Wie sich das wieder fügt: Zwischen königlichen Schätzen und Skulpturen des 14. bis 16. Jahrhundert steht die neue Ausstellung David Bowie Is im Londoner Victoria & Albert Museum. Schon vor dem Eröffnungswochenende wurden 50.000 Karten verkauft, so groß war der Andrang aufs V&A noch nie. Die ganze Aufregung wurde natürlich verstärkt durch Bowies unerwartete musikalische Regung nach zehn Jahren Stille, das neue Album The Next Day, von dem das Museum nichts ahnte.

Als im August 2012 erste Presseberichte über die geplante Retrospektive publik wurden, meldete sich der bis dahin medienstumme David Bowie auf seiner Webseite zu Wort, um klarzustellen, dass er selbst nicht Kurator der Ausstellung sei, sondern den Machern lediglich Zugang zu seinem 75.000 Objekte umfassenden Archiv in New York verschaffte.

David Bowie Is hat dennoch seinen Segen. Er beliefert sie nicht nur mit seinem archivarisch vorselektierten Selbstverständnis, sondern vollendet diese versteckte Regie zusätzlich mit der Auflage, alle Begleittexte zu den Ausstellungsstücken von seinem Experten auf historische Richtigkeit prüfen zu lassen. Sinnvoll zwar, um ewig widergekäute Unrichtigkeiten endlich zu bereinigen, aber auch ein möglicher Weg, die eigene Geschichte umzuschreiben und aktive Arbeit am eigenen Mythos zu leisten. Wieso, könnte man fragen, macht Bowie da überhaupt mit?

Das Traditionshaus V&A ist eine wichtige Bastion. Bowies popkultureller Wert ist längst ausgehandelt, der Meister hat einen kaum zu überbietenden Reichtum an symbolischem Kapital angereichert, der es ihm erlaubt, mit jeder Äußerung tonangebend, ja sogar jenseits der Kritik zu sein. Man lese nur die ausnahmslos huldigenden Besprechungen seines neuen Albums.

Bowie als Nachahmer der Avantgarde

Vertreter der reinen Ästhetik hingegen ordnen den Briten nicht selten als Scharlatan und bloßen Nachahmer der Avantgarde ein. "Im Gegensatz zu Madonna flirtete Bowie Zeit seiner Laufbahn gern und großspurig mit dem Sexappeal der Avantgarde – einer Avantgarde allerdings, die zu dem Zeitpunkt, als Bowie sich ihrer annahm, ihren Zenit jeweils längst überschritten hatte. [...] immer auf der Suche nach neuem State-of-the-art-Spielzeug, das die anderen noch nicht kennen und deshalb fasziniert aus der Distanz der Uneingeweihten bewundern", schrieb 2003 das Schweizer Kunst- und Kulturmagazin Du und fährt fort: "Sein Ruf als Avantgardist und Neuerer kann wohl als das größte Missverständnis in der kanonischen Rezeption eines Künstlers gelten, der sich auf alles, was er anfasste nur insoweit einließ, als es sein Prestige in der Kultgemeinde mehrte. Überzeugt hat er nur als Geschäftsmann, Songschreiber und Sänger und er wäre wohl der erste, es zuzugeben. Alles andere, was er macht, weist ihn als Dilettanten aus, der zwar hoch intelligent ist, aber kein Intellektueller; der zwar Stil hat, aber keinen Geschmack". Auch der Guardian zitierte zuletzt Kritiker, die dem V&A unterstellten, es beteilige sich bloß an Bowies Persönlichkeitskult, einem unwürdigen Ausstellungsthema eines Museums der schönen Künste.

Wenn Bowie in High-Art-Kreisen so wahrgenommen wird (er wüsste es!), hat er fraglos ein Interesse daran, sich und sein Werk in einer letzten Mission auch dort aufgewertet zu sehen. Dazu leistet das V&A – traditionell ein Wächter und Verfechter der hohen Kultur – derzeit einen wichtigen Beitrag.

Interessanterweise beginnt die Schau nicht mit einem Ausstellungstück aus Bowies geheimem Archiv, sondern mit einem Auftragswerk der Künstlerin Ana Rutter. Eine Million dicht aneinander gesteckte Reiskörner – eines identisch mit dem anderen – symbolisieren in ihrer Arbeit Everyone Born in the UK, 1947 alle britischen Kinder dieses Jahrgangs. Eines davon ist David Bowie.

Mitten im Persönlichkeitskult

Er beginnt seine Geschichte, wie wir alle, als einer von vielen. "A face in the crowd", sagt der Begleittext. Und wo endet sie? Die Retrospektive macht einen maßgeblichen Vorschlag. Sie führt den Besucher zum Schluss in einen palastartigen Raum, gerahmt von drei ehrfurchtseinflößenden überlebensgroßen Leinwänden, auf denen unter anderem die legendären Auftritte Ziggy Stardusts zu sehen sind. Der Besucher ist im Laufe der Retrospektive längst zum Reiskörnchen geworden, das zu Bowie heraufblickt, ein winziger Fisch in einem riesigen begehbaren Bowie-Aquarium. Dieses Crescendo zum Finale der Schau ist, wenn auch genau die Form des von Kritikern lamentierten Persönlichkeitskults, gleichzeitig der Höhepunkt der Inszenierung, so wirkungsvoll, wuchtig und Pop.

From zero to hero. Innerhalb dieses Rahmens gelingt es der für einen eineinhalbstündigen Besuch konzipierten Ausstellung, David Bowies Einflüsse, Schaffensprozesse und künstlerisches Wirken sowohl für Kenner als auch Nichteingeweihte begreifbar zu machen. Ob beim Design seiner Kostüme, derer 50 gezeigt werden, seiner Musikvideos, Bühnenbilder, Albumcover, Choreografien – Bowie hat überall seine Finger im Spiel. Oft gestaltet er selbst die Entwürfe und lässt sie dann umsetzen. Geoffrey Marsh, der Ko-Kurator der Ausstellung, sagte: "Mir war schnell klar, dass man unter Bowies Aufsicht gar keine Ausstellung machen könnte, so stark ist er in alles involviert".