Pop von Woodkid : Blut und Eisen für die Großstadtjugend

Des Zeitgeists Hauskomponist: Yoann Lemoine nennt sich Woodkid und entwirft eine martialische Musikvideoästhetik. Warum mögen das bloß so viele?
Der Werbefilmer Yoann Lemoine wurde 1983 in Reims geboren und nennt sich Woodkid. © Mathieu Cesar

Der Heilige Geist hat einen Wohnsitz in Rom. Sein weltlicher Bruder, der Zeitgeist, hingegen ist ein Vagabund. Ihn zu treffen? Unplanbar. Ein Phantom, längst flüchtig, wenn man glaubt, ihn gefangen zu haben. New York, Rio, Tokio, nein, das wäre zu offensichtlich. Der Zeitgeist versteckt sich gern.

Manchmal aber lässt er sich Musik schreiben, zu der es sich gut zeitgeistern lässt. Sein aktueller Hauskomponist heißt offenbar Yoann Lemoine, geboren 1983, kommt aus Paris. Er versammelt eine wachsende Anhängerschar um sich, die ihn verehrt wie einen Heiland, dabei ist er nur ein ganz profaner, singender Videoregisseur. Seine kurzen Konzerte waren ausverkauft, lange bevor er das Material für sein erstes Album beisammen hatte. Junge Menschen tätowieren sich seine Insignien, die gekreuzten Schlüssel, unter die Haut. Alles Indizien dafür, dass er mit dem Zeitgeist gemeinsame Sache macht.

Die Karriere des Kunststudenten Lemoine begann 2008 als Werbefilmer. Wenig später riefen Moby, Katy Perry, Taylor Swift, Rihanna und Lana Del Rey an und wollten von ihm Musikvideos zu ihren Charthits. In beiden Sparten wurde er mit hochrangigen Branchenpreisen überschüttet. Und mit dem Geld kam schließlich die Muße für die eigene Musik. Er gab sich den Namen Woodkid und schrieb ein paar Lieder, Klavierspielen hatte er als Kind gelernt. Es funktionierte. Das Video zu seinem ersten Song Iron wurde mittlerweile allein auf YouTube fast 20 Millionen Mal angeschaut.


Nun kann man argwöhnen, sein Erfolg läge vor allem an den Kontakten zur ersten Riege der Popprominenz: ein Newcomer, der in seiner Debütantenarbeit ein Topmodel wie Agyness Deyn präsentiert oder den Chefdesigner von Dior zu einer Herrenkollektion inspiriert. Ja, Prominenz färbt ab. Unabhängig davon entfalten Lemoines Arbeiten aber eine Anziehungskraft, gegen die man sich schlecht wehren kann. Irgendwas ist dran an diesem Woodkid. Und der Zeitgeist steckt im Detail.

Im Jahr 2011, als der amerikanische Pay-TV-Sender HBO seine fellgewandeten Krieger ins Game of Thrones schickte und sich eine neue Welle der Wikingernostalgie über den Atlantik schob; als der einsame Rächer aus dem Videogame Assassin's Creed die Spieler mit dem Renaissancefieber infiziert hatte; als der Gothic Chic die Laufstege hinter sich gelassen und alle Bekleidungshäuser mit zwei Buchstaben erreicht hatte, da tauchte Woodkids Iron auf den Bildschirmen auf. Mit einem hochdefinierten Schwarz-Weiß-Video voller vereinzelter Streiter. Der behörnte Reiter, der puritanische Prediger, die streitlustige Falknerin mit ihrem Uhu, der Ganzkörpertätowierte mit dem Kriegsflegel, der Trapper und seine Wolfshunde kamen zusammen, als der Trommler im Ziegenmantel zum Angriff rief. Unnachgiebig hieb er aufs Trommelfell, gleißende Fanfarenchöre gaben die Richtung vor und Yoann Lemoine sang dazu Zeilen, die aus dem Poesiealbum von Braveheart stammen könnten. Seine warme Stimme, an Rufus Wainwright und Antony Hegarty erinnernd, gab der martialischen Ästhetik aus Text und Video ein menschliches Herz. Blut und Eisen für urbane Turboindividualisten.

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Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Woodkid

Ich hoffe der Hype um Woodkid ebt so schnell ab, wie er begonnen hat. Denn ich habe etwas Angst davor, dass er sich zu sehr dem Mainstream verschreibt.

Woodkid. Der aufstieg von Woodkid hat begeonnen, bevor ihn überhaupt jemand kannte. Aus dem einfachen Grund, weil er, im Gegensatz zu Ihrer aussage, nicht nur ein guter, sondern herausragender Musiker ist. Der Versuch des objektiven, nüchternen analysierens von seinem Erfolg ist schon der falsche Ansatz. Hier geht es nicht um Zielgruppen oder Kontakte. Hier geht es um Kunst und Emotion. Woodkid weckt Emotionen, es weckt etwas in uns, was heute viel zu selten aus seinem Winterschlaf gerissen wird.

Wer verstehen möchte, wieso Woodkid so erfolgreich ist, der gehe auf eines seiner Konzerte, kapselst sich mal für einen Moment von der tobenden Masse ab, schließt die Augen und hört einfach nur zu. Dann versteht man, ganz ohne Worte.

Hype?

Ich bin damals durch das Videospiel "Assassin's Creed" auf Woodkid aufmerksam geworden, da das Lied "Iron" in einem der Trailer verwendet wurde. Ich war begeistert von dem Song und hörte ihn rauf und runter. Vielen wird es ähnlich ergangen sein und ich denke, dass Woodkid dadurch unglaublich viele neue Fans hinzugewonnen hat.

Danach wurde es jedoch ziemlich still. Ich habe nichts mehr von Woodkid gehört, vor allem nicht im Radio. Gut, dort wird sowieso immer nur das übliche Mainstream-Gedudel verbreitet, aber würde es einen Hype geben, hätte ich doch mal hin und wieder einen Song im Radio spielen gehört, oder nicht? Deshalb bin ich ein wenig überrascht, dass Sie davon sprechen.

I love you

Aktuell hört man seine Single "I love you" des öfteren im Radio. Er hat aktuell auch nur eine Hand voll Songs auf Lager. Am Montag erscheint sein erstes, vollwertiges Album auf das ich sehr gespannt bin.

Die Lieder spielte er bereits auf seiner Tour im letzten Jahr. Es ist eine schöne Geduldsprobe diese Lieder zu hören und dann Monate darauf warten zu müssen, sie noch einmal hören zu dürfen ;)

Einflüsse

Ich habe anlässlich dieses Berichts mal wieder in das Woodkid-Album reingehört und ich gebe zu den Hagarty höre ich auch deutlich! Ich weiß nicht was über mich gekommen ist, als ich das bestritten habe - vermutlich hatte ich "I love you" zu sehr im Kopf. Ich meine mich sogar zu erinnern, dass ich den Vergleich zu Hegarty selber mal gebracht habe um zu unterstreichen, wie lahm ich Woodkid finde.

Aber auf Rufus Wainwright lasse ich nichts kommen, der spielt in einer ganz anderen Liga! ^^