Deutschland gewinnt den Eurovision Song Contest 2013. Ja, klar. Denn LaBrassBanda bewerben sich für Unser Song für Malmö. Und weil kaum eine deutsche Band die Massen so zum Toben bringt wie die bayerische Blaskapelle, gewinnt sie, fährt nach Schweden und räumt dort dicke ab. Rache für Lena Mayer-Landrut!

Ach nö. Wird nicht passieren. Erstens: Nackert ist bei Weitem nicht der beste Song der Blechbande. Gebremster Bierschaum statt barfuß im Bühnenschweiß. Posaunenchor-Intro, soulpoppiger Hauptteil, Sprechgesang im tiefsten Chiemgauer Dialekt und nur zwischendurch ein bisschen Chiemseegipsybayernbalkanesisch, nur Spurenelemente vom Reggae-Ska-Volxpunk aus Übersee (Oberbayern). A bisserl zahm.

Zweitens: Nicht LaBrassBanda gewinnen den Vorentscheid, sondern schon eher Betty Dittrich, die Schwedin mit dem ach-so-bezaubernden Akzent, die Zeilen singt wie "Franz, er war ein Junge mit langem Haar, genauso wie Ringo Starr, doch wo ist er hin?" Entwaffnend ehrlich heißt das Liedchen Lalala. Prilblumen-Styling, Sechziger-Jahre-Minikleid und eine Ausstrahlung wie weiland Vivi Bach: ein niedlicher Auftritt aus der Zeit, als der ESC noch Grand Prix hieß. International hat die Wirtschaftswundernummer wohl kaum eine Chance, aber die haben – und das wäre drittens – LaBrassBanda auch nicht. Schon allein, weil deren Gesang fast englisch klingt, aber es nicht ist.


Es sind einige Musiker im deutschen Wettbewerb, die echt was drauf haben. Neben Betty Dittrich zieht Saint Lu den stärksten Hype auf sich, und das hat mindestens einen guten Grund: ihre Stimme. Der andere wird wohl sein, dass sie sich so apart in lasziven Unterwäsche-Posen durchs Video zu ihrem Song Craving räkelt. Die als Luise Gruber geborene Österreicherin, Jahrgang 1984, hat daheim auf dem Bauernhof die gute Landluft, bei USA-Aufenthalten eine ordentliche Portion Soul und außerdem (zumindest in ihren Videos) eine ganze Menge Zigarettenrauch inhaliert. Ihre Alben mischt Patrik Majer, der Produzent von Wir Sind Helden. Die Texte schreibt Stefan Skarbek, der auch für Amy Winehouse gedichtet hat.

In dieser Richtung ist Saint Lu denn auch unterwegs: irgendwo auf einem nicht ganz aussichtsarmen Platz in der Janis-Joplin-Erbfolge, den Blues mit Dreckspritzern in Pastelltönen veredelt und auf hohem musikhandwerklichen Niveau, auch dank des Major-Labels im Rücken. Nur ein leichter Hauch von Retortenduft hängt in der Rockdivenmähne.

Anders als bei der Duisburger Folk-Pop-Combo Mobilée. Die war zwar auch schon auf Tour mit Roxette und Tim Bendzko (der, Obacht!, in der Jury des Vorentscheids sitzt) und ist längst bei Universal unter Vertrag, bewahrt sich aber einigen Neulingscharme. Angeblich war nicht mal mit der Plattenfirma abgesprochen, was Mobilée im Sommer im biederen ZDF-Fernsehgarten inszenierten: Mit Pussy-Riot-Sturmhauben und Putin-Maske thematisierten sie die Zensur in Russland und vernachlässigten darüber die Lippenbewegungen, sodass noch dem Letzten auf dem Lerchenberg die Playbackigkeit der ganzen Chose aufging.


Ihr Beitrag Little Sister ist nett und fröhlich; Akkordeon, Ukulele und Banjo hört mancher vielleicht nicht alle Tage. Allerdings meckern ESC-Fans, der Song sei im Internet früher veröffentlicht worden, als die Regeln erlauben – ein Problem, das auch zwei weitere Beiträge betrifft. Der NDR hat es mit den ESC-Herrschenden von der European Broadcasting Union geklärt: Frühere Versionen seien das, meilenweit weg vom eigentlichen Wettbewerbsbeitrag.