OpernpremiereWalt Disney, der Mythos, der Gott

Die Aufregung um Philip Glass' neue Oper war groß: Walt Disney als Rassist! Ist "The Perfect American" wirklich so kritisch? M. Dahms war bei der Weltpremiere in Madrid. von Martin Dahms

"Man muss es wissen", schreibt Klaus Mann im Januar 1938 in einem Artikel für die Pariser Tageszeitung, "dieser Walt Disney ist, in den Vereinigten Staaten, beinahe ebenso populär wie Garbo, Chaplin oder der Präsident Roosevelt". Darüber musste Mann seine deutschen Leser, die sich ins französische Exil geflüchtet hatten, vor 75 Jahren also noch aufklären: dass Disney berühmt sei. Er sollte noch viel berühmter werden, nachdem er kurz vor Weihnachten 1937 seinen "ersten großen, abendfüllenden Farbenfilm" ins Kino brachte: Schneewittchen und die sieben Zwerge.
 
Über diesen Film berichtet Mann seinem Pariser Publikum voller Staunen: Das "höchst originelle, teilweise zaubervolle Produkt" sei "wirklich beinahe als ein Kunstwerk zu bezeichnen". Doch was den Rezensenten an Disneys Werk vor allem beschäftigt, sind dessen industrielle Entstehungsbedingungen. 365 Angestellte hätten volle drei Jahre lang gebraucht, um es fertigzustellen. "Das Maß an Energien und Mitteln, das auf ein solches Unternehmen verwendet wird, ist ungeheuerlich, ist gigantisch", schreibt Mann. Wobei die 365 Mitarbeiter, denen Disney in seinem Vorspruch zum Film ausdrücklich und herzlich danke, auf Namensnennung verzichteten – und damit "auf jeglichen Ruhm".
 
Der Ruhm ist Disneys Ruhm allein. Doch er hat den Schneewittchen-Film nicht selbst gezeichnet. Anders als Josh es sich vorstellt, der kleine Junge, mit dem er gemeinsam auf der Intensivstation liegt. Ein einzelner Mann, erklärt ihm Disney, hätte für ein solches Werk 230 Jahre gebraucht. Statt selbst zu zeichnen, hat Disney zeichnen lassen. "I get it, Walt", ruft Josh aus. "You're just like God!" Worauf Disney nachdenklich nickt. "Well, kind of."

Man muss erstmal dem Mythos verfallen
 
Um diesen Gott der Populärkultur geht es in der Oper The Perfect American, der vierundzwanzigsten Oper von Philip Glass, die am Dienstagabend im Madrider Teatro Real ihre Uraufführung erlebte. Der kleine Josh (Rosie Lomas) gehört darin zu denen, die Disneys Stellung vorbehaltlos anerkennen. Disney, der Meister, der Mythos, der Gott. Dabei kann es natürlich nicht bleiben. In Wirklichkeit "entmystifiziert" die Oper diesen perfekten Amerikaner, meint die Madrider Tageszeitung El País. Der Begriff träfe es, wenn wir lauter kleine Joshs wären, die hinter einem großen Namen immer eine großartige Persönlichkeit vermuten. The Perfect American stellt uns stattdessen einen ziemlichen Durchschnittscharakter vor. Disney entmystifiziert? Dann müsste man erst einmal dem Mythos verfallen sein.
 
Peter Stephan Jungk war einmal ein kleiner Josh. Jungk ist der Autor des Romans Der König von Amerika, auf dem Rudy Wurlitzers Libretto von The Perfect American basiert. Er erinnert sich – "da war ich vielleicht sechs oder sieben Jahre alt" – an die Besuche von Heinz Haber, Freund seiner Eltern, in Wien. Der Physiker Haber, der mit populärwissenschaftlichen Filmen ein bekanntes Gesicht des deutschen Fernsehens wurde, hatte einige Jahre als wissenschaftlicher Berater für Walt Disney gearbeitet. Als Haber bei den Jungks zu Besuch war, sprach er von Disney "als einem Halbgott – das Größte, was ihm je in seinem Leben passiert war". Der kleine Peter Stephan war fasziniert. Er musste erwachsen werden, um Disney von seinem Sockel zu stürzen. In seinem faktensatten Roman Der König von Amerika, erschienen 2001 zu Disneys hundertstem Geburtstag, erhellt er die Schatten der Lichtgestalt. Die Oper von Philip Glass folgt nun Jungk bei seiner Aufklärungsarbeit.

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Disney als reaktionärer Rassist
 
Wenn das Bild von Disney stimmt, das Jungk für The Perfect American vorgezeichnet hat, dann war der ein reaktionärer Rassist. Am Ende des ersten Opernaktes unterhält sich Disney mit einer animierten Lincoln-Puppe. "Sie waren ein Unterstützer der Negerrasse", stellt Disney fest, "das ist ein wesentlicher Unterschied zwischen uns". Der Marsch der Schwarzen auf Washington – gehe das nicht zu weit? Er stimme nicht mehr mit Lincoln überein. "I've moved on." Fortschritt nach Disneys Art.
 
The Perfect American hat keinen durchgehenden Handlungsstrang. Disney wird dem Zuschauer in mehr oder weniger wahren, mehr oder weniger fiktiven Szenen aus seinem Leben vorgestellt. Disneys (fiktiver) Antagonist heißt Dantine, das ist der Name, den Jungk einem der namenlosen Zuarbeiter gegeben hat, der sich mit seiner Namenlosigkeit nicht abfinden kann. Dantine (Donald Kaasch) wirft seinem ehemaligen Chef vor, niemals selbst zum Zeichenstift gegriffen und stattdessen das Talent seiner Angestellten ausgebeutet zu haben – zum eigenen, höheren Ruhm. In Wirklichkeit sei Disney nicht mehr "als ein mittelmäßig erfolgreicher CEO".
 
Das ist natürlich hemmungslos untertrieben. Doch wie viel Disney steckt in Disneys Werk? "Wer baute das siebentorige Theben?", fragt Brechts lesender Arbeiter. Ist Steve Jobs der Schöpfer des Smartphones?, ließe sich heute fragen. Im Bühnenstück The Perfect American taucht als Zeuge der Verteidigung Andy Warhol auf und gesteht unbefangen: "Ich habe eine gewaltige Armee von Helfern." Es ist die Stärke dieser Oper, die Frage nach der wechselseitigen Abhängigkeit zwischen dem inspirierten Macher und seinen notwendigen Gehilfen zu stellen. Ohne sich dabei auf die Seite des einen oder der anderen zu schlagen.

Leserkommentare
  1. "Disney Kultur ist eine Menschenfalle, betrieben von einer Maus", so steht es am Beginn eines Textes von Prof. Roger Bullis von der University of Wisconsin.
    Der Text (leider nicht mehr online) fasst die Zehn Gebote der Kindheit nach Disney zusammen:

    1. Es gibt eine und nur eine romantische Liebe im Leben von fast jedem. Sie wartet darauf, gefunden zu werden.
    2. Schönheit ist Alles.
    3. Arbeiten ist ok, aber Muße, Eigennützigkeit, Reichtum und Macht sind viel anziehender.
    4. Diener und Sklaven lieben ihre Arbeit.
    5. Niemand kann aus sich selbst heraus erfolgreich sein. Es bedarf dazu eines Mentors, eines Wunsches oder einer Magie.
    6. Es ist ok, über alle Zurückgebliebenen zu lachen.
    7. Farbige werden zurechtgewiesen oder ignoriert.
    8. Die Welt ist eine Männerwelt.
    9. Es gibt nur eine Liebe, die wahr ist. Aber die wahre Geschichte darf ignoriert und umgebogen werden
    10. Glück und Erfüllung gibt es nur in Verbindung mit Disneys Merchandise Produkten.
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    Das Faszinierende an Walt Disney ist, dass es ihm wirklich nicht nur ums Geldverdienen ging. Er hat mehrmals all seinen Besitz auf's Spiel gesetzt, um seine extrem anspruchsvollen Ideen und Qualitätsmaßstäbe umzusetzen. Diesen hundertprozentigen Einsatz für das Endprodukt hat er auch von seinen Arbeitern abverlangt.

    Ein erklärter Bewunderer von Disney war Steve Jobs, dessen Witwe 6% der Disney-Aktien hält.

    5 Leserempfehlungen
  2. Hat Walt Disney das Talent seiner Angestellten ausgebeutet? Das kann man so sehen.

    Eine andere Sichtweise ist die, dass er seinen Zeichnern einen Rahmen geschaffen hat, in dem sie ihre Talente einsetzen konnten, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn es so einfach wäre, so einen Rahmen zu schaffen, dann hätte es ja jeder von ihnen selbst tun können.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • XaverT
    • 24. Januar 2013 14:04 Uhr

    Nein, das hätte nicht jeder tun können, denn es kann immer nur einen Millionär, aber ganz viele Tellerwäscher geben.
    Und selbst wenn wir dem Mann an der Spitze der Pyramide eine besondere Eigenleistung zubilligen, dürfen wir doch fragen, ob diese tatsächlich sein Mehr an Einkommen und Ruhm rechtfertigt und was genau mit seiner Spitze passieren würde, wenn die Pyramide dadrunter ihren Zeichenstift nehmen und einen Schritt zur Seite tätigen würde. Sie würde es machen, wie der Hoppe Reiter, nämlich "plumps".

  3. ... 365 Angestellte hätten volle drei Jahre lang gebraucht, um es fertigzustellen. "Das Maß an Energien und Mitteln, das auf ein solches Unternehmen verwendet wird, ist ungeheuerlich, ist gigantisch"...
    Ich würde gerne den Aufwand pro Zuschauer vergleichen zwischen Disneys Schneewittchen un Glass' Amerikaner kann aber keine entsprechenden Daten finden. Ich vermute aber sehr dass der Aufwand pro Besucher für die Oper grösser, wesentlich gigantischer ist.

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    Davon kann eine Oper nur träumen.

    • XaverT
    • 24. Januar 2013 14:00 Uhr

    Das Libretto prügelt einen toten Hund.
    Disney wurde längst von George Lucas übertroffen. Es ist völlig unklar, ob Lucas überhaupt einen Zeichenstift sicher führen kann, aber es existieren nur aus seiner Star Wars Reihe über fünfhundert Charaktere und zahllose Raumschiffdesigns etc., die im Merchandising verwertet werden und ihm pro verkauftem Stück Geld bringen, während die eigentlichen Schöpfer projektweise auf Honorarbasis beschäftigt wurden und keinerlei Rechte an ihren Schöpfungen halten. Das geltende Urheberschutz- und Verwertungsrecht schützt diese Ausbeutung von Kreativität und Kreativen.
    Es ist nur folgerichtig, daß der Konzern Disney am Ende die Rechte an Star Wars einkaufte.

    • XaverT
    • 24. Januar 2013 14:04 Uhr

    Nein, das hätte nicht jeder tun können, denn es kann immer nur einen Millionär, aber ganz viele Tellerwäscher geben.
    Und selbst wenn wir dem Mann an der Spitze der Pyramide eine besondere Eigenleistung zubilligen, dürfen wir doch fragen, ob diese tatsächlich sein Mehr an Einkommen und Ruhm rechtfertigt und was genau mit seiner Spitze passieren würde, wenn die Pyramide dadrunter ihren Zeichenstift nehmen und einen Schritt zur Seite tätigen würde. Sie würde es machen, wie der Hoppe Reiter, nämlich "plumps".

    Eine Leserempfehlung
    • WolfHai
    • 24. Januar 2013 22:47 Uhr

    "...und was genau mit seiner Spitze passieren würde, wenn die Pyramide dadrunter ihren Zeichenstift nehmen und einen Schritt zur Seite tätigen würde. Sie würde es machen, wie der Hoppe Reiter, nämlich 'plumps'."

    Das sagen in der Regel die, die kein eigenes Unternehmen führen.

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