Der Rapper LL Cool J Anfang April in Las Vegas © Jason Merritt/Getty Images

Brad Paisley und LL Cool J werden derzeit in amerikanischen Medien ziemlich vermöbelt. Paisley kennt hierzulande kein Mensch, in den Staaten ist er ein großer Country-Rocker – und die öligen Hits von Lady Love Cool James sind dort offenbar auch noch nicht in Vergessenheit geraten. Accidental Racist heißt ihr gemeinsamer Song, zufälliger Rassist, und die Naivität, mit der die beiden die alte Schwarz-Weiß-Frage hier neu aufkochen, ist beeindruckend. Dabei ist der Song den Wirbel musikalisch betrachtet gar nicht wert: biederer Country Rock, ergänzt um ein paar nicht minder öde gerappte Verse, das ist alles.

Im Kern entzündet sich der Ärger vor allem an zweierlei. Da gibt Brad Paisley (weiß, West Virginia) den fanatischen Südstaatler, der nicht verstehen mag, warum er sich noch immer für die Geschichte der Sklaverei rechtfertigen solle – er stehe zu seiner Herkunft, er liebe die Musik von Lynyrd Skynyrd, das mache ihn aber ja nicht zum Rassisten.

LL Cool J (schwarz, New York) wiederum vergleicht in seiner kurzen Sprechrolle die Red Flag, die Flagge der Konföderierten, mit dem Durag, dem Kopftuch afroamerikanischer Sklaven. "Wenn du nicht über mein Durag urteilst, dann urteile ich nicht über deine Rote Flagge." Und: "Wenn du meine Goldkette vergisst, dann vergesse ich die Eisenketten", rappt er – dass diese Gleichstellung bedeutsamer Symbole unbeachtet bliebe, konnte er wohl kaum hoffen.

Ein wahrer Sturm ist über die beiden Musiker nun hereingebrochen. Die nationalen Medien kommentieren den Song, ebenso unzählige politische Blogs. Dem Showmaster Jay Leno standen Brad Paisley und LL Cool J an aufeinanderfolgenden Abenden Rede und Antwort.

Und was nun über Rassismus zu lesen und hören ist, ist erstaunlich vielschichtig und analytisch. So als hätte es eben dieses grottenschlechte Lied gebraucht, um schließlich unverblümt über weiterhin vorherrschenden Rassismus und die gesellschaftliche Konstruktion von Race zu sprechen – und einen Blick in den offenbar tiefen Graben zwischen den früheren Nord- und Südstaaten zu werfen. Vielleicht haben Django Unchained, Obamas Wiederwahl und Spielbergs Lincoln solchen Aussprachen den Boden bereitet. Die Qualität der Debatten vor allem in den Blogs ist jedenfalls erstaunlich (freilich nicht allerorts).

Es beginnt schon mit dem Titel des Songs, den problematisiert Alyssa Rosenberg auf Think Progress. Es sei ein Merkmal von Diskussionen über Race, dass Beleidigungen oder Angriffe immer als unbeabsichtigt entschuldigt würden, um so die Verantwortlichkeit auf die Person zu schieben, die sich angegriffen fühle. Als zufällig könne aber nur etwas gelten, das gleichermaßen unbeabsichtigt wie unvorhersehbar sei. Brad Paisley stelle sich doof, etwa wenn er sich in der ersten Strophe des Stückes darüber beschwere, dass jemand sein T-Shirt mit der Konföderiertenflagge überinterpretiere – ihm sei es schließlich allein Ausdruck seiner Liebe zur Rockband Lynyrd Skynyrd. Jeder, der nur ein klein wenig Ahnung von amerikanischer Politik und Geschichte habe, wisse "dass Lynyrd Skynyrd eine Band mit komplexer rassistischer Vergangenheit ist und die Konföderiertenflagge ein für viele schmerzliches Symbol", schreibt Rosenberg. "Sich weigern zu denken, bevor man spricht oder singt oder ein T-Shirt anzieht (oder zur Hölle, ein Skynyrd-Shirt kauft, auf dem sich eine heiße Lady in eine amerikanische Flagge hüllt), ist kein Zufall. Es ist eine bewusste Entscheidung." Sie konstatiert "historische Amnesie".

Der Countrysänger Brad Paisley während der Inaugurationsfeier zu Obamas zweiter Amtsperiode im Januar 2013 © Mario Tama/Getty Images

Auf cracked.com stellt Adam Tod Brown klar: "30 Sekunden des Songs sind nicht voll von unabsichtlich rassistischem Nonsens, und das sind die ersten 30 Sekunden, bevor überhaupt jemand beginnt zu singen. Doch danach öffnen sich die Schleusentore." Er identifiziert die zehn rassistischsten Merkmale des Songs, auf Platz 1 listet er LL Cool Js Würdigung des Konföderierten-Generals Robert E. Lee. Tod Brown weist außerdem darauf hin, dass Lynyrd Skynyrd sich vor einiger Zeit von der Konföderiertenflagge und rassistischen Einstellungen ihrer Anhänger distanziert haben. Paisley hat das offenbar nicht mitbekommen.

Die Haltung Paisleys zur Geschichte der Sklaverei und des Bürgerkriegs Mitte des 19. Jahrhunderts befremdet viele. Er singt, für ihn als weißer Mann sei das Sprechen über die Geschichte ein Gang über Eierschalen – das ähnelt der immer mal wieder aufflammenden Schlussstrich-Debatte in Deutschland. Er könne die Geschichte ja auch nicht neu schreiben, argumentiert Paisley, ständig müsse er sich für die Vergangenheit rechtfertigen. Dass Accidental Racist ein rassistischer Song ist, darüber sind sich die meisten Kommentatoren einig – die beiden Autoren sehen das selbstverständlich anders. Aber es ist ein Merkmal des Rassisten, dass er selbst definieren möchte, ob er einer ist oder nicht (ebenso wie der Sexist, das war zuletzt in der Causa Brüderle recht eindrücklich zu beobachten). Typisch sei hier auch die Rollenaufteilung zwischen Brad Paisley und LL Cool J, schreibt Ta-Nehisi Coates auf The Atlantic: "Das einzige schwarze Kind in der Klasse muss seinen Mitschülern Race erklären." Der Rapper müsse hier als Vertreter aller Schwarzen auftreten, und das sei absurd.