Italiens StarpianistZu Besuch im Palazzo Pollini

Der Pianist Maurizio Pollini kommt für zwei Konzerte nach Berlin. Was hält er von Beppe Grillo und von Neuer Musik? Frederik Hanssen war bei ihm in Mailand zu Gast. von Frederik Hanssen

Wenn es regnet in Mailand, und es regnet hier häufiger, als es dem Italienreisenden aus dem Norden lieb sein kann, schaut man besser genau hin, wo man langläuft. Denn dann bilden sich überall auf den unerwartet unebenen Trottoirs tückische Wasserlachen, in die der Besucher – pitsch! – hineintappt, wenn er sich von den auch bei diesem Schietwetter elegant gewandeten Passanten oder den Auslagen der Designergeschäfte ablenken lässt. Triefenden Schuhs biegt er also in die Gasse gleich beim Domplatz ein, in der Maurizio Pollinis Wohnung liegt, schlängelt sich im Schutz jener Metallbügel, die in den bürgersteiglosen Nebenstraßen der Altstadt den Fußgängern ein Laufstreifchen abzwacken, vor bis zur angegebenen Hausnummer. Der Name des Pianisten steht nicht auf dem Klingelbrett, seine Gäste müssen dort drücken, wo eine rätselhafte 8 steht.

Dann aber wird ihnen aufgetan, das heißt, sie hören den Türsummer schnarren, drücken gegen das gigantische Eingangstor – und es öffnet sich darin ein winziges Türchen, ein Einschlupf, so niedrig, dass sich selbst klein gewachsene Italiener bücken müssten. Ein leichtes Alice-im-Wunderland-Gefühl stellt sich ein. Und tatsächlich: Wie so oft bei Mailänder Palazzi entfaltet sich die Pracht ausschließlich nach innen. Hinterm Säulengang mit Kreuzrippengewölbe öffnet sich ein weiter Hof, von gelben Fassaden setzen sich hellgrau gestrichene Fensterläden edel ab, es gibt sogar eine Portiersloge. Die ist jetzt allerdings gerade unbesetzt.

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Während der Besucher noch zögert, welchen Eingang er ansteuern soll, kommt rechterhand schon Maurizio Pollini eine breite Treppe herunter, wie immer formvollendet gewandet, mit dezent gemusterter Krawatte zum blauen Hemd unterm Pfeffer-und-Salz-Jackett. Allein die weichen Slipper an den Füßen verraten, dass er sich in heimischer Umgebung bewegt. Freundlich bittet er den Gast die Prachtstiege hinauf, in der ein gigantischer, goldglänzender Barockspiegel den Blickfang bildet. Hinter der stahlbewehrten Wohnungstür öffnet sich eine veritable Enfilade von Sälen, alle mindestens fünf Meter hoch. Ein Flügel ist nicht zu sehen, dafür um so mehr Bücher, in Regalen, auf Tischen, Stühlen und Fensterbrettern. Die Wände sind mit architektonischen Zeichnungen gepflastert, angefertigt und gezeichnet mit feinem Bleistiftstrich von Pollinis Vater, der in den dreißiger Jahren seine Landsleute für die Ideen des Bauhauses zu begeistern versuchte.

Alarmiert von der Parlamentswahl

1942 wurde der Pianist in eine Mailänder Künstlerfamilie hineingeboren, niemals hat er in einer anderen Stadt gelebt. 1968 wurde er hier getraut, hier ist der einzige Sohn Daniele aufgewachsen, seit Ewigkeiten schon bewohnen die Pollinis ihre noble Palazzo-Etage. Lange hatte der vielseitig interessierte Teenager Maurizio gezögert, das Klavierspielen zum Brotberuf zu machen, nach seinem spektakulären Sieg beim Warschauer Chopin-Wettbewerb 1960 studierte er ein paar Jahre weiter, bevor er sich der Weltkarriere hingab, bis heute immer geplagt von Lampenfieber und dem Bewusstsein, dass ein selbstkritischer Künstler sein ganzes Leben mit den Meisterwerken zubringen kann, ohne je das Gefühl zu erleben, sie voll durchdrungen zu haben.

In den siebziger Jahren bildete er mit dem Dirigenten Claudio Abbado und dem Komponisten Luigi Nono ein legendäres, linksintellektuelles Triumvirat, das die Hochkultur unbedingt unters Volk bringen wollte. Sie traten in Fabriken auf, verlasen vor ihren Auftritten Manifeste gegen den Vietnamkrieg. Auch jetzt, als feiner alter Herr, ist Maurizio Pollini politisch noch hochinteressiert. Und darum von der Wiedergeburt des überwunden geglaubten Silvio Berlusconi bei der Parlamentswahl im Januar alarmiert. "Es ist mir unerklärlich, warum ihn die Leute immer noch wählen, nachdem er gezeigt hat, wie korrupt er ist. Zunächst dachten viele, einer, der so reich geworden ist, kann doch mit Geld umgehen. Doch natürlich ist es eine völlig andere Sache, ob man als Unternehmer handelt oder als Staatsmann." Beppe Grillo und seine Fünf-Sterne-Bewegung kann er allerdings ebenso wenig ertragen. Vor allem nicht Grillos öffentliche Auftritte. "Die Art, wie er herumbrüllt, erinnert mich an Mussolini."

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