Neues Heino-Album : Ganz vorn in der Hipster-Polonaise

Schlag den Schlager mit seinen eigenen Mitteln: Heino nutzt den Dekonstruktivismus, um das Establishment zu unterwandern und die Jugend zu begeistern. Gut so!

Und Heino steht also an der Spitze der Charts. Nur ein Wochenende auf Erdbeerlimes und Fanta-Eierlikör hat es gedauert. Aber jetzt bitte nicht meckern, sondern herzhaft in die Tröte pusten: Es ist Karneval! Da gibt's Menschen, die sich als Heino verkleiden. Und warum sollte sich Heino nicht mal als Mensch verkleiden. Jetzt musikalisch gesehen. Und wenn Heino sich als Mensch verkleidet, dann zweifellos als Jacques Derrida. Jetzt intellektuell gesehen.

Heinz Georg Kramm, wie seine Mutter ihn nannte, hat zwar schon zwei schön zu rollende R im Namen, aber den Kenner zieht's natürlich zum Doppel-R. Und wie wunderbar klingt Däkonnstrrrrucktivissmusss. Von den Heidelerchen zu Heidegger und seinem Begriff der Destruktion ist es auch nicht weit.

Heino lässt sich von seinem ästhetischen Empfinden leiten und trifft damit den Nerv der Zeit. Als Trendsetter, der mit schwarz-braunem Haselnussmus eine ganze Generation und deren geistige Nachfahren gestärkt hat, schließt er sich nun dem neuen Hipstervolk an. Dessen subversiver Protest besteht bekanntlich in der Affirmation des Etablierten: Britney-Spears-T-Shirts, röhrende Hirsche, Omas Häkeljoppe – in der Umarmung erfolgt der Dolchstoß.

Als Derrida-Fan weiß Heino, was zu tun ist: Schlag den Schlager mit seinen eigenen Mitteln. Zeig dem deutschen Pop, wie verachtenswert er ist. Sein neues Album kommt Mit freundlichen Grüßen daher und ist eigentlich als Briefbombe ans Establishment gedacht.

Wenn Heino gewohnt feinsinnig die kitschigen, deutschtümelnden Sprachbilder aus aktuellen Popsongs herausarbeitet, merkt so mancher Echo-Preisträger erst, was er verbrochen hat. Bei den Sportfreunden Stiller glätten sich alle Wogen derrrr Begeisterrrrrung. Westernhagens Frrrrräulein Meier kehrt allen Frrrrreiern den Rücken. Nena verkriecht sich in ihrem Leuchtturm. Rammsteins Sonne lässt den Enzian erröten. Und wie Du wieder aussiehst?, fragen Die Ärzte. Heino antwortet frei nach den Absoluten Beginnern: schteilmäßig immer wieder gut beraten von Hannelore. Er singt "Junge, brich Deiner Mutter nicht das Herz" und meint "Versohl' ihr den Hintern!"

Rabea Weihser

Rabea Weihser leitet die Ressortgruppe Kultur bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Perfekt beherrscht er das ironische Zitat eines ironischen Zitats und wird damit zum Held der ironischen Zitäter. Heino ist nun Teil einer Jugendbewegung, und sei sie nur saisonal und hieße Polonaise! Denn auch das wäre natürlich bloß Ausdruck der Subversion gegen unsere wohlgelaunte Wellness-Kultur.

Heino hat Download-Rekorde gebrochen, er begeistert die junge Zielgruppe mit dekonstruktivistischer Analyse des deutschen Volksmusikunwesens. Derridas Theorie und Heinos Praxis der Kritik von Innen überzeugen auch die Gremien im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: Die ARD gibt die Absetzung von Hansi Hinterseer bekannt. Heino, weiter so!

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Kommentare

68 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Das ist nicht die ganze Wahrheit

Was soll denn der Witz sein, daß das Cover ohne E-Gitarre auskommt? Das Lied wird eins zu eins nachgespielt, ohne jegliche eigene Interpretation und ohne textliche Veränderung. Daß der Opa dabei die Musik seines Enkels nachsingt, entbehrt zwar nicht einer gewissen Ironie, macht die Sache aber nicht musikalisch wertvoll. Bei einer echten Volksmusikversion von Junge wäre das anders. So bleibt nur Karnevalsmusik um nochmal abzukassieren.

PS: Wirklich cool wäre Heino doch sowieso nur gewesen, wenn er die Volksmusikrapper Bushido oder Sido gecovert hätte, da wäre auch zusammen gekommen, was zusammen gehört ;-)

Heino und "Bild" als Watschenmann aus dem bösen Westen!

Die Polemik ist mir leider vorenthalten worden.
Ich mag es aber, wenn sich meine Vorurteile bestätigen.

"Auf Heino können sich alle einigen, weil Heino schon für unsere Eltern der Watschenmann gewesen war. Deshalb ist "Mit freundlichen Grüßen" seine Rache an uns allen: Heino schlägt uns mit den eigenen Waffen. Und die köstlichste Ironie liegt darin, dass er niemals ein Nummer-eins-Album hatte - jetzt aber womöglich eines haben wird." Quelle: http://www.rollingstone.d...