Musiker-Treffen in NordkoreaInstrumententausch in einem abgeschlossenen Land

Fünf Tage lang probte das Münchner Kammerorchester mit Musikern des Konservatoriums in Pjöngjang. Nils Clauss hat die Begegnungen gefilmt. Im Interview spricht er über das Aufeinandertreffen zweier Kulturen. von 

Musiker des Münchner Kammerorchesters und des Konservatoriums in Pjöngjang bei der Probe.

Musiker des Münchner Kammerorchesters und des Konservatoriums in Pjöngjang bei der Probe.  |  © Nils Clauss

ZEIT ONLINE: Herr Clauss, Sie haben das Münchner Kammerorchester im November 2011 während eines fünftägigen Besuchs im Konservatorium in Pjöngjang als Filmemacher begleitet. Unter welchen Bedingungen arbeiten Berufsmusiker in Nordkorea?

Nils Clauss: Es war tatsächlich einer der ersten Eindrücke der Münchner, dass die Instrumente ihrer Kollegen in wirklich schlechtem Zustand waren. Sie hatten teilweise Risse, Kerben und andere Alterserscheinungen, wahrscheinlich konnten die Musiker sie nicht richtig pflegen.
Ein Schweizer Cellist tauschte schließlich mit seiner koreanischen Partnerin die Instrumente. Sie hatte in einem Stück des Abschlusskonzerts eine Schlüsselrolle übernommen und er meinte, sie könnte ihren Part besser mit seinem Instrument spielen. Letztlich sagte er jedoch, dass ihr Cello zwar miserabel aussah, aber klanglich weit über seinen Erwartungen lag.

ZEIT ONLINE: Inwiefern wurden auch andere Vorurteile im Laufe des fünftägigen Austausches widerlegt?

Clauss: Die Nordkoreaner haben den Austausch mit höchster Professionalität betrieben. Wir wurden von Raum zu Raum geschickt, von Vorführung zu Vorführung. Und uns wurde genau erklärt, wann genau der Große Führer Kim Jong Il die Musikhochschule besucht hatte. Da lag die Vermutung nahe, dass auch bei den Musikern viel über Fleiß entsteht und dass sie auch Musik anders verstehen als in Europa. Dass bei uns nicht nur ein historischer, sondern vielleicht auch ein emotionalerer Zugang besteht.

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ZEIT ONLINE: Dabei sprechen die koreanischen Musiker in Ihrem Film Orchestral Manoeuvres in the North in erster Linie von Emotionen, wenn sie zu ihrem Zugang zur Musik befragt werden.

Clauss: Eine meiner Lieblingsszenen ist die, in der der koreanische Dirigent seine Augen schließt und versucht, die Stimmung des Stücks zu fühlen.

ZEIT ONLINE: Bei der Probe zu einem koreanischen Stück ermuntert er die Münchner Musiker sogar dazu, etwas freier zu spielen.

Clauss: Ja, in dieser Szene des Films fragt ihn Alexander Liebreich, der künstlerische Leiter des Kammerorchesters, ob er mit der Interpretation des Stücks einverstanden sei. Daraufhin sagte der koreanische Dirigent, er habe das Gefühl, die Münchner seien ein bisschen zu verkrampft und könnten das Stück ruhig ein wenig lockerer spielen.

Nils Clauss
Nils Clauss

Nils Clauss studierte Film und visuelle Kommunikation in Deutschland und Südkorea. Seit 2005 lebt der Filmemacher und Fotograf in Seoul. 2011 erhielt er für seine Fotoserie Urban Nature den Europäischen Architekturfotografie-Preis. Sein Film Orchestral Manoeuvres in the North lief in einer Kurzfassung auf 3Sat.

ZEIT ONLINE: Ist Musik für viele Nordkoreaner eine Art Flucht vor der Diktatur und der staatlichen Überwachung?

Clauss: Das würden wir vielleicht so verstehen, aber ich glaube nicht, dass die Menschen dort das Gefühl haben, flüchten zu müssen. Sie leben in diesem System und sie kennen nichts anderes.

ZEIT ONLINE: Wie frei waren Sie während Ihrer Dreharbeiten?

Clauss: Ich war zunächst nur als Fotograf angemeldet. Bei der Einreise in Pjöngjang fragten wir dann, ob wir auch filmen dürften. Kein Problem, hieß es, ich sollte nur nicht am Flughafen oder am Bahnhof drehen oder das Militär filmen. Natürlich konnte ich mich nicht völlig frei mit der Kamera bewegen. Man ist in Nordkorea nie alleine unterwegs, sondern hat immer einen sogenannten Guide zur Seite, der festlegt, wo man hingeht und was man sieht.

Leserkommentare
  1. Eine Leserempfehlung
  2. dass die Nordkoreaner sich endlich einmal verabschieden von ihrer sklavischen Unterwürfigkeit gegenüber ihren lieben Führern. So wie die Südkoreaner seinerzeit ihre Generäle in die Wüste geschickt haben...

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    • Vebska
    • 14. Januar 2013 12:30 Uhr

    Sich in Nordkorea überhaupt gegen etwas aufzulehnen, muß leider sehr, sehr gut überlegt sein und hat einen zu hohen Preis.
    Oft das Leben.
    Sehr eindrücklich zur Thematik ist der Film ''CAMP 14'', welcher sich mit den Straflagern des Landes auseinandersetzt.
    Es reicht durchaus sich aus der Bauernzeitung eine Zigarette zu drehen, um bei Nacht und Nebel von der Polizei verschleppt zu werden und in Gefangenschaft zu sterben.

    • Vebska
    • 14. Januar 2013 12:30 Uhr

    Sich in Nordkorea überhaupt gegen etwas aufzulehnen, muß leider sehr, sehr gut überlegt sein und hat einen zu hohen Preis.
    Oft das Leben.
    Sehr eindrücklich zur Thematik ist der Film ''CAMP 14'', welcher sich mit den Straflagern des Landes auseinandersetzt.
    Es reicht durchaus sich aus der Bauernzeitung eine Zigarette zu drehen, um bei Nacht und Nebel von der Polizei verschleppt zu werden und in Gefangenschaft zu sterben.

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  • Schlagworte Nordkorea | Film | Kim Jong Il | Cello | Dirigent | Musiker
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