Singende Schauspieler : Pest und Penicillin der Musikbranche
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Uwe Ochsenknechts Rockgesülz

Nora Tschirner (Mitte) und ihre Bandkollegen von Prag auf dem Pressefoto© Týnská

Jan Josef Liefers etwa – ein famoser Mime, als Musiker lausig. Im Kreise reifer Begleiter rockt er mit crazy Hut und Shirt zum Sakko vom Herz im Wasser, wo sich "der Fisch Sehnsucht" zu Gitarrensoli und Krächztremolo "glihihitzernd bewegt". Oder sein Tatort-Spezi Axel Prahl, dessen miese Grönemeyer-Kopie an Peinlichkeit nur von den Ochsenknechts erreicht wird, die vor großem Publikum die Frage singend beantworten, wessen Werk widerlicher ist: Papa Uwes Rockgesülz oder der Hitparadensabber seiner Söhne Haribo-Pink und Grillsoße-Bengalo oder so ähnlich.

Nun könnte man deren Retortenmüll natürlich schlichtweg ignorieren. Dies aber behindert eine Marketingmaschine, von der das Lumpenproletariat echter, und prekär arbeitender Überzeugungsmusiker nur träumen kann. Als die Werbe- und Honorartöpfe noch voll waren, als Heidi Kabel und Willy Millowitsch, Patrick Swayze und Don Johnson, David Hasselhoff und Jason Donovan ihre hauptberufliche Güte mit leidlich kompetentem Nebenerwerb vergoldeten, war das noch nicht mal anstößig. Heute jedoch, wo im Zeichen stürzender Tonträgerverkaufszahlen spürbare PR ausnahmslos den Topstars zuteil wird, erregt der hochsubventionierte Chartsabstecher von Miley Cyrus alias Hannah Montana denselben Brechreiz wie Flugzeuge im Bauch, das jeder Fadenwurm würdevoller gecovert hätte als das Soap-Gewächs Oli P.

Zugegeben – dank durchaus gediegenen Songwritings spielt die Polyinstrumentalistin Tschirner in der Liga von Alexander Scheer und Robert Stadlober, die lange nach ihrem Karrierestart in der Sonnenallee mit respektablen Bands wie Gruppe Pegel und Gary überzeugen. Und Evergreens von Lee Marvins Wanderin Star bis Lee Majors Unknown Stuntman zeigen, dass singende Schauspieler Perlen der Popmusik fischen können. Den Geruch gezielter Prominenzverwertung werden sie dennoch nie los. Er stinkt nur nicht wie bei den Ochsenknechts.

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