KreativbrancheOhne Ende Musik produzieren

Jeder kann heute Künstler sein. Wenn aber Kreativität die Maxime in allen Arbeitsbereichen ist, was bedeutet sie uns dann noch? Über das Ende und die Zukunft des Pop von 

Eine Lautsprecher-Installation des Pulse Lab bei der Clubtransmediale 2013

Eine Lautsprecher-Installation des Pulse Lab bei der Clubtransmediale 2013  |  © Robert Henke 2013

Noch nie war es so einfach, Musik zu machen. Wofür man früher Monate oder Jahre brauchte, das erledigt ein Jugendlicher heute mit den – im Zweifel illegal beschafften – Software-Tools in fünf Minuten, sagt Moby in dem Dokumentarfilm Press Pause Play. Einst brauchte man nicht nur Expertise, sondern auch eine Menge Technik und Geld, heute nicht mal mehr eine Plattenfirma, um seine Hörer zu erreichen. Ist das Goldene Zeitalter endlich gekommen? Um diese Frage kreiste das CTM-Festival for Adventurous Music and Arts, das gerade parallel zur Transmediale in Berlin stattfand.

Wenn immer mehr Leute Musik machen, müsste sich die Kreativität vertausendfachen. Die Musikwelt stieße täglich vor in neue Galaxien und den Clubgängern quollen die fetten Sounds nur so aus den Ohren. Stattdessen schreiben die Musikjournalisten immer das Gleiche: Es sei noch nie so langweilig gewesen. Die Musik recycele sich zu Tode. Seit The Death Of Rave sei nichts mehr entstanden, was das Zeug zu einer neuen Jugendbewegung gehabt hätte. Der Festivaltitel The Golden Age ist also vielleicht auch ein bisschen ironisch gemeint.

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Es sei eigentlich egal, wen er in der Kunstwelt treffe, sagt Moby. Alle seien im Moment wahnsinnig enthusiastisch – und wahnsinnig beunruhigt. "Denn niemand weiß, woher der nächste Gehaltsscheck kommen soll. Aber alle sind total fasziniert von der Möglichkeit, ohne Ende Kunst zu produzieren und sie dann mit aller Welt zu teilen."

Er sei sich nicht sicher, ob ein junger Fassbinder, ein junger Wenders, ein junger Scorsese es unter den heutigen Bedingungen geschafft hätte, sagt der Autor und Internetkritiker Andrew Keen (Die Stunde der Stümper). "Wenn sie ihr Zeug auf Facebook oder YouTube geladen hätten, wäre es vermutlich untergegangen in diesem Ozean aus Müll." Im Jahr 2007, erinnert uns der Autor, hätte das Time Magazine den Titel für The best person of the year an die crowd vergegeben: "You and me." Für Keen ist das Internet vor allem "global masturbation".

Der Kreative ist der neue Reiche

"Wenn es einen Wunsch gibt, der innerhalb der Gegenwartskultur die Grenzen des Verstehbaren sprengt, dann wäre es der, nicht kreativ sein zu wollen", lautet der erste Satz in Andreas Reckwitz Buch Die Erfindung der Kreativität, das im vergangenen Jahr bei Suhrkamp erschienen ist. Jeder will sich heute selbst verwirklichen, ausdrücken, Neues schaffen, und wer das mit Erfolg tut, wird bewundert und begehrt, fast mehr noch als der Reiche, Schöne oder Mächtige. Die Musikbranche erscheint da besonders attraktiv. Viele Jugendliche in der westlichen Welt träumen von Karrieren als Künstler, Sänger, DJ oder Musikproduzent, und würden dafür vermutlich einiges geben: Geld, Familie, eine Fingerkuppe.

Kreativität ist deshalb so attraktiv, weil sie zwei wichtige Antriebskräfte des Menschen verstärkt: erstens seine Eitelkeit, zweitens seine Bequemlichkeit. Da künstlerische Arbeit soziale Anerkennung verheißt, nährt sie den Narzissmus des Individuums. Und da eine kreative Tätigkeit Sinn, Spaß und Abwechslung verspricht, hofft der Kreative, seine tägliche Arbeit mit weniger Mühsal absolvieren zu können. Fragt sich nur, wer heute überhaupt noch die Straße fegen oder Waschmaschinen reparieren will.

Diese Verschiebung auf der gesellschaftlichen Werteskala ist dennoch menschheitsgeschichtlich sehr, sehr jung. Bis ins 18. Jahrhundert war es keinesfalls die Aufgabe der Künstler, originell zu sein und aus sich selbst heraus Werke zu erschaffen. Vielmehr komponierte und malte man im Auftrag der Kirche oder eines Fürsten und hätte nie danach getrachtet, seinen Auftraggeber an Bedeutung zu übertrumpfen. Erst mit Erstarken des Bürgertums begannen die Künstler, sich eigene Themen und damit – zwangsläufig – auch ein eigenes Publikum zu suchen.

Der kreative Imperativ der Wirtschaft

Reckwitz weist noch auf eine weitere, interessante Entwicklung hin. War Kreativsein als Lebensinhalt früher den sozialen Randgruppen, den Bohemiens, der künstlerischen Avantgarde reserviert, die ihren Lebensstil wahlweise als Gegenposition zur herrschenden Klasse, der einförmigen Warengesellschaft oder dem Bürgertum verstanden, hat die Wirtschaft den kreativen Imperativ längst für sich vereinnahmt. Nicht nur fordern Unternehmen heute von ihren Mitarbeitern selbstverständlich permanente Flexibilität, Innovation und Eigenverantwortung, es verkaufen sich auch jene Produkte besonders gut, die als kreative Tools vermarktet werden können. Ob der Einzelne mit seinem selbstproduzierten Youtube-Video Erfolg hat, sei dahingestellt; wer ganz sicher profitiert, sind Google, Apple, Facebook und die übrigen Soft- und Hardwarehersteller.

Leserkommentare
  1. Jeder kann sich heute eine DAW-Software runterladen, legal für 50 Euro (guckstu nach Reaper). Kann deshalb jeder komponieren? Nein. Kann deshalb jeder vernünftig Abmischen und Mastern? Nein, und das Ergebnis hören wir im Radio. Nachdem Plattenfirmen feststellten, dass MP3-Hörer wirklich fast jeden auch noch so billig produzierten Mumpf kauften, wurde ihnen folgerichtig klar, dass sie sich die Ausgaben für das Buchen eines ordentlichen Tonstudios mit einem ordentlichen Toningenieur sparen konnten. Lieber per Bandübernahmevertrag (die Bänder gibt's nicht mehr, aber den Vertrag noch) den zuhause für wenig Geld vom Künstler selbst produzierten Schrott aufkaufen und versenden. Hört ja eh keiner den Unterschied. Kommt nicht so drauf an, wichtig ist der Hype drum rum und virales Marketing. Vor 10 Jahren hätte man Justin Bieber vom Hof gejagt. Klangqualität? Nur noch bei Klassik und Jazz, und auch da wird's eng, dank virtueller Libraries. Kurz: Im Musikbereich hat sich die Genmanipulation bereits flächendeckend durchgesetzt.

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  2. Oder mit anderen Worten: Früher gab es zehn gute Bands und 100 schlechte. Heute gibt es zehn gute Bands und 500 schlechte.

    Kreativität in der Kunst und der Musik lässt sich auch nicht an den zahlreichen neuen Akademien erlernen, der Markt durchschnittlicher "Künstler" ist hoffnungslos übersättigt. Naja, solange die ihr Geld selbst verdienen soll es mir egal sein. Der Trend geht allerdings zu Hartz4, schließlich ist man ja "gelernter Kreativer", da kommt ein richtiger Job nicht in Frage (Das ist meine Erfahrung).

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  3. Danke ;-) gestern war nicht alles besser. Nicht die Komposition, auch nicht die Qualität der Aufnahmen. ... bin zwar schon ein bisschen angewelkt, weshalb ich die hier kommentierenderweise genannten Klischees etwa jetzt zum 4-ten in meinem Leben lese.
    Das da hab ich auch schon ein paar mal geschrieben (-sehr gerne, weil wahr): Hermann Hesse sagte mal sinngemäß, es sei egal ob Mozart als Hi-End-Audio erklinge oder über Langwelle aus dem Äther krächze, denn das Meisterwerk überzeuge auch als lausiges Gekrächze, bzw. evtl. erst dann erweise sich die Qualität eines Werkes, indem es die entstellenden Widrigkeiten in seiner Qualität überleuchte.
    Diese Aussage finde ich ziemlich überzeugend.
    Abgesehen davon, ich denke, wir werden es erleben, dass die hier beklagte Sorte Umgang mit Werkzeug, die Musik betreffend, den Status Kunst erleben wird. Genauer: Der wurde schon längst attestiert. Sampler, evtl. drittklassige die hier beklagten, zugegeben, -von nichts anderem jedoch ist hier die Rede, haben längst Einzug gehalten auch in die ernst genannte Musik. Zu beklagen, dass die jetzt jedermann/frau verfügbar sind, das ist an sich der Klage wert. Ich wette mein bestes Hemd, wir werden Talente erleben, die aus dem Spiel eine Kunst basteln werden. Es wird mir eine Freude sein, an dieser hier Stelle darüber Lob zu vernehmen. Früher oder eben später ;-)

    • JimNetz
    • 04. Februar 2013 23:21 Uhr

    orientiert sich doch wie gute Malerei durchaus an großen Vorbildern, und da ist es mit dem eigenen Narzißmus doch recht schnell vorbei. Was bleibt - wenn man dabeibleibt, heißt das - das ist harte Arbeit, mit dem/den Instrumenten, mit der Tontechnik, dem Produzieren, dem Vermarkten und last but not least: an sich selbst.

    Die Fortschritte, die man da macht werden zwar mit zunehmender Mühe immer geringer, dafür steigt aber der persönliche Horizont. Nüchtern betrachtet schreibt man vielleicht wirklich eines Tages Songs voller Leben und Herzblut, und dann: kommt das auch rüber. Aber erst dann.

    Ich glaube, so viel hat sich gar nicht geändert. Trällerei gab es schon immer, wir kennen sie nur nicht mehr. - Eben.

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  4. Die Ära der "klassischen Musik" ist bereits zu Ende, da wird konsequenterweise nur noch wiederholt.
    Bei der Pop Musik läuft es - nur Jahrhunderte schneller - in die selbe Richtung; die Wiederholungsrate ist immens.
    Jazz führt nur noch ein Schattendasein.
    Und bald wird der Computer ohnehin alles ohne menschliches Zutun komponieren können.
    Das wäre dann das Ende der Geschichte - es bleiben die "Hausmusik" und die Erinnerung (Gerhard Polt hat das bereits in den 80ern vorhergesehen).

    • fragfix
    • 05. Februar 2013 0:00 Uhr

    hat sich schon vor 30 jahren über die "kreativitätsfördernde Wirkung" der ominipräsenten Workshops lustig gemacht. Der Text heißt "Der Liederhöhrer" ist witzig und ist heute womöglich noch aktueller als damals.

    • dëfr
    • 05. Februar 2013 0:08 Uhr
    24. dito.

    da schließ ich mich an!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Elfriede Jelinek | Künstler | Leif Randt | Berlin
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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