Der Heilige Geist hat einen Wohnsitz in Rom. Sein weltlicher Bruder, der Zeitgeist, hingegen ist ein Vagabund. Ihn zu treffen? Unplanbar. Ein Phantom, längst flüchtig, wenn man glaubt, ihn gefangen zu haben. New York, Rio, Tokio, nein, das wäre zu offensichtlich. Der Zeitgeist versteckt sich gern.

Manchmal aber lässt er sich Musik schreiben, zu der es sich gut zeitgeistern lässt. Sein aktueller Hauskomponist heißt offenbar Yoann Lemoine, geboren 1983, kommt aus Paris. Er versammelt eine wachsende Anhängerschar um sich, die ihn verehrt wie einen Heiland, dabei ist er nur ein ganz profaner, singender Videoregisseur. Seine kurzen Konzerte waren ausverkauft, lange bevor er das Material für sein erstes Album beisammen hatte. Junge Menschen tätowieren sich seine Insignien, die gekreuzten Schlüssel, unter die Haut. Alles Indizien dafür, dass er mit dem Zeitgeist gemeinsame Sache macht.

Die Karriere des Kunststudenten Lemoine begann 2008 als Werbefilmer. Wenig später riefen Moby, Katy Perry, Taylor Swift, Rihanna und Lana Del Rey an und wollten von ihm Musikvideos zu ihren Charthits. In beiden Sparten wurde er mit hochrangigen Branchenpreisen überschüttet. Und mit dem Geld kam schließlich die Muße für die eigene Musik. Er gab sich den Namen Woodkid und schrieb ein paar Lieder, Klavierspielen hatte er als Kind gelernt. Es funktionierte. Das Video zu seinem ersten Song Iron wurde mittlerweile allein auf YouTube fast 20 Millionen Mal angeschaut.


Nun kann man argwöhnen, sein Erfolg läge vor allem an den Kontakten zur ersten Riege der Popprominenz: ein Newcomer, der in seiner Debütantenarbeit ein Topmodel wie Agyness Deyn präsentiert oder den Chefdesigner von Dior zu einer Herrenkollektion inspiriert. Ja, Prominenz färbt ab. Unabhängig davon entfalten Lemoines Arbeiten aber eine Anziehungskraft, gegen die man sich schlecht wehren kann. Irgendwas ist dran an diesem Woodkid. Und der Zeitgeist steckt im Detail.

Im Jahr 2011, als der amerikanische Pay-TV-Sender HBO seine fellgewandeten Krieger ins Game of Thrones schickte und sich eine neue Welle der Wikingernostalgie über den Atlantik schob; als der einsame Rächer aus dem Videogame Assassin's Creed die Spieler mit dem Renaissancefieber infiziert hatte; als der Gothic Chic die Laufstege hinter sich gelassen und alle Bekleidungshäuser mit zwei Buchstaben erreicht hatte, da tauchte Woodkids Iron auf den Bildschirmen auf. Mit einem hochdefinierten Schwarz-Weiß-Video voller vereinzelter Streiter. Der behörnte Reiter, der puritanische Prediger, die streitlustige Falknerin mit ihrem Uhu, der Ganzkörpertätowierte mit dem Kriegsflegel, der Trapper und seine Wolfshunde kamen zusammen, als der Trommler im Ziegenmantel zum Angriff rief. Unnachgiebig hieb er aufs Trommelfell, gleißende Fanfarenchöre gaben die Richtung vor und Yoann Lemoine sang dazu Zeilen, die aus dem Poesiealbum von Braveheart stammen könnten. Seine warme Stimme, an Rufus Wainwright und Antony Hegarty erinnernd, gab der martialischen Ästhetik aus Text und Video ein menschliches Herz. Blut und Eisen für urbane Turboindividualisten.