Kreativbranche : Ohne Ende Musik produzieren

Jeder kann heute Künstler sein. Wenn aber Kreativität die Maxime in allen Arbeitsbereichen ist, was bedeutet sie uns dann noch? Über das Ende und die Zukunft des Pop
Eine Lautsprecher-Installation des Pulse Lab bei der Clubtransmediale 2013

Noch nie war es so einfach, Musik zu machen. Wofür man früher Monate oder Jahre brauchte, das erledigt ein Jugendlicher heute mit den – im Zweifel illegal beschafften – Software-Tools in fünf Minuten, sagt Moby in dem Dokumentarfilm Press Pause Play. Einst brauchte man nicht nur Expertise, sondern auch eine Menge Technik und Geld, heute nicht mal mehr eine Plattenfirma, um seine Hörer zu erreichen. Ist das Goldene Zeitalter endlich gekommen? Um diese Frage kreiste das CTM-Festival for Adventurous Music and Arts, das gerade parallel zur Transmediale in Berlin stattfand.

Wenn immer mehr Leute Musik machen, müsste sich die Kreativität vertausendfachen. Die Musikwelt stieße täglich vor in neue Galaxien und den Clubgängern quollen die fetten Sounds nur so aus den Ohren. Stattdessen schreiben die Musikjournalisten immer das Gleiche: Es sei noch nie so langweilig gewesen. Die Musik recycele sich zu Tode. Seit The Death Of Rave sei nichts mehr entstanden, was das Zeug zu einer neuen Jugendbewegung gehabt hätte. Der Festivaltitel The Golden Age ist also vielleicht auch ein bisschen ironisch gemeint.

Es sei eigentlich egal, wen er in der Kunstwelt treffe, sagt Moby. Alle seien im Moment wahnsinnig enthusiastisch – und wahnsinnig beunruhigt. "Denn niemand weiß, woher der nächste Gehaltsscheck kommen soll. Aber alle sind total fasziniert von der Möglichkeit, ohne Ende Kunst zu produzieren und sie dann mit aller Welt zu teilen."

Er sei sich nicht sicher, ob ein junger Fassbinder, ein junger Wenders, ein junger Scorsese es unter den heutigen Bedingungen geschafft hätte, sagt der Autor und Internetkritiker Andrew Keen (Die Stunde der Stümper). "Wenn sie ihr Zeug auf Facebook oder YouTube geladen hätten, wäre es vermutlich untergegangen in diesem Ozean aus Müll." Im Jahr 2007, erinnert uns der Autor, hätte das Time Magazine den Titel für The best person of the year an die crowd vergegeben: "You and me." Für Keen ist das Internet vor allem "global masturbation".

Der Kreative ist der neue Reiche

"Wenn es einen Wunsch gibt, der innerhalb der Gegenwartskultur die Grenzen des Verstehbaren sprengt, dann wäre es der, nicht kreativ sein zu wollen", lautet der erste Satz in Andreas Reckwitz Buch Die Erfindung der Kreativität, das im vergangenen Jahr bei Suhrkamp erschienen ist. Jeder will sich heute selbst verwirklichen, ausdrücken, Neues schaffen, und wer das mit Erfolg tut, wird bewundert und begehrt, fast mehr noch als der Reiche, Schöne oder Mächtige. Die Musikbranche erscheint da besonders attraktiv. Viele Jugendliche in der westlichen Welt träumen von Karrieren als Künstler, Sänger, DJ oder Musikproduzent, und würden dafür vermutlich einiges geben: Geld, Familie, eine Fingerkuppe.

Kreativität ist deshalb so attraktiv, weil sie zwei wichtige Antriebskräfte des Menschen verstärkt: erstens seine Eitelkeit, zweitens seine Bequemlichkeit. Da künstlerische Arbeit soziale Anerkennung verheißt, nährt sie den Narzissmus des Individuums. Und da eine kreative Tätigkeit Sinn, Spaß und Abwechslung verspricht, hofft der Kreative, seine tägliche Arbeit mit weniger Mühsal absolvieren zu können. Fragt sich nur, wer heute überhaupt noch die Straße fegen oder Waschmaschinen reparieren will.

Diese Verschiebung auf der gesellschaftlichen Werteskala ist dennoch menschheitsgeschichtlich sehr, sehr jung. Bis ins 18. Jahrhundert war es keinesfalls die Aufgabe der Künstler, originell zu sein und aus sich selbst heraus Werke zu erschaffen. Vielmehr komponierte und malte man im Auftrag der Kirche oder eines Fürsten und hätte nie danach getrachtet, seinen Auftraggeber an Bedeutung zu übertrumpfen. Erst mit Erstarken des Bürgertums begannen die Künstler, sich eigene Themen und damit – zwangsläufig – auch ein eigenes Publikum zu suchen.

Der kreative Imperativ der Wirtschaft

Reckwitz weist noch auf eine weitere, interessante Entwicklung hin. War Kreativsein als Lebensinhalt früher den sozialen Randgruppen, den Bohemiens, der künstlerischen Avantgarde reserviert, die ihren Lebensstil wahlweise als Gegenposition zur herrschenden Klasse, der einförmigen Warengesellschaft oder dem Bürgertum verstanden, hat die Wirtschaft den kreativen Imperativ längst für sich vereinnahmt. Nicht nur fordern Unternehmen heute von ihren Mitarbeitern selbstverständlich permanente Flexibilität, Innovation und Eigenverantwortung, es verkaufen sich auch jene Produkte besonders gut, die als kreative Tools vermarktet werden können. Ob der Einzelne mit seinem selbstproduzierten Youtube-Video Erfolg hat, sei dahingestellt; wer ganz sicher profitiert, sind Google, Apple, Facebook und die übrigen Soft- und Hardwarehersteller.

Musik als Werbung für Technologieunternehmen

In der Musikszene ist die Verschränkung der Künstler mit ihren Produktionsmitteln traditionell besonders eng – und eher selten Anlass von Kritik. Es ist üblich, die Künstler nach ihren Tools zu fragen – niemand aber würde Elfriede Jelinek fragen, auf welchem Notebook sie ihren Roman geschrieben hat. Der Film Berlin Calling war eine riesige Werbeveranstaltung für die Musiksoftware Ableton Live. Im vergangenen Jahr schickte das Technologieunternehmen Native Instruments sogar eine eigens gecastete Superband um die Welt: Jamie Lidell, Tim Exile, Jeremy Ellis, Mr Jimmy und DJ Shiftee sollten als Mostly Robot die Leistungsfähigkeit ihrer Spielzeuge unter Beweis zu stellen.

Doch kreative Arbeit ist für das Individuum nicht nur Segen, sie ist auch ein Fluch. Die Arbeit ist dadurch noch einmal viel enger an die eigene Persönlichkeit geknüpft, Scheitern existenzieller, Kritik verletzender als die Resonanz eines Kunden auf eine falsch montierte Heizung. Zugleich wird Aufmerksamkeit zur raren Ressource, wenn auch das Publikum lieber Kunst produziert, als sich mit seiner Konsumentenrolle zu begnügen. Schon länger ist von einer Ökonomie der Aufmerksamkeit die Rede. Anstatt Förderung und Empathie schlägt Künstlern vermehrt Konkurrenz und Neid entgegen. Und längst ist in den vermeintlich offenen Netzen eine neue ruling class entstanden, mit ihren eigenen Türstehern und Vertriebswegen. Die Ideologie, im Internet sei auf einmal alles ganz anders als im bösen Kapitalismus, vor allem die hippieske Mär vom Teilen und Teilhaben tut ein Übriges, eine junge, idealistische Generation für Unternehmensinteressen einzuspannen. Davon einmal abgesehen, dass es eben auch nicht so einfach ist, andauernd Neues zu produzieren.

Andreas L. Hofbauer,  Mitorganisator des CTM, will das Bild von der kreativen Stagnation allerdings nicht so einfach stehen lassen. "Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass es nur einen linearen Fortschritt gibt", zitiert er den neuen Modegedanken vom "Ende der Zeit". Und wie in der Bildenden Kunst die Kuratorenkunst vielen heute im Vergleich zu den Werken einzelner Künstler als die eigentliche, kreative Leistung erscheint, habe sich auch die musikalische Kreativität auf die Metaebene verlagert. "Durch das Öffnen und das ständige Anwachsen der Archive hat vor allem das Präsentieren, das in neue Kontexte bringen, das Idiosynkratische an Bedeutung gewonnen. So wie man früher Sounds kombinierte, arrangiert man heute neue Bezüge, erzeugt Kontraste, organisiert Partys, die verschiedene Stile kombinieren und so Erkenntnismöglichkeiten schaffen."

Zukunft war gestern

In seinem viel beachteten Artikel im Dummy-Magazin spricht der Musikjournalist Adam Harper von zwei neuen Strömungen namens Vaporwave und Distroid. Diese Musik erinnert in ihrer schleimigen Mischung aus loungiger Wellness und trashiger Martialität an Romane wie Schimmernder Dunst über Coby County von Leif Randt und das silikonverklebte Transparenzgehabe moderner Architektur. Jedenfalls passt sie genauso wunderbar zu Werbefilmen über neue Retortenstädte wie in Fahrstühle oder Computerspiele. Nichts an ihren Zutaten ist wirklich neu, aber die Vorstellungen, mit denen man sie hört, haben sich verändert. Diese Musik ruft bedenkenlos Begriffe wie Mainstream, Oberfläche, Identitätsverlust auf, und man hört sie in einer lässigen Distanziertheit, ohne den Kapitalismus und den schönen Schein deshalb schon gleich bejahen oder verurteilen zu müssen.

Vielleicht werden wir erst in 100 Jahren sehen, was das wirklich Neue daran ist. Oder wir hätten es vor 100 Jahren schon verstehen können und haben den rechten Zeitpunkt längst verpasst. Das ist der Trick an der schönen neuen Modethese vom Ende der Linearität – sie entlastet von dem rechthaberischen Geschimpfe über das fehlende große Ding. Zukunft war gestern.

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Kommentare

48 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Der Produktionsprozess ist Egal

Man kann ja sagen, dass man "4 To The Floor" Musik nicht mag. Aber auf welche Weise ein Titel produziert wird, ob mit High End Equipment oder Low Budget, spielt doch am Ende keine Rolle, wenn der Song gut ist.
Sonst müsste ich ja auch überlegen: Mmmh, hat der Autor jetzt ein Mac Book benutzt, einen Aldi Laptop oder vielleicht sogar Tinte?

Geschmäcker sind verschieden. Das ist klar. Umso besser, dass die Möglichkeiten wesentlich vielfältiger geworden sind, Musik zu produzieren und zu veröffentlichen.
Den Konsumenten freut das!