Jazzpianist Paul Kuhn"Auf Bomm, di-dn-da-da-da folgt Bamm, Bamm!"

Das Augenlicht lässt nach, aber die Finger sind flink wie eh und je: Der Pianist Paul Kuhn, gerade 85 geworden, erzählt im Interview vom neuen Album und alten Zeiten. von Sebastian Handke

ZEIT ONLINE: Herr Kuhn, Sie sind ein alter Hase. Gerade haben Sie Ihren 85. Geburtstag gefeiert und sich einen lang gehegten Wunsch erfüllt: Jazz-Sessions in den legendären Capitol Studios in Los Angeles. Waren Sie aufgeregt?

Paul Kuhn: Ich war sogar ziemlich aufgeregt, obwohl ich nicht dachte, dass ich es sein würde. An dem Mikrofon haben zwar schon Nat King Cole und Frank Sinatra gesungen, aber das ist doch egal, oder? Dann steht das Mikrofon da, und es ist eben nicht egal! Ich habe meine Stimme noch nie so persönlich gehört. Da hört man jeden Zahn.

ZEIT ONLINE: Sie arbeiteten dort unter anderem mit Al Schmitt, der schon die Musik zu Breakfast at Tiffany's oder die Platten von Ray Charles veredelte.

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Kuhn: Wenn überhaupt irgendwo etwas professionell gemacht wird, dann in diesen Heiligen Hallen. Als ich mal spontan etwas singen wollte, waren ohne Aufhebens zack, zack zwei Schallwände, ein anderes Mikro und ein Tisch mit zwanzig Bleistiften aufgebaut. Wie der Blitz. Und wenn ich fragte: "Wann können wir anfangen?", hieß es: "Jederzeit! Es läuft immer". Auch beim Probieren. Kann ja jederzeit sein, das was Tolles kommt.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie mit Ihren amerikanischen Kollegen geprobt?

Kuhn: Wir mussten die Stücke meist nur anspielen. Einer nickte, dann war das gelaufen. Es gibt ja zum Beispiel ein Reihe bestimmter Schlüsse im Jazz, die macht man halt so. Und die Vorbereitung zu einem Schluss, die ist dann im Grunde auch immer ähnlich. Man hört also schon: Aha, da will er raus, also läuft es auf diesen oder einen anderen Schluss zu. Wenn man macht: "Bomm, di-dn-da-da-da", dann folgt: "Bamm, Bamm!" Ist doch klar, oder?

ZEIT ONLINE: Sie gehen jetzt auch wieder auf Tournee. Wie halten Sie Ihre Finger fit?

Kuhn: Indem ich spiele, jeden Tag. Eine Stunde sollte es schon sein. Das schaffe ich nicht immer, aber wenn ich zu Hause bin, habe ich Zeit. Arrangieren geht ja nicht mehr, weil ich nicht mehr richtig gucken kann. Früher habe ich das oft gemacht. 180 Partituren liegen bei mir, alle noch mit der Hand geschrieben!

ZEIT ONLINE: Auf Ihrem Album sind allerdings auch neue Stücke von Ihnen.

Kuhn: Die hatte ich aber nicht aufgeschrieben. Ich spielte so, so, so, (Paul Kuhn schiebt den Kaffee beiseite und nutzt den Tisch als Klavier). Die Jungs hörten kurz zu und wussten Bescheid. Man sagt head arrangements dazu.

ZEIT ONLINE: Sie machen seit etlichen Jahren Jazz. Viele kennen Sie aber nur als Schlager-Interpreten, als den Mann am Klavier.

Kuhn: Seit ich Musik mache, habe ich ein Auge auf Jazz gehabt. Aber man hat sich damals nicht getraut. Also übte ich zunächst Klassik. Jazz war immer nur nebenbei. Nach dem Krieg spielte ich dann Jazz und populäre Musik für amerikanische Soldaten in den Clubs. Irgendwann kam ein Produzent auf mich zu: "Willst Du nicht mal Platten machen?" Also schaute ich seine Noten durch. Es waren deutschsprachige Schlager. Das normale Geschäft ging da gerade wieder los. Der Mann am Klavier ist ja nichts Schlimmes. Ein Schlager halt, ein Stimmungslied. Aber ich hatte bis dahin Lieder von Irving Berlin, Cole Porter, George Gershwin gesungen. Ich wollte das nicht spielen. "Dann kriegst Du keinen Vertrag", sagte er, "ganz einfach".

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie es dennoch getan?

Kuhn: Mit Jazz konnte man damals kein Geld verdienen. Also habe ich das Lied gesungen, aber mit gelangweilter Stimmte. Viele sagen, dass das Stück 1953 nur deshalb so erfolgreich war, weil man meine Haltung durchhören konnte: "Ooch, ja, sing ich's halt." Ich war dann richtig drin im Schlager-Geschäft, habe auch arrangiert für andere Leute.

ZEIT ONLINE: Später wurden Sie Leiter der SFB-Bigband, hatten eigene Sendungen, spielten in Maske und Kostüm bis zu zehn Rollen in einem einzigen Sketch. Standen Sie gern vor der Kamera?

Kuhn: Ja. Macht Spaß.

Leserkommentare
    • Hermez
    • 23. März 2013 11:31 Uhr

    ...und ja, ich freue mich für Paul, dass er endlich "seine" Musik spielen kann:)
    Hervorragender Musiker,ich wünsche ihm das er das noch lange machen kann.

    2 Leserempfehlungen
  1. ...am Schlagzeug - das ist garantiert eine knusprige Platte! Möge Paul Kuhn noch viele Platten aufnehmen mit so hochkarätiger Begleitung!

    • wauz
    • 23. März 2013 14:44 Uhr

    FUCK THE MUSIC INDUSTRY!

    (Was hätten wir in Deutschland eine musikalische Entwicklung haben können, hätten die Plattenfirmen usw. das nicht so gekonnt verhindert!)

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    • Karl63
    • 23. März 2013 16:52 Uhr

    Der Frankfurter Jazzmusiker Emil Mangelsdorff hat es in seiner Biographie sehr eindringlich beschrieben: bis zum Mai 1945 war Jazz in Deutschland eine ausdrücklich unerwünschte Musik - und wer die trotzdem hörte (oder spielte) wurde vom Machtapparat der Nazis mit den verschiedensten Formen der Repression belegt.
    Anders als beispielsweise bei unseren Freunden in Frankreich war Jazz hierzulande nie etwas, was ein Massenpublikum begeistern konnte, es war immer eine Minderheitenmusik. Selbstverständlich gab es auch in den Fünfziger und Sechziger Jahren hier einige Jazzmusiker, die Platten mit eigener Musik aufgenommen haben, aber damals mindestens genauso schwierig wie heute davon genug zu verkaufen, um davon zu leben.
    Hierzulande "lebt" Jazz auch davon, dass der eine oder andere Kulturetat etwas dafür hergibt uns so Mittel für Liveauftritte zur Verfügung stehen, die vieles erst Möglich machen - auch dies gab es früher so nicht.
    Was Paul Kuhn jetzt veröffentlicht hat ist etwas ganz anderes als meinetwegen "The Bad Plus". Dennoch wer es mag, Jazz "vom Feinsten".

  2. feiner und sensibler Könner der gerne ewig leben dürfte und statt Blut den Rhythmus in den Venen hat.

    • Karl63
    • 23. März 2013 16:52 Uhr

    Der Frankfurter Jazzmusiker Emil Mangelsdorff hat es in seiner Biographie sehr eindringlich beschrieben: bis zum Mai 1945 war Jazz in Deutschland eine ausdrücklich unerwünschte Musik - und wer die trotzdem hörte (oder spielte) wurde vom Machtapparat der Nazis mit den verschiedensten Formen der Repression belegt.
    Anders als beispielsweise bei unseren Freunden in Frankreich war Jazz hierzulande nie etwas, was ein Massenpublikum begeistern konnte, es war immer eine Minderheitenmusik. Selbstverständlich gab es auch in den Fünfziger und Sechziger Jahren hier einige Jazzmusiker, die Platten mit eigener Musik aufgenommen haben, aber damals mindestens genauso schwierig wie heute davon genug zu verkaufen, um davon zu leben.
    Hierzulande "lebt" Jazz auch davon, dass der eine oder andere Kulturetat etwas dafür hergibt uns so Mittel für Liveauftritte zur Verfügung stehen, die vieles erst Möglich machen - auch dies gab es früher so nicht.
    Was Paul Kuhn jetzt veröffentlicht hat ist etwas ganz anderes als meinetwegen "The Bad Plus". Dennoch wer es mag, Jazz "vom Feinsten".

    Antwort auf "Lesson learned:"

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