Sir Simon Rattle : 128 Egos folgten dem Maestro

Simon Rattle ist ein Charismatiker und Kommunikationsgenie. 2018 wird der Dirigent die Berliner Philharmoniker verlassen. Was geschieht nun mit dem weltbesten Orchester?

Jetzt ist es offiziell. Erwartet hatten es die Kenner und Fans des britischen Dirigenten schon lange: Simon Rattle wird mit dem Ende seiner Vertragslaufzeit 2018 den Posten als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker abgeben. Dass der Job beim besten Orchester der Welt für ihn kein lebenslanger Posten à la Karajan werden würde, hatte er von Anbeginn an klargemacht.

Bei einer Vollversammlung der basisdemokratisch organisierten Philharmoniker begründete Rattle seinen Entschluss am Donnerstag so: "2018 werde ich 16 Jahre mit den Philharmonikern zusammengearbeitet haben. Außerdem werde ich dann kurz vor meinem 64. Geburtstag stehen. Als ein 'Liverpudlian' kann man diesen besonderen Geburtstag nicht ohne die Frage der Beatles: 'Will you still need me, when I'm 64?' begehen."

Eine echte Rattle-Volte. Keiner der weltweit gefragten Maestri kann so eine Abschiedsankündigung charmanter formulieren als Rattle. Er ist nun mal ein Menschenfänger, ein Kommunikationsgenie. Und ein Realist. "Ich bin mir sicher, dass es 2018 an der Zeit ist, dass jemand anderes die große und großartige Herausforderung übernehmen sollte", erklärte er weiter.

Leicht haben sie es seit 2002 nicht miteinander gehabt, die 128 sehr starken Persönlichkeiten, die sich freiwillig zum Kollektiv namens Berliner Philharmoniker zusammenfinden, und ihr künstlerischer Leiter. Er könne nur nach Kräften versuchen, dieses mächtige Häuflein für seine Interpretationsansätze zu begeistern. Wenn dies aber gelinge, so schwärmte er gerne, "dann können wir fliegen".

Noch fünf gemeinsame Jahre verbleiben

Die gestern verbreitete Erklärung von Peter Riegelbauer und Stefan Dohr, den Orchestervorständen, klingt zunächst betont staatsmännisch: "Wir bedauern die Entscheidung Simon Rattles. Zugleich respektieren wir seinen persönlichen Entschluss. Die Zusammenarbeit mit ihm ist durch große gegenseitige Sympathie und respektvollen künstlerischen und menschlichen Umgang geprägt." Dann aber erlauben die Musiker doch noch einen Blick ins Herz der Philharmoniker: "Dies ist für uns eine wunderbare Grundlage für die gemeinsame Arbeit mit Sir Simon in den kommenden fünf Jahren. Wir freuen uns auf viele spannende Projekte, die bereits in Planung sind. Auch nach 2018 werden wir ihm freundschaftlich und eng verbunden bleiben."

Viel hat Rattle dem Orchester schon gegeben: Noch vor seinem Amtsantritt konnte er die Umwandlung in eine Stiftung erreichen. Die Education-Arbeit, die er einführte, hat Vorbildcharakter, das jährliche Tanzprojekt in der Arena ist ein festes Event im Berliner Kulturkalender, die kostenlosen Lunchkonzerte locken jeden Dienstag 2000 Menschen an, mit Rhythm is it und Trip to Asia haben die Philharmoniker sogar das Massenmedium Film erobert. Populärer war das Orchester nie. Und autonomer auch nicht.


Das Orchester wählt seinen Chef selbst

Dass die Philharmoniker entscheiden, wer ihr Chef sein soll, ist ein altes Privileg. Als es vor knapp fünf Jahren darum ging, ob Rattles zunächst bis 2012 befristeter Vertrag verlängert werden sollte, durfte das Orchester erstmals in seiner Geschichte auch diese Frage entscheiden. In den Jahrzehnten nach der Gründung 1882 hatte zuerst die Konzertdirektion Wolff ein Mitspracherecht, später die Politik. Herbert von Karajan erhielt gleich einen Vertrag auf Lebenszeit, Claudio Abbado hatte die Zusammenarbeit von sich aus aufgekündigt.

"Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen", sagte Rattle gestern. "Ich liebe dieses Orchester und habe deswegen den Musikern meinen Entschluss so früh wie möglich mitgeteilt." Für die besten Dirigenten der Welt beginnt jetzt eine nervenaufreibende Zitterpartie – es dürfte keiner unter ihnen sein, der nicht gerne Rattles Nachfolger würde.

Erschienen im Tagesspiegel

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Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Genau!

Gerade die Konkurrenz im eigenen Land zeichnet ihr unverwechselbarer Klang, allerfeinste Streicher und Flexibilität aus - beides von Berlin unerreicht.

Und warum Dresden als weltbestes Opernorchester gilt hört man gerade im wiederaufgenommenen "Lohengrin" - aktuelle Rezensionen geben diesen "Rausch" nur ansatzweise wieder.

Aber die Beauftragten für Kommunikation und Marketing schreiben ja bei derlei Artikeln wie diesem immer mit...

Überflüssige Diskussion

Sollte uns statt der pauschalen Frage nach dem weltbesten Orchester nicht eher die Frage interessieren, wer uns aufschlussreiche Interpretationen und neue Perspektiven bietet. Das variiert doch von Komponist zu Komponist, von Werk zu Werk, von Dirigent zu Dirigent, von Orchester zu Orchester sehr stark und es sind doch nicht immer die, die im Ranking ganz vorne stehen.