Bob-Dylan-CollectionLeistungsschutz in letzter Minute

Bob Dylans frühe, unveröffentlichte Songs wären jetzt gemeinfrei. Um das zu verhindern, hat Sony eine Collection herausgebracht und sich die Rechte bis 2033 gesichert. von 

Der junge Bob Dylan

Der junge Bob Dylan  |  © Sony Music

Oh, wie schön ist Europa! Freunde alternder Popmusik zwischen Lissabon und Ankara, Helsinki und Athen haben's besser als ihre Genossen im Rest der Welt.

Dank des 2011 novellierten europäischen Leistungsschutzrechts war hier legal erhältlich, was man im Rest der Welt für wilde Bootlegs hielt. Ein Raunen ging im Dezember 2012 durch die Internetforen der Dylanologen: Enthielt die so genannte Copyright Extension Collection wirklich autorisiertes Material des heiligen Bob?

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Nur rund 100 vierteilige CD-Boxen mit dem viel harmloseren Titel The 50th Anniversary Collection erreichten in den letzten Tagen vor dem Jahreswechsel ausgewählte Plattenläden in Deutschland, Frankreich, Schweden und Großbritannien, hierzulande zum Preis von 29,99 Euro. Auf bobdylan.com konnte man die limitierte Sammlung von Deutschland und Frankreich aus als Download kaufen. Sie besteht aus 86 bisher offiziell unveröffentlichten Songs und Versionen aus den Jahren 1962 und 1963.

Dass Sony dieses 50. Jubiläum so klammheimlich, ohne die üblichen Pauken und Trompeten beging, noch dazu angesichts Dylans gerade im September im selben Haus erschienenen Studioalbums Tempest: sehr merkwürdig. Ein nicht namentlich genannter Sprecher des Musikkonzerns erklärte dem amerikanischen Rolling Stone nun, was dahinter steckte.

Rechte waren 50 Jahre ungenutzt

Nach europäischem Urheberrecht werden Ton- und Filmaufnahmen 50 Jahre nach ihrer Entstehung Gemeingut, wenn die Rechte ungenutzt geblieben sind. Dylans frühe unveröffentlichte Songs wären also am 1. Januar 2013 gemeinfrei geworden. Wenn allerdings der Rechteinhaber innerhalb der Frist von 50 Jahren seine Rechte wahrnimmt, beispielsweise durch eine Werkveröffentlichung, verlängert sich der Leistungsschutz um weitere 20 Jahre.

Rabea Weihser
Rabea Weihser

Rabea Weihser ist Redakteurin im Ressort Kultur bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Der Sony-Mitarbeiter beteuerte, es sei ihnen mit der Anniversary Collection nicht darum gegangen, Geld zu scheffeln. Man habe kurzfristig von dem Urheberrecht Gebrauch gemacht, weil man in nicht näher bestimmter Zukunft irgendetwas mit den Songs vorgehabt haben könnte.

Aus der Konjunktivitis ist dann wohl folgendes zu lesen: Ein Unterhaltungskonzern wie Sony hat überhaupt kein wirtschaftliches Interesse. Das mit den unzähligen überteuerten Wiederauflagen und Kellertape-Veröffentlichungen ist bloß ein Missverständnis! Natürlich, Sony wollte sich bloß weitere 20 Jahre das Recht sichern, darüber nachzudenken, ob man nicht das gesamte Dylan-Archiv kostenlos der europäischen Gemeinschaft übereignen sollte.

Ökonomische Verknappung ist aber vielleicht nicht der beste Weg zur Weltverbesserung: Im globalen Ebay-Archiv müssen Pophistoriker für die Copyright Extension Collection schon mehr als 1.000 US-Dollar berappen.

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Leserkommentare
  1. Wenn ich Lust darauf habe, hole ich mir die Songs doch irgendwo umsonst, und wenns nur darum geht dem Raffzahn Sony eins auszuwischen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Sony | Leistungsschutzrecht | Copyright | Download | Jubiläum | Popmusik
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