Erwacht im Morgengrauen, auf irgendeiner verregneten Wiese. Die Schlaghosenbeine voller Matsch, kleine Brandlöcher in der Paisleyweste. Das typische Rausch-Kopfweh, aber sicher nicht vom Dosenbier. Surrende Ohren, der lange Schopf ganz nass. Kaputt, aber selig.

So ähnlich muss sich die Erinnerung an die neunziger Jahre anfühlen. Zumindest für die, die nicht zur trillerpfeifenden Rave-Parade gehörten, sondern sich ihre Nachwuchs-Hippie-Kicks anderswo holten. Die Selig hörten, ihre Haare dazu schüttelten, wie Rocker der Liebe. Die zum Bizarre-Festival fuhren, den ersten Joint rauchten. In die Soul-Disco gingen, CDs kauften, die Bundestagswahl verpennten. Ähnlich irre guckten wie der Sänger Jan Plewka in den Videos, um die Viva und MTV sich damals prügelten.

All diese Leute dürften sich jetzt wahnsinnig über Magma freuen. Es ist das insgesamt sechste Album der Hamburger Rockband Selig, das dritte seit ihrer Wiedervereinigung 2008, davor lagen knapp zehn Jahre streitbedingter Pause. Die neue Platte klingt so ernsthaft, als wäre seit 1993 nichts vorgefallen. Obwohl doch so viel passiert ist. Obwohl die Gruppe sich ja selbst schon einmal neu erfunden hatte, als elektrische Popstars Ende der Neunziger, kurz vor dem vorläufigen Ende. In einer Zeit, in der viele noch glaubten, dass die Entwicklung der Musik mit dem technologischen Fortschritt gehen müsse, wie in einer kleinen Industrie.

Gegenpol zu Tocotronic

Wer Magma beim Onlinehändler Amazon anklickt, bekommt – ein schöner, algorithmischer Scherz – gleich noch das neue Album von Tocotronic dazuempfohlen. Die andere große deutsche Gitarrenband der Neunziger, die es 2013 noch gibt, aber natürlich den absoluten Gegenpol bildet. Während Tocotronic schlecht gelaunt über die studentische Sphäre herzogen, Festival-Pogotänzer verachteten, noch heute auf der Suche nach einem transzendenten Linkssein sind, waren die fünf von Selig immer die aufrichtigen Langhaarpudel. Sie nannten ihre Musik selbst Hippie Metal, konnten die Gefühle nie im Zaum halten. Sie zitierten die Psychedelia der sechziger Jahre und den leicht machomäßigen Oben-ohne-Funk von Lenny Kravitz und den Red Hot Chili Peppers. Sie kamen damit in die Charts und ins Fernsehen, viel schneller als die grantigen Tocotronic.

 
"Als wir damals die Band gegründet haben, wollten wir ja die Welt verändern", sagt Jan Plewka heute im Interview. "Wir sind mit den Köpfen durch jede Wand gegangen. Und haben gesagt: Wir wollen international klingen, aber mit deutschen Texten." Mit Zeilen wie "Du bist schön und ich bin high", "Es kommt so anders, als man denkt, Herz vergeben, Herz verschenkt" oder "Sag mir, bist du glücklicher als ich?", so rundheraus naiv, wie die Zeiten damals gewesen sein müssen – für alle, die noch im Taumel der deutschen Wiedervereinigung schwelgten, im Sommer der Liebe, live übertragen vom neuen Jugendsender Viva.

Genau so fühlt und hört sich jetzt Magma an. Mit rotgoldglühenden Gitarrenriffs, Orgel und Beat, Mond- und Meermetaphern. Schöne Melodien im Spätsechziger-Kiffrock-Idiom, mit Staub, Patschuli-Luft und dem Groove, den man aus dem Alternative-Graben von Rock am Ring kennt. Eine herrliche Ballade nennt sich allen Ernstes Schwester Schwermut, ab und zu klingen die sanften, kindlichen Liedermacher-Momente an, die sich der Barrikadenkämpfer Rio Reiser ab und zu erlaubte. Und ein Stück heißt ganz offiziell Love & Peace, ein eher harscher Sprechgesang, in dem zeitgeschichtliche Ereignisse zwischen Achtzigern und Gegenwart wie im Daumenkino vorbeizischen und in die Refrain-Weisheit münden: "Wenn du die Welt nicht verändern kannst, veränder' dich selbst/ Wenn du dich selbst nicht verändern kannst, dann änder' die Welt", ein Amalgam aus Aristoteles, Schopenhauer und Gandhi. Hängt vielleicht noch am Kühlschrank in der alten WG, mal nachschauen.

Die weiche Art, sich selbst zu ändern


"Wir meinen das ernst, das ist das Verrückte", kommentiert Seligs Bassist Leo Schmidthals. "Love and Peace, das soll nicht zynisch oder lustig sein. Es geht um die weiche Art, sich selbst zu verändern, mit sich selbst die Frage zu klären: Stimmt das Leben hier bei uns?" Die haben sich besonders in letzter Zeit ja viele gestellt, und ebenso lang wartet das Publikum schon auf das große Album zur Kapitalismuskrise. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass diese neue Selig-Platte trotz aller Einwände, trotz aller nostalgischen Züge auch irgendwie erfrischend wirkt, so unbedarft direkt, wie man es heute eher selten hört: Sich überhaupt mal festzulegen auf eine Handvoll Ideale, und seien es erst mal nur Liebe und Frieden, das wagt fast keiner mehr. Tocotronic, die früher immerhin sehr unverhohlen über ihren Hass sangen, schon gar nicht.

Magma erscheint einem da wie ein guter Anfang. Die Feuilletons werden sie damit nicht erobern, aber möglicherweise brauchen wir den naiven, aber verbindlichen Charme einer Rockband wie Selig heute noch mehr als in den neunziger Jahren. "Alle reden das Gleiche, und die Musik ist so la la", singt Jan Plewka gegen Ende der Platte, beschreibt eine Szene zwischen leerem Kühlschrank und warmen Weingläsern und bettelt dann: "Bring mich irgendwohin, wo es seltsam und laut ist!" Die Sehnsucht nach einer besseren Welt – womöglich muss die immer erst mal mit der Sehnsucht nach einer besseren Party beginnen.