Die Gruppe Turbostaat aus Flensburg © Julia Hoppen

Vielleicht setzen die deutschen Punkbands dieser Tage einfach eine literarische Tradition fort. Die reichte dann von Georg Heym oder Gottfried Benn über Rolf-Dieter Brinkmann etwa bis zu Peter Hein von den Fehlfarben oder zu Jens Rachut, dem Kopf der Gruppen Angeschissen und Dackelblut.

Die jüngeren deutschen Punkbands, heißen sie nun Turbostaat, Love A oder Matula, gehen ähnlich poetisch mit der deutschen Sprache um und sind bisweilen ähnlich defätistisch wie jene Vorgänger. Die Qualität Benns und Brinkmanns, eines Punks bevor es das Wort Punk gab, mögen sie damit nicht erreichen. Zeitgemäße Lyrik zu ihrem Sound erschaffen sie dennoch.

Die Flensburger Gruppe Turbostaat, die jüngst ihr fünftes Album Stadt der Angst veröffentlicht hat, ist eine der bekannteren und kommerziell erfolgreicheren Bands dieser Stilrichtung. Sie besteht seit 1999 und widmet sich in vielen Songs des neuen Albums – plakativ gesagt – den Folgeerscheinungen des Neoliberalismus. Sie bringen darauf Zustände wie Angst, Verwirrung, bisweilen auch Euphorie auf den Punkt. "Ein Viertel irres Leuchten / ein Drittel Konfusion / 'ne Prise Ärger obendrauf / es fehlt was", heißt das etwa im Song In Dunkelhaft.


Dass dem Deutschpunk lange Zeit kategorisch die Tüte "stumpf" übergestülpt wurde, fand Turbostaats Gitarrist und Textschreiber Marten Ebsen schon immer albern: "Es ist eine bunte Sache, es ist eine Kraft im Ausdruck, die da stattfindet. Da gab es stumpfe Sachen, da gab es intelligente Sachen – und es gab stumpfe und gleichzeitig sehr gute Sachen. Canal Terror etwa fand ich immer großartig."

Den nachhaltigsten Eindruck aber hinterlässt eben jene Schule von Deutschpunkbands, die in ihren Liedern kleine, oft desillusionierende Geschichten erzählen und deren Texte gar nicht so weit entfernt sind von der Lyrik des Fin de Siècle. Die großen Vorbilder dieses Genres sind Bands wie Razzia, EA 80 und Angeschissen, später Dackelblut, die seit den frühen achtziger Jahren jene originäre Spielart des Punk entwickelt haben.

Die typischen, treibenden Mollgitarren

Die jüngeren Formationen – neben den genannten die Kaput Krauts, Das Ende oder die mittlerweile aufgelösten Honigbomber – entwickeln diesen Sound weiter. Seit den neunziger Jahren kamen Einflüsse wie zunächst der Emocore US-amerikanischer Prägung, auf den jüngeren Veröffentlichungen wieder viele Postpunk-Elemente dazu. Zum Teil hört man auch Math-Rock oder Collegerock-Einflüsse oder dezente Elektronik. Das neue Turbostaat-Album betont dabei die Stärken des Genres. Jan Windmeiers kehliger, melancholischer Gesang ist genauso typisch für diese Spielart des Punk wie die weich klingenden, treibenden Mollgitarren – die Rhythmusgitarre halb verzerrt, die Leadgitarre spielt Linien oder dezente Soli dazu.

Textlich ist Stadt der Angst sicherlich ein vergleichsweise direktes Werk. Die Lyrics beziehen sich bisweilen eins zu eins auf den Alltag (Psychoreal) oder auf gesellschaftlich-politische Themen. Sohnemann Heinz etwa spricht sich recht offensiv gegen den Einsatz von Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan aus. Das Einrichten im Gewöhnlichen, das bürgerliche Einverständnis wird dabei häufig bekämpft, etwa in Tut es doch weh, einem Song, der auf die Prekarisierung einer gesamten Generation anspielen mag. "Manchmal glaubt man beinahe selber / dass das alles so gehört", heißt es da.


Die Berlin-Ruhrpott-Band Kaput Krauts sind Artverwandte der Flensburger, sie kommen nur noch ein wenig angepisster daher. So prügeln sie sich auf ihrem aktuellen Album Straße Kreuzung Hochhaus Antenne in So lala durch ein 37-sekündiges Lied, um zu der Erkenntnis zu kommen: "Es ist immer noch deutsch in Scheißland". Gelungene Zitate aus der Popgeschichte gibt es aber auch zu hören, so im Trennungssong Ergebniskosmetik ("Schmeiß jetzt endlich den Scheißring ins Feuer"). In Use your Disillusion findet man sich hingegen zwischen "klammheimlicher Hoffnung und Nitroglycerin", zwischen "Durchhalteparolen und Allerletztesstrohhalmziehen" wieder. In einigen wenigen Songs tritt leider auch eine latente Totenhosenhaftigkeit zu Tage – dennoch eine gute Deutschpunk-Platte.