Band-Jubiläum TocotronicProtronic? Contratronic!

Seit 20 Jahren reift Tocotronic auf intellektuellem Niveau, meint Jan Freitag. David Hugendick widerspricht und findet: Der Diskurspop ist zum Schlager geworden. von  und

Tocotronic halten zusammen und spalten die Hörerschaft.

Tocotronic halten zusammen und spalten die Hörerschaft.  |  © Sabine Reitmeier

Pro: Der Trieb zur Selbsterneuerung

Das Publikum des Pop ist undankbar. Konserviert eine Band bloß das Bestehende, wirft man ihr Starrsinn vor, entwickelt sie es fort, fordern alle die alten Hits. Wer neue Wege geht, sollte also nicht mit Milde, gar Respekt rechnen, weder von Feuilleton noch Fans. Umso erstaunlicher, dass Tocotronic von beiden meist beides erntet. Denn die Hamburger Schulband hat vor 20 Jahren erst den deutschen Indierock verjüngt, 1997 elektronische Details ins Geschepper geladen, bald gefolgt vom Ruhepuls, um ab 2005 jene Jugendbewegung, deren Teil sie mal sein wollten, mit der Berliner Trilogie zu versachlichen.

Dieser Trieb zur steten Selbsterneuerung findet im aktuellen Album, das wieder etwas fülliger klingt, seine Fortsetzung. Sicher, Dirk von Lowtzows immer larmoyantere Stimme könnte wieder mehr Substanz vertragen und die Diskurslyrik darin ein paar gebrüllte Ich-Parolen von einst, aber bitte: Hier reift eine der einflussreichsten deutschen Bands aller Zeiten auf intellektuellem Niveau, behält sich aber auch auf dem zehnten Album etwas Bauchiges, bisweilen Nebulöses bei, dieses Gespür für den Aberwitz, ohne verstiegen zu klingen. Oder im Schlager zu landen wie so viele Spätwerke des Pop. Bei Tocotronic heißt dieser Spagat "Stimmbruch im Splitscreen" (Exil). Wunderbar. (Jan Freitag)

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Contra: Wann kommt das in der ZDF-Hitparade?

Guter Pop handelt von Erneuerung. Manchmal hätte ich gern das alte zurück. Die Gitarren, den Rotz, den Dreck und die Jugend. Wann die Beziehung zwischen mir und Tocotronic aufgehört hat, kann ich nicht sagen. Ich höre sie immer das Alte singen: "Mein Schlimm ist dein Schlimm." Heute ist es nur noch meins. Als ich das erste Mal Dirk von Lowtzows wächserne Stimme, hallend und greinend, vom Pfad der Dämmerung hörte, dachte ich: Uwe Hübner! Wann kommt das in der ZDF-Hitparade?

Ok, und sonst so: Die gewohnt vielen Gedankenumdrehungen, die gut situierte Melancholieproduktion, das blitzgescheitelte Metapherngedränge in den Texten. Ich ahne, dass das alles irgendwas mit der Verlorenheit des modernen Individuums zu hat. Dass Tocotronic womöglich immer noch das beste musikalische Weltschmerzmittel deutscher Intellektueller sind. Diskurspop, vielleicht muss das so sein. So humorlos und etwas bordbistrophilosophisch. Nur welcher Diskurs wird geführt? Man kann die Texte verstiegen nennen und ihre Mehrdeutigkeit preisen. Aber recht dicht daneben liegt im Regal auch der Nebelwerfer.

Und: Tocotronic klingen nicht nur inzwischen wie Schlager, sie lesen sich auch so: "Tränen lügen nicht", sang einst Michael Holm. "Tränen können Lügen sein", nun Dirk von Lowtzow. Das ist wahrscheinlich Ironie oder sogar Diskurs. Oder ich bin zu blöd oder Ihr seid zu schlau. Vermutlich, der Mehrdeutigkeit wegen, alles zusammen. (David Hugendick)
 

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Leserkommentare
  1. Ist das jetzt ein Gag Artikel oder gibt es die wirklich??

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    • cinor
    • 25. Januar 2013 11:15 Uhr

    Banause!

    Gruß
    cinor(tocot) - einmal rückwärts bitte.

    Entweder man interessiert sich für deutsche bzw. deutschsprachige Musik der vergangenen zwanzig Jahre - dann kennt man "Tocotronic" bestimmt -, oder man tut es nicht - dann kann man sich aber auch die dummen Kommentare sparen. Ich schreibe ja auch nicht unter jeden Formel-1- oder Fußballartikel, dass ich mit den meisten Spielernamen nichts anfangen kann...

    • cinor
    • 25. Januar 2013 11:15 Uhr

    Banause!

    Gruß
    cinor(tocot) - einmal rückwärts bitte.

    Antwort auf "Wer ist das??"
  2. Tocotronic fand ich immer wäh. Die verklausuliert-verkopften, oh sorry, ich meine natürlich megatiefgründigen und fein durchdachten Texte Lotzows, die größtenteils allerdings nur aus aneinandergereihten, vor Pathos strotzenden Worthülsen bestanden, gaben der unspannenden Instrumentalisierung den Rest. Musik für Menschen die damit über anderen stehen wollen, weil hey, "Pure Vernunft darf niemals siegen!" und überhaupt und so.
    Ich kann aber durchaus verstehen wenn jemand diese Band früher mochte oder (das eher weniger) immer noch mag.
    To each his own!

    2 Leserempfehlungen
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    • R_IP
    • 25. Januar 2013 14:51 Uhr

    "größtenteils allerdings nur aus aneinandergereihten, vor Pathos strotzenden Worthülsen"

    und Ihre Erwähnung des Songs

    "Pure Vernunft darf niemals siegen"

    Hören Sie sich das Lied, das übrigens als gutes Beispiel für die textliche Qualität der Band herhalten darf, mal in Ruhe nochmal an oder lesen Sie den Text im Internet nach. Mit Worthülsen hat das nichts zu tun. Gerade dieser Song ist eine sehr tiefgründige Analyse unserer heutigen Gesellschaft, der man die Beschäftigung mit der kritischen Theorie sowie mit den Theoretikern des >dunklen bürgerlichen Jahrhunderts< sehr wohl anmerkt. Dass das alles, in Textform verpackt, als Lied funktioniert, begeistert mich immer wieder an dieser Band.

    Man muss sich aber natürlich auch ein wenig mit dem intellektuellen Background der Jungs vertraut machen, um die Texte verstehen zu können.

    • ekbül
    • 25. Januar 2013 11:45 Uhr

    Als die Stones 20 wurden, lag ihr letztes relevantes Album schon ein paar Jahre zurück. Nach Some Girls wurden die Stones obsolet, denn Punk hatte mitlerweile übernommen.
    Das Problem mit Tocotronic, ist, das weit und breit keiner zur Übernahme bereit steht.
    Ich bin jetzt 55 und habe vor drei Jahren aufgehört, neue Platten zu kaufen. Dachte früher immer, wer mit 40 noch dabei ist, bleibt das bis zum Lebensende. Ist aber nicht so. Musik ist mir einfach langweilig geworden...

    2 Leserempfehlungen
    • Stejo
    • 25. Januar 2013 11:46 Uhr

    Da es die ZDF-Hitparade ja schon seit 13 Jahren nicht mehr gibt wäre ein dortiger Tocotronic Auftritt doch sehr überraschend.

    Das hätte dann aber auch den positiven Nebeneffekt, das mit Uwe Hübner ein Langzeitarbeitsloser aus der Statistik verschwinden würde.
    Eine klassische win-win-Situation also.

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  3. und wenn ich jüngeres aus der richtung hören will, hör ich eben ja panik oder kreisky.

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    • GPAbel
    • 25. Januar 2013 14:07 Uhr

    Insbesondere aus Österreich ist in den letzten paar Jahren da viel Interessantes gekommen, neben Kreisky würde ich beispielsweise noch Bilderbuch nennen.

    Aber nun ja, Tocotronic. Das Interessante bei der Band ist für mich immer gewesen, dass ich ihr Album am Erscheinungstag immer noch eine Spur unzugänglicher und gekünstelter fand als alles vorherige, weshalb ich mich dann wiederum mit dem Vorgängeralbum besser anfreunden konnte. Aber auch die Tendenz verblasst so langsam. Beim aktuellen Album habe ich so meine drei Favoriten drin, kann mir aber den Rest ums Verderben nicht anhören und das ist bis heute bei "Schall und Wahn" auch nicht anders, während ich "K.O.O.K", bei denen für viele das Elend ja seinen Lauf nahm, mittlerweile für eine insgesamt sehr gute Scheibe halte. Es scheint nun wirklich so, als trennen sich die Wege so langsam zwischen Ihnen und mir.
    Und ja, auch ich sehe so ein wenig Nachwuchsprobleme in dem Bereich. Vielleicht gibt es aber auch einfach keinen großen Bedarf mehr an ehrlich sympathischer Uncoolness.

  4. Entweder man interessiert sich für deutsche bzw. deutschsprachige Musik der vergangenen zwanzig Jahre - dann kennt man "Tocotronic" bestimmt -, oder man tut es nicht - dann kann man sich aber auch die dummen Kommentare sparen. Ich schreibe ja auch nicht unter jeden Formel-1- oder Fußballartikel, dass ich mit den meisten Spielernamen nichts anfangen kann...

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Wer ist das??"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Album | Band | Exil | Gitarre | Jugendbewegung | Pop
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