Deutscher ESC-BeitragCascadas "Glorious" ist kein Plagiat

Ist der deutsche ESC-Beitrag nur eine billige Kopie des letztjährigen Siegertitels? Der Musikwissenschaftler Ralf von Appen hat für ZEIT ONLINE beide Songs untersucht. von Ralf von Appen

Immer wieder das Gleiche. Was auf den Eurovision Song Contest im Allgemeinen zutrifft, gilt auch für die regelmäßig erhobenen Plagiatsvorwürfe gegen die deutschen Beiträge. Wie zuvor Stefan Raab, Lena Meyer-Landruth oder Corinna May müssen in dieser Woche auch Cascada der Prüfung standhalten. Sollte Glorious, der Gewinnertitel des diesjährigen deutschen Vorentscheides, wegen einer Urheberrechtsverletzung disqualifiziert werden?

Ausgerechnet der letztjährige Siegertitel Euphoria von der Schwedin Loreen habe den Songschreibern als Vorlage gedient. Eine von BILD beauftragte Phonetikerin (!) hatte im Sprachlabor eindeutige Parallelen entdeckt, darunter "die gleiche Akzentuierung" und "die gleiche Atemstilistik".

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Was ist nun aus musikanalytischer Sicht dran am Vorwurf des geistigen Diebstahls?

Ralf von Appen
Ralf von Appen

Dr. Ralf von Appen ist Musikwissenschaftler an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Einen Schwerpunkt seiner Arbeit bildet die Analyse populärer Musik.

Gemeinsamkeiten finden sich tatsächlich im Songaufbau und der damit verbundenen Dynamik, dem Spiel von Spannungsauf- und -abbau. Bei der vom ESC vorgegebenen Länge von maximal drei Minuten relativieren sich solche Ähnlichkeiten aber sofort: In dieser knappen Zeit beginnen die meisten Songwriter ohne Intro unmittelbar mit der ersten Strophe, um so insgesamt drei Durchläufe des memorablen Refrains unterbringen zu können.

Wie viele andere Dance-Pop-Tracks senken beide Songs zudem das Energielevel nach zwei Dritteln in einem sogenannten Breakdown stark ab, um den anschließenden Schluss-Refrain dann mit großer Wirkung abheben zu lassen. Dies sind Genre-Konventionen – so allgemein, dass sie ohnehin nicht schutzfähig im urheberrechtlichen Sinn sind.

Selbiges gilt für die Harmonik: Während die Strophen beider Songs harmonisch vollkommen unterschiedlich gestaltet sind, weisen die Refrains dieselbe Akkordfolge auf. Doch das zugrunde liegende Pattern vi / V / I / IV (Tonikaparallele, Dominante, Tonika, Subdominante) ist wiederum so alltäglich, dass es in keinem Fall urheberrechtlichen Schutz genießt. Aktuell findet man es beispielsweise auch in Ke$has Hit Die Young.


Relevant ist in diesem Fall hingegen Paragraph 24, Satz 2 des Urheberrechtsgesetzes, der besagt, dass insbesondere die Melodie "nicht erkennbar dem Werk entnommen und einem neuen Werk zugrunde gelegt" werden darf. Und es mag die Melodik zu Beginn des Refrains sein, die bei vielen Hörern den Eindruck großer Ähnlichkeit erweckt (siehe Notenbeispiel).

© Ralf von Appen/ZEIT ONLINE

Leserkommentare
  1. ...clevere Verschiebung zwischen Harmonik und Melodik Verwirrung gestiftet wird, so dass auch bei wiederholtem Hören nie ganz klar ist, wo der Chorus endet und der folgende Part beginnt (siehe Abbildung). Dies soll für Aufmerksamkeit sorgen und Langeweile vermeiden.
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    Diese Dorfdisko-Lieder klingen selbst dann gleich, wenn man sie rückwärts abspielt.

    23 Leserempfehlungen
  2. "Diese Dorfdisko-Lieder klingen selbst dann gleich, wenn man sie rückwärts abspielt."

    Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Schade, dass Musiker wie LaBrassBanda, die mit ihrem Mundart-Ska/sonstwas die deutlich interessantere musikalische (und kulturelle) Repräsentation Deutschlands hätten liefern können, leider außen vor bleiben müssen.

    6 Leserempfehlungen
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    • krimpel
    • 20. Februar 2013 14:23 Uhr

    Nunja, Sie haben Recht. Allerdings darf man auch nicht vergessen dass wir es hier mit dem ESC zu tun haben. Und der hat mit Musik recht wenig zu tun.
    Könnte er allerdings, nur wurde das eindrucksvoll von den Branchenvertretern verhindert.
    Daher denke ich, hilft nur ein konsequenter Total-Boykott als demokratische Reaktion auf eine Luxusveranstaltung deren Teilnahme sich einige Staaten sicher borgen müssen.
    Ich werde nicht einschalten und hoffe hier einige zu erreichen die es mir gleichtun werden.

    • krimpel
    • 20. Februar 2013 14:23 Uhr

    Nunja, Sie haben Recht. Allerdings darf man auch nicht vergessen dass wir es hier mit dem ESC zu tun haben. Und der hat mit Musik recht wenig zu tun.
    Könnte er allerdings, nur wurde das eindrucksvoll von den Branchenvertretern verhindert.
    Daher denke ich, hilft nur ein konsequenter Total-Boykott als demokratische Reaktion auf eine Luxusveranstaltung deren Teilnahme sich einige Staaten sicher borgen müssen.
    Ich werde nicht einschalten und hoffe hier einige zu erreichen die es mir gleichtun werden.

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    hätte mir persönlich das zwar auch eher gefallen, aber die Kommentare wären kaum positiver ausgefallen.

    Mir geht dieses alljährliche Plagiat-Gefasel und Herummeckern an den Teilnehmern auf die Nerven. Cascadas Titel ist bestimmt nicht schlechter als andere Beiträge auch, und singen kann die Frontfrau durchaus.

  3. ... daß "Glorious" kein Plagiat nach den Vorgaben, die ein musikalisches Plagiat "technisch" zu erfüllen hat, ist.
    Eine billige Kopie des letztjährigen Siegertitels, im Sinne einer wertenden Gesamtbetrachtung, ist und bleibt es gleichwohl. Peinlich!

    15 Leserempfehlungen
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    Kopie ganz deutlich zu hören und billig sowieso... denn der derbe,prollige Ballermann-Beat passend zum Style, Aussehen und Performance der Sängerin ist an Peinlichkeit kaum zu toppen

    Mir persönlich ist der ESC ziemlich egal aber das löst selbst bei mir sowas wie "fremdschämen" aus.

  4. Hihi: Dorfdisko-Lieder :-)

    Schöne Analyse zu einem Popsong. Aber es muss ja kein Plagiat zu Euphoria sein. Wenn man lange genug sucht, findet sich doch bestimmt noch eine andere "Inspirationsquelle".

    Eine Leserempfehlung
  5. schön dass die zeit sich die mühe macht einerseits mit simpelster analyse die lächerlichen plagiatsvorwürfe zu entkräften und andererseits deutlich macht mit welch banalen mitteln ein popsong eben geschrieben wird, ähnlichkeiten systemimmanent sind.

    4 Leserempfehlungen
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    • TDU
    • 20. Februar 2013 15:09 Uhr

    Zit: "ähnlichkeiten systemimmanent sind".

    Eigentlich sind doch Tonleitern und Intervallregeln alle gleich. Es kommt auf den Komponisten und Arrangeur an, wie differenziert diese Regeln genutzt werden. (Wie bei der Sprache übrigens auch). Klassische Musik ist da in der Regel anspruchsvoller, aber auch da gibts jede Menge gefällige Elemente. Z. B. Für Elise, Mondscheinsonate und A la Turka.

    Pop Musik eben einfacher gestrickt. Aber "leichter" ist sie trotzdem nicht, will sie, dass ihr viele zuhören. Man versuchen es mal mit einem eigenen Stück und man wird es merken. Wer schon lange Sätze liebt, muss die nicht nur kurz, sondern auch prägnant umsetzen.

    Ist so wie mit der Politik und Fussball. Die kann auch jeder, und sie ist simpel. Aber wenn es darum geht, Andere zu überzeugen oder zugewinnen wirds schwierig.

    Die Soundmöglichkeiten engen halt paradoxerweise ein. Was erfolgreich ist, muss nachgemacht werden. Hört man die Pop Musik der 1960iger Jahre, da war nahezu jedes Lied ein Unikum. Vergleichen Sie z. B. allein Beatles, Hollies, Kinks und Stones.

    Der ESC ist eh bestimmer Musik vorbehalten. Immer diese Chorige, leicht ins bombastische gehende Fülle. Sollte ja uch das ältere Publikum ansprechen. Früher James Last Fans (Spass).

    Satellite war m. E. eine Ausnahme. Und Poupee de cire poupee de son, France Gall, aus den 1960igern.

    • TDU
    • 20. Februar 2013 15:27 Uhr

    "Ein bisschen Frieden" sie noch erwähnt als Stück mit Chansoncharakter. Aber welche Kenntnis und welchen Mut muss man haben, um an den Erfolg so eines Werks zu glauben und einem Millionenpublikum zu bieten.

    Da scheint Cascada ein Abklatsch. Aber es gibt viele "Cascadas" und Cascada ist eben Cascada. Mal gespannt auf den Platz. Ich glaube nicht, dass sie gewinnen. 2* Ohrengleich mag das weltweite Publikum nun auch nicht.

    • kalypto
    • 20. Februar 2013 14:30 Uhr

    ... den Instrumenten (Synthesizer),
    dem überdeutlichen Halleffekt,
    der Terzung der Melodie (bei Euphoria per Synthesizer),
    den auffälligen Tonrepetitionen des Melodiehöhepunkts ("up-up-up" und "[glo]-rious")?

    Das alles, zusammen mit dem Gesagten, wirkt schon recht ähnlich.

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    Ähnlich (da genre-typisch) ist nicht gleichbedeutend mit gleich (sprich: geklaut).

    • Nordrev
    • 20. Februar 2013 14:35 Uhr

    ... die Swedisch House Mafia heraus.
    Der Song heißt "Don't you worry child":

    http://www.youtube.com/wa...

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  • Schlagworte Eurovision Song Contest | Plagiat | Popmusik
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