Immer wieder das Gleiche. Was auf den Eurovision Song Contest im Allgemeinen zutrifft, gilt auch für die regelmäßig erhobenen Plagiatsvorwürfe gegen die deutschen Beiträge. Wie zuvor Stefan Raab, Lena Meyer-Landruth oder Corinna May müssen in dieser Woche auch Cascada der Prüfung standhalten. Sollte Glorious, der Gewinnertitel des diesjährigen deutschen Vorentscheides, wegen einer Urheberrechtsverletzung disqualifiziert werden?

Ausgerechnet der letztjährige Siegertitel Euphoria von der Schwedin Loreen habe den Songschreibern als Vorlage gedient. Eine von BILD beauftragte Phonetikerin (!) hatte im Sprachlabor eindeutige Parallelen entdeckt, darunter "die gleiche Akzentuierung" und "die gleiche Atemstilistik".

Was ist nun aus musikanalytischer Sicht dran am Vorwurf des geistigen Diebstahls?

Gemeinsamkeiten finden sich tatsächlich im Songaufbau und der damit verbundenen Dynamik, dem Spiel von Spannungsauf- und -abbau. Bei der vom ESC vorgegebenen Länge von maximal drei Minuten relativieren sich solche Ähnlichkeiten aber sofort: In dieser knappen Zeit beginnen die meisten Songwriter ohne Intro unmittelbar mit der ersten Strophe, um so insgesamt drei Durchläufe des memorablen Refrains unterbringen zu können.

Wie viele andere Dance-Pop-Tracks senken beide Songs zudem das Energielevel nach zwei Dritteln in einem sogenannten Breakdown stark ab, um den anschließenden Schluss-Refrain dann mit großer Wirkung abheben zu lassen. Dies sind Genre-Konventionen – so allgemein, dass sie ohnehin nicht schutzfähig im urheberrechtlichen Sinn sind.

Selbiges gilt für die Harmonik: Während die Strophen beider Songs harmonisch vollkommen unterschiedlich gestaltet sind, weisen die Refrains dieselbe Akkordfolge auf. Doch das zugrunde liegende Pattern vi / V / I / IV (Tonikaparallele, Dominante, Tonika, Subdominante) ist wiederum so alltäglich, dass es in keinem Fall urheberrechtlichen Schutz genießt. Aktuell findet man es beispielsweise auch in Ke$has Hit Die Young.


Relevant ist in diesem Fall hingegen Paragraph 24, Satz 2 des Urheberrechtsgesetzes, der besagt, dass insbesondere die Melodie "nicht erkennbar dem Werk entnommen und einem neuen Werk zugrunde gelegt" werden darf. Und es mag die Melodik zu Beginn des Refrains sein, die bei vielen Hörern den Eindruck großer Ähnlichkeit erweckt (siehe Notenbeispiel).

© Ralf von Appen/ZEIT ONLINE