen. Sechs Fragekategorien (Song, Album, Rock the Song, Rocker, 50/50 und Sex Drugs & R’n’R) können vom aktiven Spieler erwürfelt werden. Der Nebenmann zieht eine Fragekarte und liest das Thema vor. Der aktive Spieler darf den Schwierigkeitsgrad wählen, also eine Poser-, Fan- oder Scientist-Frage. Weiß er die Antwort, darf er entsprechend ein, zwei, oder drei Felder vorrücken. Die übrigen passiven Mitspieler haben zuvor gewettet, ob er die Frage beantworten kann oder nicht, und können auch ein Feld gutmachen, so sie mit ihrer Einschätzung richtig liegen.

Konkret läuft es so ab. Der aktive Spieler, sagen wir mal Helge, würfelt eine sechs, mithin die Kategorie Sex Drugs & R‘n‘R, der linke Nebenspieler zieht eine Karte und verrät das Thema: Slayer! Hffff, da ist Helge nicht sehr firm, also wählt er die einfachste, eben die Poser-Frage. Jetzt wetten die Mitspieler. Nein! Alle sind der Meinung, Slayer ist absolut nicht sein Beritt, das geht in die Binsen. Der Nebenspieler liest die Frage vor: "Das Video für den Song Seasons in the Abyss wurde vor einem historischen Monument der antiken Welt gedreht. Vor welchem?"

Alle anderen hätten es natürlich gewusst, es war die Cheops-Pyramide, aber der aktive Spieler hat null Checkung, sagt Eiffelturm und darf nun mit einigem Recht kein Feld vorrücken. Seine Mitspieler hingegen schon, denn sie haben diese Schmach ja vorausgesehen und stoßen nun mit lautem Hohngelächter ihre Bierflaschen aneinander. Während sie das dem Versagers verweigern, nimmt der sich verschämt eine Marzipankartoffel. Aber jetzt ist auch schon der Nächste dran, und dem kann man alles wieder heimzahlen. Man sollte sich schon ein paar Tage kennen. Es macht einfach mehr Spaß, wenn man von den Wissenslücken der Mitspieler weiß und auch, wie weit die Häme gehen darf.

Wer als erster mit dem Spielstein – ein Plektrum angemessenerweise! – einmal den Parcours absolviert hat, ist der Gewinner. Eine Modifikation drängte sich uns sofort auf: Man sollte erst aufhören, wenn der Erste den Letzten überrundet hat. Der Spaß dauert noch etwas länger und die Demütigung ist totaler. Irgendwann fragte Helge. "Hast du noch Marzipankartoffeln da?" Natürlich hatte ich vorgesorgt für unseren jungen Freund.

Ja, das muss man leider sagen, es ist ein Spiel von alten Säcken für alte Säcke. Insofern stimmt das Etikett "Rock" doch wieder. Hier werden die verdammten Basics abgefragt, Proseminarwissen! Und da ist man tunlichst vor 1980 geboren oder hat sich gut vorbereitet. Und wo wir gerade so nett plaudern. Ich hätte da noch eine Kiste Krombacher Radler alkoholfrei günstig abzugeben.