Singende SchauspielerPest und Penicillin der Musikbranche

Die Schauspielerin Nora Tschirner singt jetzt auch. Wie Jan Josef Liefers, Ulrich Tukur oder die Ochsenknechts vor ihr. Muss das denn sein, fragt Jan Freitag. von 

Nora Tschirner mit ihrer Band Prag in der Kulturkirche in Köln

Nora Tschirner mit ihrer Band Prag in der Kulturkirche in Köln  |  © Rolf Vennenbernd/dpa

Der Bass ist ein melodramatisches Instrument. Unentbehrlich wie die Platine im Schaltkreis führt er ein Leben unterschätzter Relevanz im Abseits. Meist erklingen seine Saiten am Bühnenrand, gleich neben dem Notausgang, gezupft von jenen, die es nicht so weit nach vorn drängt. Da ist es umso bemerkenswerter, wenn ihm mal ein wenig Präsenz zugebilligt wird. Bei den Beatles ist das so. Bei Slayer auch. Oder bei Prag.

Bislang war das bloß die tschechische Hauptstadt, jetzt aber gibt es eine Band gleichen Namens. Denn das Trio mit Kammerorchester mag recht poetisch, sehr nostalgisch, ganz gefällig zwischen dem frühen Hazy Osterwald und den späten Tocotronic dahinschunkeln, also kommerziell ähnlich verwertbar sein wie ein blumiges Kaffeeservice vom Flohmarkt. Trotzdem provozieren Prag viele Monate vorm Erscheinen ihres Debütalbums Premiere erwartungsfrohe Ankündigungen in den Kulturteilen der bunten Presse, füllen damit große Säle, verheißen dem bandeigenen Label Týnská somit ungewöhnlichen Absatz. Und das alles wegen der Frau am Bass.

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Die hat einen guten Namen: Nora Tschirner. Im Film wertet ihre süße Metropolenlässigkeit manch leichten Stoff auf, nun stellt sie Gesicht und Stimme in den Dienst der Musik, wo sie mit Erik Lautenschläger (Erik and Me) und Tom Krimi (Stereo de Luxe) süffigen Tanzteepop zelebriert. Damit steht Nora Tschirner für etwas, das Pest und Penicillin der siechenden Musikbranche in einem ist: musizierende Filmstars. Und zwar nicht einfach so, für die Lieben daheim oder die Kumpels im Übungsraum, auf kleiner Flamme also, mehr so privat. Nein, sondern mit mächtiger PR auf riesigen Plakaten an gut platzierten Mietwänden landauf landab.


Qualitativ ist das oft dünner als Roy Black im Heimatfilm, doch der Reiz des Seitenwechsels scheint ungebrochen zu sein. Jeannette Biedermann stürmte aus der Seifenoper direkt in die Top 10. Stefan Raab schaffte es von Pro7 zum Eurovision Song Contest. Dominique Horwitz interpretiert vor ausverkauften Häusern Jacques Brel. Jürgen Vogel war mit der halbrealen Kinoband Hansen auf Tour. Ulrich Tukur brilliert als Schlagersanierer. Und da ist noch nicht mal von den USA die Rede, wo Künstler notorisch die ihnen gesteckten Grenzen überschreiten. Keanu Reeves und Kevin Costner, Scarlett Johansson und Lindsey Lohan, Juliette Lewis und Julie Delpy, Kevin Bacon und Bruce Willis – sie alle nutzten ihre Kameraprominenz für Randkarrieren am Mikrofon, die wie im Falle von Kylie Minogue schon mal zur Berufsumkehr führen können.

Steckt dahinter mehr als Sendungsbewusstsein, Gefallsucht und viel Zeit zum Üben? Sind sie alle Musiker aus Überzeugung, die zufällig auch in Film und Fernsehen präsent sind? Die Antwort der Verantwortlichen dürfte lauten, das habe mit Eitelkeit nix zu tun; hier werde keine Popularität ausgeschlachtet, man sei eine echte Band, kein Laienprogramm mit professioneller Begleitung, es gehe um Musik, Ehrenwort!

Nur, warum drängelt sich das Gros der Querschläger so in den Vordergrund ihrer Kollektive? Wo bitte sind die Schlagzeuger von der Leinwand, die stillen Flötisten vom Flatscreen? Wieso steckt der Leihpromi zudem verteufelt oft im Bandnamen? Und weshalb pflegt er von Ben Becker bis Bruce Willis gern den billigsten aller Stile: Bluesrock, mal funky wie ein WM-Song, stets schlichter als der Pilcher am Sonntag.

Leserkommentare
  1. missglückten Versuchen anderer Schauspieler gefällt mir die Musik und jede Rolle, die das jeweilige Bandmitglied einnimmt richtig, richtig gut. Glücklicherweise ist Geschmack subjektiv. Wer da verallgemeinern muss, sperrt sich nur selbst aus. ;-)

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  2. ...aber endlich sagt einmal jemand der pseudo-jungen (nach eigener Meinung sogar multibegabten) deutschen Schauspielergilde und vor allem den jungen Ochsenknechten, wo sie tatsächlich hingehören.

  3. Danke, Herr Freitag für Ihren Kommentar, aber ergänzend müsste man auch die ganzen Hobbyschreiberlinge (auch unter Journalisten - dieser Begriff ist ja gesetzlich nicht geschützt) nennen, die dank print-on-demand uns vollmülllen.

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    • lxththf
    • 28. Januar 2013 14:06 Uhr

    der leider das ein oder andere Positivbeispiel vermissen lässt. 30secs to mars und Jared Leto z.B.
    Aber zum Thema. Was ist schon der große Unterschied, zwischen Pop und Seifenoper? Ob Frontmann, oder Soapdarsteller, am Ende sind die meisten Bands doch ebenfalls nur Schauspieler, die uns ihre ach so tiefen Gefühle vorspielen. Klar, mal mehr, mal weniger gelungen, aber am Ende? Ich fühle mich gerade an den Roman von Joey Goebel erinnert: "Vincent".
    In meinen Augen sind die meisten Sänger/innen die besseren Schauspieler/innen, denn die Geschichten, die sie gern mit viel Schmalz zu perfekt choreographierten Tanzeinlagen vortragen, wer kann das schon wirklich glauben?
    Ein Gütesiegel für gute Musik, sollte im Übrigen nun wirklich nicht die Gesangsausbildung sein. Ich denke gerade an Selig, oder (erst kürzlich hier diskutiert) tocotronic.
    Wenn ein/e Schauspieler/in, der/die seit Jahren privat nebenbei in einer Band spielt, mit dieser selbst Lieder schreibt und dann publik macht, ist das ok, aber gerade die angesprochenen Jungstars, mit ihren Modelabels, Düften, Schauspielerei, Singerei lassen vor allem die Basics vermissen. Und wer wirklich gar nix drauf hat, wird "DJ"
    Warum im Übrigen die meisten Schauspieler, auch die Frontmänner sind? Zur Schauspielerei gehört auch eine gehörige Portion Exhibitionismus und den kann man da doch perfekt ausleben.

    ps: Nix gegen guten Bluescountryrock

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    Antwort auf "Ja Ja"
  4. Redaktion

    Liebe/r ueb3lst,

    vielen Dank für Ihren substanziellen Beitrag zu dieser Debatte. Ja: Bass ist eine Tonlage, kein Instrument! Ich wollte gerade darauf hinweisen, dass Nora Tschirner eine typische Bassstimme auf der sechssaitigen Gitarre zupft, wie es bspw. in dieser Akustiksession zu sehen ist: http://www.welt.de/kultur...

    Beste Grüße aus der Redaktion

    Antwort auf "Bass vs. Gitarre"
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    Wie schon einer meiner Vorredner gesagt hat, erfreut uns Nörchen mit ihrem Spiel auf einer Danelectro Longhorn.

    Das Instrument gibt's in einer 4-saitigen Bass-Version und einer 6-saitigen Gitarren-Version.
    http://www.musicradar.com...
    http://www.musicradar.com...

    Ich meine, wir reden hier über einen Artikel, der eigentlich nur sehr wenig über die Qualität von Tschirners Mucke verrät.
    Kein Grund, gleich den Anbruch einer Neuen Zeit zu verkünden, in der Eddie Van Halen oder Jimi Hendrix Bassisten sind. Oder Cat Stevens meinethalben.
    Bloss, weil sie auf ihrem Instrument irgendwann einmal eine "typische Basslinie" gezupft haben.

    • hairy
    • 28. Januar 2013 16:24 Uhr

    ich mir die Akustiksession anschaue, frage ich mich, ob sie überhaupt etwas spielt...

    Frau Tschirner spielt auf diesem überhaupt nicht mit!-schon gar keine Bassläufe.Diese werden von Herrn Krimi mitgezupft.Das Sie dies nicht erkannt haben grenzt ja schon fast an einen Skandal.
    Bevor Sie meinen Kommentar löschen holen Sie sich bitte fachlichen Rat.Ich spiele seit 41 Jahren Gitarre/Bass/Solo (neben Klavier und Keyboard).

    • gw1200
    • 28. Januar 2013 14:24 Uhr

    Weshalb sich darüber aufregen. Die Mischung zwischen Schauspieler und Sänger ist so alt wie es Schauspieler und Sänger gibt und keineswegs Erfindung der Neuzeit. In der Oper ist es ein Muss, Film gibt es das seit dem Tonfilm - vollkommen normal. Man muss sich die Ergüsse ja nicht anhören. Schlechte Sänger gibt's auch außerhalb der Schauspielerszene.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • lxththf
    • 28. Januar 2013 14:45 Uhr

    das wahre musikalische Übel des 21. Jahrhunderts. Die Millionen, sich selbstfilmenden, auf ihre Entdeckung wartenden youtube-Selbstdarsteller, die jeden Song covern. Wie konnte das eigentlich so aus dem Ruder laufen. War es nicht ursprünglich dafür angedacht, eigene Songs darzustellen? Stattdessen findet man von jedem auch nur halbwegs bekannten Song 20 Cover, von denen die meisten gleich schlecht klingen und da hat ausnahmsweise mal nicht die böse Plattenindustrie ihre Finger im Spiel.

  5. 47. Ruhig

    Mal ganz locker bleiben.
    Hab ich irgendwo geschrieben, dass ich ein Problem damit habe das Schauspieler Musik machen?
    Ich habe zugestimmt das sie kein Charakterdarsteller ist.
    Von Musik hab ich nichts geschrieben!

    • lxththf
    • 28. Januar 2013 14:45 Uhr

    das wahre musikalische Übel des 21. Jahrhunderts. Die Millionen, sich selbstfilmenden, auf ihre Entdeckung wartenden youtube-Selbstdarsteller, die jeden Song covern. Wie konnte das eigentlich so aus dem Ruder laufen. War es nicht ursprünglich dafür angedacht, eigene Songs darzustellen? Stattdessen findet man von jedem auch nur halbwegs bekannten Song 20 Cover, von denen die meisten gleich schlecht klingen und da hat ausnahmsweise mal nicht die böse Plattenindustrie ihre Finger im Spiel.

    Antwort auf "Das ist doch normal"

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