Richard-Wagner-HandschriftDer Krimi um Tristan und Isolde
Seite 3/3:

Schatz der spanischen Banco Transatlantico

Das Autograph wird irgendwo am Bodensee versteckt und taucht erst 1955 wieder auf – in Barcelona. Dorthin haben spanische Wagnerianer die Bayreuther zum Gastspiel geladen. Deutschlands "Sonderminister" Franz-Josef Strauss hat im Liceo eine Loge gleich neben dem faschistischen Generalissimus Franco, gemeinsam bestaunt man das Manuskript, das Wieland für eine kleine Ausstellung mitgebracht hat. Auch, um es zu Geld zu machen, frei nach Kurwenal: "Hei, unser Held Tristan! Wie der Zins zahlen kann!" Anschließend wird der Schatz in der Banco Transatlantico deponiert, um ihn, so Konrad, "für einen Verkauf disponibel zu halten". In Deutschland wäre dabei das Kulturgüterschutzgesetz im Weg gewesen.

Winifred tobte, aber nach Wielands Tod machte auch Wolfgang keine Anstalten, das Manuskript zurückzuholen. Das spanische Vorkaufsrecht, spanische Steuern, die Sache war heikel. 1973 stand die Gründung der Richard-Wagner-Nationalstiftung an, die Überführung des Familienarchivs ins Nationalarchiv – jeder würde nach "Tristan" fragen. Was tun? Musikforscher Konrad beschränkt sich auf die Feststellung, unter "abenteuerlichen Umständen" sei das Autograph nach Bayreuth zurückgekehrt. Indessen sickert aus diskreten Quellen eine Geschichte, die die Wirren um diese Partitur angemessen fortsetzt.

Anzeige

Wolfgang Wagner soll seine Tochter Eva, die jetzige Festspielleiterin, mit einer Freundin per Flugzeug nach Barcelona geschickt haben, wohlversehen mit einer Handvoll Briefe an diverse Banker. "Die gibst du ab, dann gehst du an den Safe und holst das raus." Was in den Briefen stand, wenn es sie gab, wird man wohl nie erfahren. Bräunliche Verbindungen zwischen Westdeutschland und der spanischen Diktatur mögen eine Rolle gespielt haben. Die 28-jährige Eva, so wird erzählt, stopfte das Autograph in eine Einkaufstüte und ging noch einen Kaffee trinken. So oder so: Tristan und Isolde kam zurück nach Bayreuth. Seither trägt die Handschrift die Archivnummer NA A III ii.

Dieser Artikel ist in kürzerer Fassung in der ZEIT erschienen.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf missverständliche Kommentare. Danke, die Redaktion/jz

  2. Da war es dem Herrn Hagedorn wohl auch unwohl bei der Vorstellung, dass er eigentlich die üblichen Wagner-Klischees abzuarbeiten gehabt hätte. Hat er aber nicht. Nicht ganz.

    Womöglich hat er mal zwischendurch die CD eingelegt.

    Denn es ist ein nicht zu überschätzendes Erlebnis, wenn man wieder einmal ein paar Seiten wohlfeile Wagnerkritik gelesen oder geschrieben hat, vollgesogen ist mit dem vollen Spektrum menschlicher Charakterschwächen und dann spätestens nach drei Takten des Vorspiels die angelesene Schwere weichen spürt und in der Verzückung zu wägen beginnt, ob nicht, wer so was fertig bringt, notwendig Recht hat.

    Eine Leser-Empfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service