Neues Phoenix-AlbumPop in der Schaffenskrise

Kann Langeweile gute Musik hervorbringen? Phoenix haben sich redlich bemüht. Ihr neues Album "Bankrupt" ist dennoch Dokument eines Tiefpunkts. von Jan Kühnemund

© Flora Hanitijo

Sechs Sekunden lang wähnt man sich im falschen Film, dann ist kein Halten mehr. Ein kurzes, asiatisches Funkeln, Luftholen, Dröhöhöön! Alles auf einmal, Gittarreschlagzeugbasskeyboard prusten im Überschwang aus den Lautsprechern. Das ist Unterhaltung! Phoenix heißt die Band, Entertainment der Song. Der Fuß wippt, man beginnt zu summen. Klingt irgendwie – lustig? Exotisch?

Entertainment ist seit mehreren Wochen zu hören und eröffnet nun das Album Bankrupt! Bankrott, Ausrufezeichen. Wie ein lauer Sommerwind weht es über den Hörer hinweg, oder an ihm vorbei. Manches Lied schlüpft zwar schnell ins Ohr, hängen bleiben jedoch nur wenige. Phoenix klingen wie furchtbar nette Schwiegersöhne: gefällig, zuvorkommend, höflich. "Noch ein Schälchen Darjeeling mit fettarmer Milch, meine Liebe? First Flush, goldgelb, wie du ihn am liebsten magst…" Da sind hübsch euphorische Melodien, gebettet in wohlklingendes Gerumpel und manch modernes Fiepen, hier rockt es, dort wird geschmachtet.

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Und doch hat Bankrupt vor allem den Anschein ungeheurer Anstrengung. Zwischen den Harmonien riecht man den Schweiß, den es die Band kostete, sich selbst interessant zu finden. In einem Interview erwähnten die vier Musiker kürzlich, es sei ihnen nicht leicht gefallen, sich noch einmal gegenseitig zu überraschen. So habe die Aufnahme viel länger gebraucht als erwartet. Drei Monate lang hockten sie in New York im Studio und kämpften um überzeugendes Liedgut. Herausgekommen ist damals offenbar nur Grütze. Später dann in Paris wurde es besser, aber ein richtiges Feuerwerk haben sie wohl auch dort nicht zünden können.


Auf der letzten Rakete dann stand dick "Made in China" – und schlug der Geistesblitz ein. Die Pentatonik sollte es richten! Zuerst war das im Song Entertainment zu hören, da schepperte ein blechern-elektronisches Wölbbrettzither-Imitat gleich zu Beginn, als wäre es ein Schnipsel aus einem alten chinesischen Film. Klang wie eine naive Studiodaddelei, die die vielfältigen Säuberungsprozesse einer derart perfekten Produktion glücklicherweise überlebt hat. Das war überraschend, ein bisschen lustig eben – und ließ sich prima mitsummen.

Pentatonik in allen Songs

Nun fanden aber Phoenix ihre Idee so fabelhaft, dass jedes Stück auf Bankrupt zur Pentatonik greift. Nicht, dass sie nun auf den asiatischen Markt schielen, ganz und gar nicht. Immer sind es kurze Motive, die im Hintergrund mitlaufen und sich hier und dort nach vorn arbeiten. Wenige Prisen Exotik, immer ganz brav (wer will schon die Schwiegereltern verschrecken?). Und dermaßen schematisch, dass es so schnell und so wenig nachhaltig sättigt wie eine Portion Reisnudeln.

Die Bonus-Edition zum neuen Album dokumentiert sogar, wie viel Kampf und Krampf auf dem Weg zu ein paar fluffigen Popliedern nötig war. Bankrupt Diaries versammelt mehr als siebzig Skizzen, Spielereien und Stümpereien, allesamt Versatzstücke monatelanger Studioarbeit. Kaum ein Stück ist länger als eine Minute, manche dauern nur wenige Sekunden. Der archivarische Wert der Brösel ist weit höher als der künstlerische, ganz durchhören kann man die CD nicht. Sie hätten viele Lieder weggeworfen, berichten Phoenix im oben erwähnten Interview, die Plattenaufnahme sei eigentlich ein Prozess der Zerstörung gewesen.

Leserkommentare
    • snoek
    • 18. April 2013 16:15 Uhr

    Ich habe alle Alben von Phoenix und natürlich wird auch „bankrupt!“ heute in meinem Briefkasten sein, wenn die Post nicht mehr streikt. Sie sind eine meiner Lieblingsbands, ich fand bis auf vereinzelte Stücke die letzten vier Alben sehr gut. Auch auf einem Remixalbum finden sich Stücke, die man gut verwenden kann.

    Leider gefällt mir die Vorabsingle „Entertainment“ überhaupt nicht. Ich hoffe, dass Herr Kühnemund mit seinem Verriss dennoch unrecht behält. Ein Hinweis darauf könnte sein, dass er Phoenix in den letzten 13 Jahren -trocken- fand. Das ist für mich kein akzeptables Adjektiv für diese Band. Wir werden sehen, wie „bankrupt!“ ist.

  1. Horcht, ich bin ein Pumpernickel!!!

  2. Kann Pop gute Musik hervorbringen?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • simlei
    • 19. Mai 2013 15:09 Uhr

    "Kann Pop gute Musik hervorbringen?" ist eine so dämliche Frage, dass sich mein Gehirn beim Lesen sträubte.
    "Popmusik", quasi, bringt doch erst mal nichts hervor, sondern Musiker (verbinde "Pop" und "Musiker" zu Popmusiker, wenn man denn unbedingt einen Musiker komplett in eine solche Schachtel stopfen mag...)
    - und Popmusik als Begriff ist so undefiniert und wechselnd, das jeder, nach Bedarf und Ansicht, und eigener Stellung zum Begriff, Lieder, Alben, Künstler und ganze Musikgattungen dort einordnen kann, oder sie auch abgrenzen kann. (zB Jazz und Dixieland waren eindeutig mal Begriffe, die zu diesem Zeitpunkt fast jeder in Verbindung mit "Popmusik" gebracht hat).

    Statt mich jetzt mit leicht zu findenden Beispielen gegen die These, die Ihre Frage implizit aufstellt, zu wenden, überlasse ich das mal besser den anderen Lesern, denn Sie werden wohl kaum zum Lesen zurückkehren (nach der Friss-oder-Stirb-Art Ihrer Fragestellung zu urteilen).
    Stattdessen höre ich Bohemian Rhapsody, und vergesse den Ärger, den Ihre Frage mir gerade bereitet hat.
    Grüße,
    Simon L.

  3. Der Song "Entertainment" erinnert mich schwer an die Band Colt Silvers.... haben meiner Meinung nach den wahren asiatisch angehauchten Hit geschrieben ( http://emailunlock.com/co... ) allerdings habe ich das Phoenix Album noch nicht gehört. Entertainment überzeugt mich, wie gesagt, nicht.

    • 4tune
    • 19. April 2013 17:16 Uhr

    Jan Kühnemund war vielleicht ein wenig voreilig. Ein Klassiker: Journalisten kriegen die Scheibe kurz vor ET zu hören und müssen recht schnell sich eine Meinung bilden. Ich höre die Platte heute zum dritten mal. Ich weiß was der Redakteur meint. Meiner Meinung wird die Platte aber immer besser. Sie braucht scheinbar (für PHOENIX ungewöhnlich) ein wenig Zeit. Ich nehme mir die Zeit für eine meiner Lieblingsbands

    • simlei
    • 19. Mai 2013 15:09 Uhr

    "Kann Pop gute Musik hervorbringen?" ist eine so dämliche Frage, dass sich mein Gehirn beim Lesen sträubte.
    "Popmusik", quasi, bringt doch erst mal nichts hervor, sondern Musiker (verbinde "Pop" und "Musiker" zu Popmusiker, wenn man denn unbedingt einen Musiker komplett in eine solche Schachtel stopfen mag...)
    - und Popmusik als Begriff ist so undefiniert und wechselnd, das jeder, nach Bedarf und Ansicht, und eigener Stellung zum Begriff, Lieder, Alben, Künstler und ganze Musikgattungen dort einordnen kann, oder sie auch abgrenzen kann. (zB Jazz und Dixieland waren eindeutig mal Begriffe, die zu diesem Zeitpunkt fast jeder in Verbindung mit "Popmusik" gebracht hat).

    Statt mich jetzt mit leicht zu findenden Beispielen gegen die These, die Ihre Frage implizit aufstellt, zu wenden, überlasse ich das mal besser den anderen Lesern, denn Sie werden wohl kaum zum Lesen zurückkehren (nach der Friss-oder-Stirb-Art Ihrer Fragestellung zu urteilen).
    Stattdessen höre ich Bohemian Rhapsody, und vergesse den Ärger, den Ihre Frage mir gerade bereitet hat.
    Grüße,
    Simon L.

    Antwort auf "Die Frage muss lauten:"
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    wobei ich mich auf das beziehe, was man gemeinhin als rock/Pop bezeichnet. Ziehen Sie die Inszenierung ab, drehen Sie die Lautstärke auf Zimmerlautstärke und schauen, was übrig bleibt. Überwiegend belangloses Zeug, geeignet für pupertäre Befindlichkeiten. Ein paar Ausnahmen mag es geben, Zappa etwa, Hendrix mit einigen wenigen Titeln. Der Rest ist epigonal.

  4. wobei ich mich auf das beziehe, was man gemeinhin als rock/Pop bezeichnet. Ziehen Sie die Inszenierung ab, drehen Sie die Lautstärke auf Zimmerlautstärke und schauen, was übrig bleibt. Überwiegend belangloses Zeug, geeignet für pupertäre Befindlichkeiten. Ein paar Ausnahmen mag es geben, Zappa etwa, Hendrix mit einigen wenigen Titeln. Der Rest ist epigonal.

    Antwort auf "So ein Käse"

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  • Schlagworte Phoenix | Pop | Album | China | Los Angeles | Paris
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