Richard-Wagner-HandschriftDer Krimi um Tristan und Isolde
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Jahrelange Arbeit an der Neuausgabe des "Tristan"

Der 1955 geborene Musikwissenschaftler ist ein kühler Kopf. Mit der Erforschung von Mozarts Schaffensprozess demontierte er endgültig die Mär, dass der Überflieger der Klassik seine Werke vor der Niederschrift vollendet im Kopf hatte, und gegen den Geniekult forscht er auch bei Wagner an. Die erste wissenschaftliche Ausgabe von dessen Schriften wird den Chef des Würzburger Instituts für Musikforschung jahrelang beschäftigen, "auch um der Selbststilisierung Wagners entgegenzuwirken, in der dieses schriftstellerische Oeuvre ein monolithisches ästhetisches Konzept darstellt: Die großen Werke, die ehernen Ideen… Wir fragen nach der historischen Bedingtheit."

Wobei dieser Forscher, stets korrekt mit Krawatte, höchst begeisterungsfähig ist. Die Begegnung mit einem Autograph, das Sehen, Anfassen, Riechen, ist für ihn immer "ein hochemotionales Erlebnis. Auch wenn das ein wenig kitschig klingen mag – ich spüre intensiv die Aura." Nur einen Tag hat er in Bayreuth mit Wagners gelben Seiten verbracht, danach zu Hause mit hochauflösenden Scans auf seinem Cinema-Display gearbeitet. Mitunter war es "Erbsenzählerei", für den umfangreichen Kommentar viele Einzelstellen zu überprüfen, doch darüber wiederum entdeckte Konrad Wagners Ökonomie. Der hat nämlich nicht, wie üblich, alle Beteiligten auf die Notensysteme verteilt und da, wo sie schweigen, einfach die Takte leer gelassen.

Wagner spart Papier, leere Linien gibt es nicht. Einmal schafft er es sogar, auf einer Seite von acht Stimmen zu zehn, dann zu fünf und zu sieben so zu wechseln, dass diese Akkoladen – also Stimmengruppen – exakt alle 30 Systeme des großformatigen Notenpapiers aus Paris füllen. "Unvorstellbar, wie genau man das dafür im Kopf haben muss!" Zugleich sieht man, wie Wagner nach der Einleitung unter Zeitdruck gerät. Ab und zu ist etwas durchgestrichen, oder er vertut sich, wenn wie im Horn Stimmen in anderer Lage notiert als gespielt werden müssen, oder ihm fällt auf Seite 200 zu spät ein, dass er geteilte Celli braucht. Da werden dann fehlende Notenlinien eiligst an den Rand gekrakelt. Zudem schreibt er zeilenweise von oben nach unten, während etwa Mozart zuerst die Außenstimmen fixierte und dann den Rest ausfüllte.

"Niemand besser als ich"

Das weiß man, weil Wagner es sich mitunter auch anders überlegt. Mitten in der Hornstimme auf Seite 103 gefällt ihm die ganze Passage nicht mehr, er entfernt das Blatt – und hebt es, in zwei Hälften geschnitten, für Skizzen auf. Vier solcher Blätter hat Konrad hier erstmals publiziert, und die Rückseite der ausgemusterten Seite 103 aus dem ersten Aufzug enthält schon den Keim des dritten als Bleistiftentwurf. Mehr noch, rings um die Noten wird eine Feder eingeschrieben. Jene "goldene Feder", die Mathilde ihm geschenkt hat. Eine Schriftprobe wird dabei zum Selbstlob im Privatissimum: "Dennoch sei es gesagt: Niemand besser als ich." Da ist einer glücklich mit seiner Arbeit...

Als die sogenannte Kompositionsskizze, ein erster Gesamtentwurf des dritten Akts entsteht, ab April 1859, ist Wagner nach Luzern geflohen. Zum einen gilt auch im österreichisch regierten Venedig der Fahndungsbefehl wegen Wagners politischer Aktivitäten 1849, zum andern droht Krieg. Am 24. Juni werden in der Schlacht von Solferino, der blutigsten seit Waterloo, die Österreicher von Sardinien und Frankreich geschlagen. Am 6. August schreibt Wagner aus dem Hotel Schweizerhof an seine Frau: "So eben – ½ 5 Uhr – liebste Minna, habe ich die letzte Note an Tristan geschrieben! - ††† - Ruhe er sanft, und sie auch!" Die letzte Seite ist die einzige, auf der die Taktstriche mit Lineal gezogen sind.

Aber Tristan ruht nicht sanft. Die Odyssee bis zur Uraufführung anno 1865 im Spannungsdreieck Ludwig II., Cosima und Hans von Bülow ist noch so ein Roman, freilich sattsam bekannt. Und nachdem die Leipziger die Partitur in einer Qualität gestochen haben, "neben der Sie sich den Computersatz von heute schenken können", wie Konrad meint, reicht Wagner das Autograph weiter, als wolle er Ballast abwerfen. Den ersten Akt erhält Karl Ritter, Sohn einer Gönnerin, der Wagner in Venedig assistierte. Den zweiten und dritten Akt bekommt Karl Tausig, blutjunger Pianist, den Wagner liebt wie einen Sohn.

Dieser Hochbegabte fertigt später auch den Klavierauszug der Meistersinger an und stirbt, erst 29 Jahre alt, 1871 in Leipzig. In seinem Nachlass findet sich Wagners Handschrift nicht, das Inserat des Berliner Rechtsanwalts aber hat Erfolg (obwohl er irrtümlich die ersten beiden Akte für vermisst erklärt). Schon wenige Tage später trifft in Bayreuth ein Paket des Militärkapellmeisters Carl Bratfisch vom Infanterieregiment 58 aus Glogau ein. Bratfisch hat sich später einen Namen gemacht mit dem Steinmetz-Marsch. Die schmissigen Klänge zu Ehren eines Generalfeldmarschalls findet man heute auch bei YouTube…

Die Handschrift als Startkapital nach 1945

Über den Weg von Tausig zu Bratfisch lässt sich nur mutmaßen. Vielleicht waren die 238 Seiten als Wertgegenstand bei einem Geldgeschäft verpfändet worden, so wie Wagner selbst seine Autographe beim Schnorren als Pfand einsetzte. Dass er die Tristan-Handschrift brauchte (und von Karl Ritter den ersten Aufzug auch ohne weiteres zurückbekam), mag ähnliche Hintergründe haben. Für die Realisierung des Bayreuther Festspielhauses konnte er so einen Pfand gebrauchen. Doch was nun in einem Prachteinband aus weinrotem Samt zusammengefasst wurde, blieb in Wahnfried.

Es kommt der April 1945. Wahnfried ist stark beschädigt, Wagners Enkel Wolfgang schafft das Kostbarste ins Haus seiner Mutter Winifred im Fichtelgebirge. Da werden die Bestände verteilt, den Tristan nehmen die Geschwister Wieland und Verena mit nach Nussdorf am Bodensee. Von dort wollen die Familien, politisch schwer belastet, vor den Alliierten in die Schweiz fliehen. Verenas Mann Bodo Lafferenz, zuvor Chef der Organisation Kraft durch Freude, hat ein Boot organisiert. Mit der Tristan-Handschrift als Startkapital und Grenzenöffner rudern die Erben los. Doch die Schweizer Behörden schicken sie zurück.

Leser-Kommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf missverständliche Kommentare. Danke, die Redaktion/jz

  2. Da war es dem Herrn Hagedorn wohl auch unwohl bei der Vorstellung, dass er eigentlich die üblichen Wagner-Klischees abzuarbeiten gehabt hätte. Hat er aber nicht. Nicht ganz.

    Womöglich hat er mal zwischendurch die CD eingelegt.

    Denn es ist ein nicht zu überschätzendes Erlebnis, wenn man wieder einmal ein paar Seiten wohlfeile Wagnerkritik gelesen oder geschrieben hat, vollgesogen ist mit dem vollen Spektrum menschlicher Charakterschwächen und dann spätestens nach drei Takten des Vorspiels die angelesene Schwere weichen spürt und in der Verzückung zu wägen beginnt, ob nicht, wer so was fertig bringt, notwendig Recht hat.

    Eine Leser-Empfehlung

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