In der Musikszene ist die Verschränkung der Künstler mit ihren Produktionsmitteln traditionell besonders eng – und eher selten Anlass von Kritik. Es ist üblich, die Künstler nach ihren Tools zu fragen – niemand aber würde Elfriede Jelinek fragen, auf welchem Notebook sie ihren Roman geschrieben hat. Der Film Berlin Calling war eine riesige Werbeveranstaltung für die Musiksoftware Ableton Live. Im vergangenen Jahr schickte das Technologieunternehmen Native Instruments sogar eine eigens gecastete Superband um die Welt: Jamie Lidell, Tim Exile, Jeremy Ellis, Mr Jimmy und DJ Shiftee sollten als Mostly Robot die Leistungsfähigkeit ihrer Spielzeuge unter Beweis zu stellen.

Doch kreative Arbeit ist für das Individuum nicht nur Segen, sie ist auch ein Fluch. Die Arbeit ist dadurch noch einmal viel enger an die eigene Persönlichkeit geknüpft, Scheitern existenzieller, Kritik verletzender als die Resonanz eines Kunden auf eine falsch montierte Heizung. Zugleich wird Aufmerksamkeit zur raren Ressource, wenn auch das Publikum lieber Kunst produziert, als sich mit seiner Konsumentenrolle zu begnügen. Schon länger ist von einer Ökonomie der Aufmerksamkeit die Rede. Anstatt Förderung und Empathie schlägt Künstlern vermehrt Konkurrenz und Neid entgegen. Und längst ist in den vermeintlich offenen Netzen eine neue ruling class entstanden, mit ihren eigenen Türstehern und Vertriebswegen. Die Ideologie, im Internet sei auf einmal alles ganz anders als im bösen Kapitalismus, vor allem die hippieske Mär vom Teilen und Teilhaben tut ein Übriges, eine junge, idealistische Generation für Unternehmensinteressen einzuspannen. Davon einmal abgesehen, dass es eben auch nicht so einfach ist, andauernd Neues zu produzieren.

Andreas L. Hofbauer,  Mitorganisator des CTM, will das Bild von der kreativen Stagnation allerdings nicht so einfach stehen lassen. "Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass es nur einen linearen Fortschritt gibt", zitiert er den neuen Modegedanken vom "Ende der Zeit". Und wie in der Bildenden Kunst die Kuratorenkunst vielen heute im Vergleich zu den Werken einzelner Künstler als die eigentliche, kreative Leistung erscheint, habe sich auch die musikalische Kreativität auf die Metaebene verlagert. "Durch das Öffnen und das ständige Anwachsen der Archive hat vor allem das Präsentieren, das in neue Kontexte bringen, das Idiosynkratische an Bedeutung gewonnen. So wie man früher Sounds kombinierte, arrangiert man heute neue Bezüge, erzeugt Kontraste, organisiert Partys, die verschiedene Stile kombinieren und so Erkenntnismöglichkeiten schaffen."

Zukunft war gestern

In seinem viel beachteten Artikel im Dummy-Magazin spricht der Musikjournalist Adam Harper von zwei neuen Strömungen namens Vaporwave und Distroid. Diese Musik erinnert in ihrer schleimigen Mischung aus loungiger Wellness und trashiger Martialität an Romane wie Schimmernder Dunst über Coby County von Leif Randt und das silikonverklebte Transparenzgehabe moderner Architektur. Jedenfalls passt sie genauso wunderbar zu Werbefilmen über neue Retortenstädte wie in Fahrstühle oder Computerspiele. Nichts an ihren Zutaten ist wirklich neu, aber die Vorstellungen, mit denen man sie hört, haben sich verändert. Diese Musik ruft bedenkenlos Begriffe wie Mainstream, Oberfläche, Identitätsverlust auf, und man hört sie in einer lässigen Distanziertheit, ohne den Kapitalismus und den schönen Schein deshalb schon gleich bejahen oder verurteilen zu müssen.

Vielleicht werden wir erst in 100 Jahren sehen, was das wirklich Neue daran ist. Oder wir hätten es vor 100 Jahren schon verstehen können und haben den rechten Zeitpunkt längst verpasst. Das ist der Trick an der schönen neuen Modethese vom Ende der Linearität – sie entlastet von dem rechthaberischen Geschimpfe über das fehlende große Ding. Zukunft war gestern.