Depeche Mode in bekannter Pose © Anton Corbijn

Es mag Ihnen auf den Computerboxen entgangen sein: Das neue Album von Depeche Mode hat massig Bass. Seit Dienstag ist Delta Machine auf einer Videoplattform anzuhören. Hatte die Plattenfirma das Album bis dahin gehütet wie ein Staatsgeheimnis, darf nun jeder reiflich prüfen, ob er es denn ab Freitag auch käuflich erwerben mag. Sei die Online-Premiere der Kultur des Teilens geschuldet oder einem Marketingfuchs, den Absatz wird die Aktion nicht bremsen. Depeche-Mode-Alben werden reflexhaft gekauft, ein Stolpern im Elektrogroßmarkt, schon hat man so ein Teil im Korb. Gar nicht gemerkt.

Delta Machine nun also, dreizehntes Album, erstes seit vier Jahren, Welttournee folgt, man kennt das ja. Solange noch nichts zu hören war, konnte man sich noch wundern: Was soll der Titel bedeuten? Quetschen Depeche Mode nun den Blues aus ihren Synthesizern? Jetzt dürfen wir hören und stellen fest: Irgendwie so Jein, naja. Während seine Kollegen die elektronischen Maschinen auf durchaus vertraute Art und Weise entsaften, wähnt sich der Sänger Dave Gahan auf einem Mississippi-Raddampfer. Er knödelt und greint wie einst John Lee Hookers Gitarre. War das auf vorherigen Alben ein Stilelement unter vielen, gibt er diesmal beinahe durchgängig den angry, ähem, young man.

Es war einmal eine Zeit, da leuchteten Depeche Mode enthusiastisch die dunklen Ecken ihres Geschäfts aus. Mitte der Achtziger etwa taten sie sich mit dem Fotografen Anton Corbijn zusammen und posierten für eine neue Bildsprache des Pop. Schwarzweiß, grobkörnig, kontrastreich, meist nachdenklich dreinblickend. Seitdem hat Corbijn wohl eine Milliarde Fotos von Depeche Mode geschossen, ihre Plattenhüllen und Musikvideos, ja sogar Bühnenshows gestaltet. Er regierte absolutistisch über die Außendarstellung der Band – so entstand ein ums andere Mal eine schlüssige Illustration des Klangs. Das Konzept rund um Violator im Jahr 1990? Genial! Mittlerweile wurde Corbijns Bildsprache so oft kopiert, dass sogar das Original ermüdend wirkt. Auf den Fotos zu Delta Machine schauen Depeche Mode etwas belämmert in die Runde, also eigentlich wie immer. Das wäre natürlich herzlich egal, wenn die Musik denn gut klänge.

Singles waren mal die Königsdisziplin

Doch, auweia, schon die erste Vorab-Single Heaven war eine traurige Angelegenheit, so müde, so schleppend, mit albernen Trommelwirbeln im Vordergrund. Dabei waren erste Singles bislang so eine Art Königsdisziplin von Depeche Mode (wenngleich auf den letzten beiden Alben auch nur hoffnungsfroh stimmende Vorboten gepflegter Inspirationslosigkeit). Barrel Of A Gun, I Feel You, Personal Jesus, Wrong, allesamt Brecher; auch Precious ein bezauberndes Lied. Nun Heaven, nein. Das klingt so wrong, so uninspiriert.

Immerhin, das Album beginnt ganz vielversprechend! Wie sich im ersten Stück Welcome To My World schmackhaftes Elektrogewürm in ein schamloses Synthesizer-Melodram öffnet, das genügt für eine veritable Gänsehaut. "I'll penetrate your soul", singt Dave Gahan dazu, "isch fick deine Seele, Alter". Später weiß man: Diese Warnung ist ernstzunehmen. Erstmal überwiegt aber die Neugierde.

Abzweigung Richtung Rock

Denn mit ihrer Klangästhetik waren Depeche Mode früher weite Wege gegangen, hatten den Einstürzenden Neubauten zugehört, Mitte der Achtziger in Berlin, hatten den Begriff des Instruments gedehnt, mehrmals in ihrer Karriere. Zu Beginn ihres Wirkens um 1981 war es unerhört, Synthesizer als Instrumente zu bezeichnen – seit den Sex Pistols waren gerade mal vier Jahre vergangen. Dann ließen Depeche Mode Kiesel durch Regenrinnen laufen, sampelten das Geklirr von Messern und Gabeln und bastelten daraus Welthits wie People Are People. Schließlich nahmen sie Ende der Achtziger die Abzweigung Richtung Rock und setzten sich einen richtigen, echten, fleischundblutigen Schlagzeuger auf die Bühne. Einen Schlagzeuger! Und dennoch, ihre Version des Gospels auf Songs Of Faith And Devotion war wahrlich ergreifend.

Wenn dieser Schlagzeuger nun heute mit auf der Bühne sitzt, dann sind Depeche Mode eine ordinäre Rockband geworden. Wie kürzlich, als sie eine Handvoll neuer Lieder für Herrn Letterman sangen. Der Trommler war ein Tier, im Vergleich zu seiner Batterie hockt Metallicas Lars Ulrich auf einem Kinderkarussell. Wie der schwitzte, grotesk. Rumpelig und unorganisiert klangen die neuen Stücke da, und vor allem so melodieschwach verglichen mit älteren, mit Walking In My Shoes und Enjoy The Silence.

Ein zweites gutes Stück gibt's noch

Doch weiter auf Delta Machine. Im langen Mittelteil zwischen Heaven (Nummer 3) und Should Be Higher (Nummer 9) hängt das Album durch wie eine Hängematte; der Hintern schaukelt bei Slow. Dazwischen enervierende Stampfer, melodiebefreite Balladen, lahme Liedchen. Mit viel gutem Willen ist Alone das zweite gute Stück. Soothe My Soul, die zweite Single, aber ist unerträglich: Man stelle sich nur vor, wie im Festivalsommer diese bittere Vergewaltigungsphantasie aus zigtausend Kehlen schallt.

Nostalgie ist meist ein verkaufsfördernder Impuls. Blind und geschmacklos. Wer ihr nachgibt, wird mit Delta Machine bestraft. Immerhin, es ist besser als Sounds Of The Universe – und damit das beste Depeche-Mode-Album seit acht Jahren! Mehr Trost ist nicht zu finden.

Und nun möge der Furor der Anhängerschaft die Kommentarspalte verwüsten. Denn wenn Delta Machine auch kein Meisterwerk ist: Depeche Mode haben weiterhin die treuesten Fans der Welt.