Atoms For PeaceApocalypse wow!

Der Radiohead-Sänger Thom Yorke hat mit Musikern der Chili Peppers und von REM die Band Atoms For Peace gegründet. Ein Supergroup-Album oder der Sound zum Weltuntergang? von Christian Jooß

Eine Soundlandschaft wie durch die Bullaugen eines U-Bootes gesehen. Sonartöne. Pulsierende Stimmen, transparent wie Quallen. Beinahe erdrückt von den fetten Buchstaben, die auf der Website drei Partys ankündigen. Atoms For Peace wollen ihr erstes Album feiern, in London, Berlin, New York. Wer sind die, wer tritt auf? "Thom + Nigel with V special guests", ist da zu lesen.

Ohne Touchscreen erschließt sich die Homepage erst, wenn man die Bildschirmansicht verkleinert. Dann offenbart sich ein weit über die Ränder hinaus reichendes Schwarz-Weiß-Fries – die animierte Version eines Holzschnitts. Grafisch zwischen Wiener Moderne und Hieronymus Boschs Weltuntergangsszenarien. Wir sehen die digitale Emanation einer Band, die allerorts als Supergroup beschrieben wird.

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Im Herbst 2009 stand diese Gruppe erstmals mit Thom Yorke auf der Bühne, um in Los Angeles dessen Solodebüt The Eraser aufzuführen. Anfang 2010 gingen die Musiker, die sich wahlweise als ?????? oder Thom Yorke???? formierten, für ein paar Gigs auf Amerikatour, spielten später ein Konzert in Japan. International publikumswirksam war das noch nicht.

Jetzt erst hat die Band einen Namen – Atoms For Peace – und ein Debütalbum namens Amok. Und jetzt weiß man auch offiziell, wer hier mit dem Radiohead-Sänger spielt: der Bassist Flea von den Red Hot Chili Peppers, Nigel Godrich, der als Produzent neben Radiohead schon für Beck oder Paul McCartney gearbeitet hat, der Schlagzeuger Joey Waronker, der lange mit Beck und auch für R.E.M. gespielt hat und der von den Chili Peppers gern angefragte Perkussionist Mauro Refosco.

Atoms For Peace, das war der Titel einer Rede, mit der Dwight D. Eisenhower 1953 für eine friedliche Nutzung der Kernenergie wirbt. So hieß auch ein Songtitel auf Yorkes erstem Soloalbum. Kryptisch verzerrt geht es darin – nicht um die Zukunft der Energieversorgung – um die Zukunft der Liebe nach den Lügen. Before your very eyes, das Eröffnungsstück des neuen Albums: hybride Verzahnung von programmierten Beats, Schlagzeug und Percussion. In der engen Verbundenheit entsteht ein neuer Groove, in dem das Künstliche organisch und das Organische künstlich erscheint. Es ist die ideale Kulisse für Thom Yorkes Stimme, die den Körper hinter sich gelassen hat und nur noch Aura sein will. Synthetischer Regen tropft den Rhythmus im Stück Ingenue. Dazu ein Retro-Synthesizer-Sound, der nicht weit entfernt ist von der Klangkulisse von Blade Runner. Dieser Klang, der von jenseits der Apokalypse zu uns herüberhallt, hat durchaus das Zeug zum Soundtrack für ausgedehnte Gedankengänge.

Die beginnen auf der Homepage: Die Hollywood Hills sind zu sehen, ein Straßenschild der Route 101. Die Hügel brennen. Vor ihnen versinkt eine Hochhaussilhouette in Fluten. Die Embleme von Shell, Mobile und Arco ragen noch heraus. Ein letzter Gruß aus vergangenen Energiezeitaltern. Es sind besonders die Autos, die hier wieder und wieder durch die Wellen taumeln. Ganz rechts treibt das magische Königreich des Walt Disney seinem Ende entgegen. Die Strafe kommt von ganz oben. Feuerbälle schlagen großflächig ein, so wie die Sterne vom Himmel fallen in der Offenbarung des Johannes, der Lieblingslektüre aller Untergangssüchtigen. Riesenfledermäuse schwärmen über das Firmament. Und am Gebäude der Times rast eine Uhr vorwärts, weil Zeit in der Apokalypse bedeutungslos wird.

In Song Reverse Running scheint es, als liefen die Beats rückwärts. Die Gitarre spielt Schleifen dahin, als wäre sie autistisch gefangen in ihrem eigenen Film. Der Rhythmus hält dieses im Kreis rennende Tierchen in einem feinen, stabilen Käfig.

Leserkommentare
    • Panic
    • 27. Februar 2013 10:49 Uhr

    "Default" ist ja wohl outstanding. Super!!!

    Eine Leserempfehlung
  1. für den Tipp. Sehr schönes Album, unterscheidet sich deutlich (aber nicht gleich Kilometer) und auf angenehme Weise von Radiohead
    Und auch Danke für Grizzly Bear, und für Bon Iver, btw.

  2. Mein absoluter Favorit ist "Reverse Running".

    • 15thMD
    • 27. Februar 2013 15:26 Uhr

    Das hört sich wirklich überzeugend an. Default ist wirklich klasse. Freue mich schon in die anderen Lieder reinzuhören.

    Zu dem Video:

    Bitte packen Sie einfach diese URL
    https://www.youtube.com/w...
    einfach hier rein
    http://www.proxfree.com/
    und klicken Sie auf PROXFREE. Wenn die Verbindung langsam ist, kann man noch das Land ändern. Erschließt sich von selbst.
    Viel Spaß damit. (geht auch bei jedem anderen Video, das durch die GEMA gesperrt wurde. Also bei 99% der gesperrten Videos.)

  3. 5. Danke!

    Ist schon bestellt...

  4. Dieses Album ist eine der wenigen wirklich guten Verschmelzungen von feiner Handarbeit an den echten Instrumenten und der mit DAWs.
    Elektronisches Grundgerüst, wo nötig ergänzt mit Stimme, Bass und Gitarre.
    Für meinen Geschmack zu wenig handgemachte Percussion (keine), aber
    alles passt.

    Kann man sich oft anhören, meine ich. Viel zu entdecken.

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