"Hallo Freunde! Hallo Feinde! Hallo Individuum! Hallo Gemeinde! Hallo Wölfe! Hallo Schweine! Hallo Fink, hallo Star, hallo Meise! Hallo Bäume, und hallo Fluss! Hallo Hypophyse, hallo Hypothalamus!"

So geht's los, und danach geht's weiter und weiter, und der Liedtext von Der Anfang ist nah ist glücklicherweise bereits im Internet nachzulesen, sonst wäre das Auswendiglernen eine nahezu nicht zu bewältigende Aufgabe. Und wie dumm stände man dann da beim Käptn-Peng-Record-Release-Konzert, inmitten der anderen jungen Menschen mit den anscheinend besseren Memorierungstechniken!

Bislang singen im Publikum immer alle mit: Seit 2010 rappen es Käptn Peng und Shaban, im vergangenen Jahr ist das Duo zur Band Käptn Peng & die Tentakel von Delphi angewachsen. Die vielen Arme stehen für die Zahl der Bandmitglieder, Tentakel als Orakel, absurde Offenbarung. Am Freitag erst erscheint das Debütalbum der fünf Berliner auf dem eigenen Label Kreismusik, und doch waren im vergangenen Jahr die Konzerte in ganz Deutschland pickepackevoll. Und vibrierten kollektiv vor Begeisterung, vom ersten bis zum letzten Beat, trotz der eingangs erwähnten Herausforderung. Wirklich eingängig oder mitgröltauglich ist das nämlich nicht, was der Käptn so reimt, philosophiert und dahinfließen lässt.


Das sei ihnen wohl schon aufgefallen, erzählt die Band, die sich zum Interview im Studio treffen lässt, und weist darauf hin, dass es immerhin auf dem neuen Album Expedition ins O dann doch verhältnismäßig viele, zumindest refrainähnliche Zeilen gäbe. "An vier Stellen steht Ref davor", zählt der Schlagzeuger stolz.

Er hat recht: In dem durch knackende Funkgitarren tanzbar gemachten Champagner und Schnittchen heißt es mindestens dreimal "Und dann singen wir mit tanzenden Beamten laut im Chor / und tragen diese Melodie von Ohr zu Ohr zu Ohr". Das kann man glatt schon nach dem ersten Hören mitsingen. Wenn man will.

Eine Stufe näher am Wahnsinn

Und warum sollte man nicht: Was gibt es gegen sinnig-sinnfreien Hip-Hop einzuwenden? Käptn Peng, Shaban und ihre ebenfalls um die 30-jährigen Mitmusiker Moritz (Gitarre), Peter (Percussion) und Boris (Kontrabass) sind nicht die Ersten, die Dicke-Hose-Texte und Dicke-Hose-Posen links liegen lassen. Aber sie sind noch eine Stufe weiter vom landläufigen Ich-bin-der-Größte-Rap entfernt und eine Stufe näher am Wahnsinn, am durchgeknallten Dread-Locks-Schwenken eines Busta Rhymes, an den vielschichtigen Tableaus einer Missy Elliott.

"Sprache nervt", wiederholt Peng während des Konzerts wie ein Mantra, dennoch hat er's eben mit der Sprache, und mit dem Irresein. Professionell, sozusagen: Er arbeitet in seinem anderen Leben zuweilen als Schauspieler. Unter seinem Pseudonym Robert Gwisdek ist er gerade filmpreisnominiert für eine Nebenrolle in Das Wochenende, sein Vater Michael Gwisdek übrigens in diesem Jahr ebenfalls (für eine Nebenrolle in Oh Boy), und seine Mutter Corinna Harfouch könnte mit ihren Preisen lässig zehn Flohmarktkisten füllen.

Hilft die Erfahrung mit dem Schauspieltextlernen vielleicht beim ellenlangen Rappen? Nicht wirklich, sagt Peng, beim Schauspielern müsse er sich tatsächlich oft Bilder merken. Beim Rappen unterstützen ihn Rhythmus und Urheberschaft: "Ich lerne das quasi schon beim Schreiben auswendig." Dazu übt er fleißig den Flow: "Ich habe einen Mentor", erklärt Peng, der ein unglaublicher Freestyler sei, und der ihm beibringe, in Reimen zu denken: "Man versucht, in einen Zustand zu kommen, in dem es einfach so rausfließt".

Sie machen alles selbst

Die älteren Songs, die Käptn Peng mit seinem leiblichen Bruder DJ Shaban (im anderen Leben ein Filmmusiker) mitsamt selbstgedrehtem Video ins Netz stellte, sind Kunstwerke auf mannigfachen Ebenen: Pengs neurotisch-krawallphilosophische Sprachkunst vorgetragen von dieser lakonischen, gar nicht raptypischen Stimme, dazu Shabans eigene Sounds, und dann die verstiegenen Bildideen mit dem wiederkehrenden Thema des Mannes, der mit seinem eigenen Bewusstsein spricht, ergeben zusammen eine so eigenwillige Hip-Hop-Variante, dass sie kaum in die landläufige Dancefloor-Playlist passt.

Seit die Gwisdek-Brüder die Band vergrößert haben, ist der Sound zwar an manchen Stellen gefälliger, aber nicht seichter geworden. Noch immer herrscht jedoch die DIY-Police: "Wir machen alles selber", sagt Peng, "Konzertorganisation, Management, Booklet, Instrumente sowieso." "Wir haben viele Sounds erfunden", erklärt sein Bruder, "die nur so ähnlich klingen wie fertige Instrumente, aber aus anderen Quellen stammen".

Begeisterte Mund-zu-Mund-Propaganda

Shaban verweist auf Tom Waits, und tatsächlich erinnern gerade die blechernen, percussiven Töne und die bisweilen sogar vom Tango inspirierte Rhythmusvielfalt an den ziegenbärtigen Songwriter. Die Gitarren klingen dafür kristallklar und funky wie die Red Hot Chili Peppers in ihrer John-Frusciante-Zeit, Pengs dramaturgisch ausgefeilter Sprechgesang wird von mal sanften, mal kreischenden Backgroundchören geschaukelt. Und das Video zu Der Anfang ist nah könnte ein Kurzfilmwettbewerbsbeitrag sein zum Thema "Wie viel Inhalt passt in vier Minuten?".

Bekannt wurden Käptn Peng & die Tentakel von Delphi, ohne dass je ein Musikmagazin mit Hairandmakeupartist zum Covershooting kam. Begeisterte Screen-zu-Screen- und Mund-zu-Mund-Propaganda nach vergangenen Konzerten funktionierten hervorragend. Wer jetzt noch irgendetwas von singenden Schauspielern murmelt, hört nicht richtig zu. Robert Gwisdek alias Käptn Peng hat sich in keiner der Welten anketten lassen, noch nicht einmal im Paralleluniversum: Denn wie einst Sun Ra stammt auch Peng angeblich von einem fremden Planeten.

Spätestens wenn die zwei Brüder und die übrige Band ihre raumgreifende Präsenz aberwitzig maskiert auf der Bühne auswalzen, vermittelt sich der Spaß an der Sache. Dann singt man gleich fünf Zeilen hintereinander mit: "Ich verlor den Verstand an einem Sommernachtsstrand / und seitdem hängt er da, singt Kumbaya am Lagerfeuer / ich hätt ihn gern zurück, doch er sagt, du bist gefeuert / ich frage wie, gefeuert, wie geht das, versteh ich nicht / er sagt natürlich nicht – kein Verstehen ohne mich!"