MusikmagazinDie "Spex" hat das Denken über Pop verändert

Vom Magazin zum Kultobjekt: Die "Spex" vermittelte das coolere Wissen, die korrektere Weltanschauung. Ein Buch dokumentiert ihre Geschichte und 33 1/3 Jahre Pop. von Gerrit Bartels

Das Archiv der "Spex" hat die alten Ausgaben wieder hervorgeholt.

Das Archiv der "Spex" hat die alten Ausgaben wieder hervorgeholt.  |  © Spex

Der Titel dieses Spex-Buches ist schön doppeldeutig. 33 1/3 Jahre Pop, das weist auf die lange Zeit hin, die das Popkulturmagazin seit seiner Gründung 1980 in Köln durchgängig existiert. Ein "Akt der Selbstvergewisserung und der Manifestation von Gegenöffentlichkeit" sei das damals gewesen, so Peter Bömmels, einer der sechs Mitbegründer. Die Zahl im Titel erinnert aber unweigerlich auch an die gute alte Schallplatte, das Vinylalbum mit seinen 33 1/3 Umdrehungen pro Minute auf dem Plattenteller. Die Spex, diese Analogie liegt nahe, ist also ein genauso historisches Medium wie das Vinylalbum. Beide haben ungeheure popkulturelle Verdienste, führen jedoch heutzutage ein Nischendasein.

Diese Veröffentlichung durch den neugegründeten, zum Berliner Aufbau-Haus gehörenden Metrolit-Verlag passt ins Bild. Denn das Buch hat rein dokumentarischen Charakter, um nicht zu sagen, dass es die Spex fit fürs Museum macht. 33 1/3 Jahre Pop präsentiert über siebzig Texte aus den Spex-Ausgaben von 1980 bis heute. "Schlüsseltexte" seien das, glauben die Herausgeber Anne Waak und Max Dax, der nach dem Umzug nach Berlin 2006 bis 2010 Spex-Chefredakteur war. Sie wollen damit den Versuch wagen, so Dax im Vorwort, "Kontinuitäten und Brüche einer über drei Jahrzehnte währenden Sprachfindung offenzulegen – einer kontinuierlichen Praxis der Selbstvergewisserung, die nicht nur veränderte, wie wir über die Musik und die Popkultur denken, sondern en passant unser Denken neu sortierte."

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Mal abgesehen davon, dass solche verkrumpelten Sätze immer eines der Probleme der Zeitschrift waren, sie das heute noch manchmal sind, dass Sprachfindung das eine ist, komplizierte Sachverhalte einfach auszudrücken das andere – abgesehen davon stimmt es: Die Spex hat gerade in den achtziger und zum Teil in den neunziger Jahren das Denken über Popmusik und -kultur verändert, das Schreiben darüber, den Stellenwert von Pop im Kulturbetrieb überhaupt. Sie dürfte manche Biografie verändert oder gar geprägt haben, sie hat Haltungen, Denkweisen und Geschmack ihrer Leserschaft entscheidend beeinflusst.

Pophistorie und zeitgenössische Kunst

Denn es ging in dem Blatt zwar immer hauptsächlich um Popmusik, um neue Platten, um neue, manchmal berühmte Bands. Und von Beginn an kümmerte sich die Redaktion auch um die Popmusik-Historie. Wenn etwa die Diederichsen-Brüder mit den musizierenden Gebrüdern Nikki Sudden und Epic Soundtracks 1986 in einem Gespräch das damals schon beachtliche Werk von Neil Young einzuordnen versuchten. Oder wenn man an tote Helden wie Arthur Lee erinnerte oder Musiker wie Alex Chilton oder Robert Wyatt porträtierte.

Unübersehbar und effektiv beschäftigte sich die Redaktion aber auch mit zeitgenössischer Kunst, so in den Kolumnen von Mrs. Benway, wie sich die langjährige Spex-Herausgeberin Jutta Koether in ihrer Eigenschaft als Kunstkritikerin nannte; Künstler wie Albert Oehlen und Martin Kippenberger gehörten zum Umfeld der Spex. Dann wurde hier eine bestimmte Art von Literatur vorgestellt, die Vorläuferin der Ende der neunziger Jahre im etablierten Literaturbetrieb reüssierenden Popliteratur. Und man beschäftigte sich mit Politik und Theorie, mit linker Politik und französischer Theorie, wobei das eine das andere nicht ausschloss. Schnell wurde im Lauf der Zeit offensichtlich, dass die Politik der Grünen, die ja ebenfalls 1980 gegründet wurden, die grüne Bewegung überhaupt, und die vitale, sich in den achtziger Jahren erstmals ausdifferenzierende Popkultur auf zwei sehr unterschiedlichen Planeten zuhause waren. Oder der real existierende Lotterpunk der Fußgängerzonen und der Postpunk englischer und amerikanischer Prägung. Subversion durch Stil war das Gebot der Stunde. Oder auch Widerstand durch Affirmation, das "große Ja in der modernen Welt des permanenten Nein", wie es der Schriftsteller und Musiker Thomas Meinecke formulierte.

Ein exemplarisches Heft ist das vom Februar 1984, mit dem Soft-Cell-Sänger Marc Almond auf dem Cover. Darin findet sich vorn der für Musikzeitschriften übliche Teil mit Gossip und Mitteilungen über Bands wie die ChameleonsTödliche Doris oder über Herbie Hancock; unvermittelt taucht dazwischen jedoch eine Seite mit einer Kritik über John Carpenters Film Christine und einem Kommentar zur Kießling-Wörner-Affäre auf. Das Fundament dieser Ausgabe ist natürlich ein großer Musikteil. Dazu aber gibt es ein Interview mit dem konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza; eine Reportage über Schallplattengeschäfte (ausgerechnet! Den "Nur-vom-Feinsten-Laden", den aber findet der Reporter nicht). Und einen fünfseitigen Wutausbruch von Rainald Goetz, der sich darüber beklagt, dass "das, was mit Abstand das Beste sein könnte, der Popjournalismus, bei uns mit Abstand das lächerlichste, doofste, armseligste ist."

Leserkommentare
  1. die gute alte Spex,

    das herrliche Kribbeln im Kopf, ob der meist schwer verständlichen Texte, verbunden mit fundierter Vinylfindungsassistenz, extraordinär...`!
    " Music makes the people come together...".

  2. ... wird es einen richtigen Regen geben, der den ganzen Dreck wegschwemmt. Wenn ich nachts mein Taxi zurück zur Zentrale fahre, muss ich noch die Rückbank sauber machen. Ekelhaft. Neulich hat sogar jemand 'ne Spex liegen lassen. Mir ist heute noch schlecht."

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