ZEIT ONLINE: Herr Hindrichs, beschäftigt man sich als Musikwissenschaftler derzeit automatisch mit dem Phänomen Frei.Wild?

Thorsten Hindrichs: Vermutlich schon. Ich jedenfalls bin seit dem vergangenen Semester dafür verantwortlich, das Projekt Musik und Jugendkulturen am Geschichts- und Kulturwissenschaftlichen Institut in Mainz auf den Weg zu bringen, da interessiert mich das Phänomen Frei.Wild nicht nur persönlich, sondern auch wissenschaftlich sehr.

ZEIT ONLINE: Dann erklären Sie es doch bitte in aller Kürze.

Hindrichs: In aller Kürze wird das schwierig. Soweit ich es verfolge, haben Frei.Wild sehr clever und sehr erfolgreich eine Lücke deutschsprachigen Rocks gefüllt, die besonders die Böhsen Onkelz hinterlassen haben.

ZEIT ONLINE: Frei.Wild sind also vor allem ein Marketingphänomen?

Hindrichs: Nicht nur, aber sie wissen die Sehnsucht gewisser Teile des Publikums geschickter zu bedienen als viele andere Nachfolgebands der Onkelz. Dabei ist festzustellen, dass die gesellschaftliche Abwehrreaktion, insbesondere in den Feuilletons, erheblich dazu beiträgt, die Popularität der Band nochmals zu erhöhen. Es gibt offenbar ein Publikum, das einfache Antworten auf einfache Fragen sucht und entsprechend versorgt werden will.

ZEIT ONLINE: Ist diese Suche eine Folge der Verbreitung rechtsradikalen Gedankenguts oder bloß des Bedürfnisses, zu provozieren?

Hindrichs: Beides. Ein Teil des Publikums dürfte aus einer gewissen Politikverdrossenheit Lust an der Provokation entwickeln, ein anderer aus einem diffusen "Die-da-oben-wir-da-unten-Gefühl" eine latente Systemablehnung. Hinzu kommen Männlichkeitsideale, die schnell in Kategorien wie Stolz münden. Das zusammen bietet einer rechtsradikalen Ideologie durchaus Anknüpfungspunkte. Das Spektrum der Rezipienten sprengt also jedes simple Schwarzweiß-Schema.

ZEIT ONLINE: Halten Sie die Absender dennoch für verfassungsrechtlich bedenklich?

Hindrichs: Nein, Frei.Wild ist keine Naziband, aber offen nach rechts. Das wirft also eher die Frage auf, inwiefern die Mitte der Gesellschaft anfällig für diese Art der Musik geworden ist. Die hart rechte Szene ist ja relativ klein, auch wenn ihre Wirkungskreise, wie im Fall des NSU sichtbar wurde, bisweilen groß sind. Aber wie weit patriotische, tendenziell nationalistische Ressentiments vom rechten Rand nach innen vordringen, wie der Konflikt-Forscher Wilhelm Heitmeyer festgestellt hat, ist wirklich bedenklich. Da ist es fast zu begrüßen, dass der Erfolg von Frei.Wild eine Debatte über diese Entwicklung entfacht.

ZEIT ONLINE: Angestoßen unter anderem in der Rockmusikszene selbst.

Hindrichs: Die dann wie Jupiter Jones, Mia. oder Kraftklub voll im Shitstorm der sehr engagierten Frei.Wild-Fans stehen, die zugleich allerdings in allen Foren posten, wie nett ihre Band sei und dass man noch lange kein Nazi sei, wenn man sein Land liebe.

ZEIT ONLINE: Nach dem Motto "das muss doch mal gesagt werden dürfen…"

Hindrichs: Ganz genau. Diese Sarrazinisierung des Popdiskurses ist sehr verbreitet.

ZEIT ONLINE: Sie mündet aber gelegentlich in offenen Rassismus oder Antisemitismus, in vielen Foren sogar unter Klarnamen.

Hindrichs: In der Tat. Das belegt aufs Neue, wie offen die Fanszene einerseits in alle Richtungen ist, wie sehr die gesellschaftliche Mitte aber andererseits von ihr durchdrungen wird. Da hat sich eine Tür geöffnet, durch die viele hindurch blicken, ohne ganz hindurch zu gehen. Die Kritik am "Gesinnungsterror" wird da ebenso wenig zu Ende gedacht wie die am "gleichgeschalteten Mainstream".

ZEIT ONLINE: Aber machen sechsstellige Tonträger-Verkaufszahlen inklusive Echo-Nominierung nicht ihrerseits Frei.Wild zum Mainstream?

Hindrichs: In gewisser Weise schon, was auch ein Licht auf die Mitte der Gesellschaft wirft, die sich über den Kaufakt zur Musik und deren Inhalten bekennt. Das wiederum zeigt dann, wie salonfähig bestimmte Thesen mittlerweile sind. Wobei sie gar nicht unbedingt häufiger vorkommen als früher, sondern einfach nur häufiger artikuliert werden – sei es durch Vorbilder wie Thilo Sarrazin oder den Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, sei es in den vielen Internetforen. Man fühlt sich mit keiner Meinung mehr allein, und eine Band wie Frei.Wild bedient das auch musikalisch.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie Frei.Wild mit einer rechtsextremen Band wie Störkraft vergleichen – was ist besonders für junge Konsumenten gefährlicher: der offene Faschismus oder der unterschwellige Nationalismus?