Emmylou Harris im KonzertDer Tag, der Rock und Country scheidet

Fast wie vor 40 Jahren: Die einen zieht's zu Eric Clapton, die anderen zu Emmylou Harris und Rodney Crowell. Christoph Dieckmann über einen historischen Konzertabend von 

Emmylou Harris im Juni 2012 in New York

Emmylou Harris im Juni 2012 in New York  |  © TIMOTHY A. CLARY/AFP/GettyImages

2013 ist ein musikalisches Todesjahr. Erst vor Tagen starben Georges Moustaki, Ray Manzarek von den Doors und der Uriah-Heep-Bassist Trevor Bolder, zuvor die Woodstock-Heroen Richie Havens und Alvin Lee. Am 26. April ging auch George Jones, der Country king of broken hearts. Dies erfahrend, dachte ich an ein Gespräch mit Emmylou Harris im Jahre 1995, in dem ich Jones "überzuckert" nannte. Sie war entgeistert. Jones sei alles andere süß, allerdings nur für Erwachsene geeignet. Dringend empfahl sie das Album George Jones Salutes Hank Williams.

Dabei blieb es dann nicht. Eine seiner besten Platten, auch seine Biografie betitelte Jones wie einen Grabstein: I Lived to Tell It All. Das ist Country: drei Akkorde und die Wahrheit. Schlichte Form, existenziell gefüllt. Country gering zu schätzen, war typisch für die Folk-und-Rock-Generation. Den Hippies galt die konservative Provinzmusik als bigott und reaktionär. Auch die beginnende Sängerin Emmylou Harris interessierte sich für nichts von minderer Komplexität als Bob Dylan. Gern wäre sie die neue Joan Baez geworden.

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Anfang der Siebziger begegnete ihr Gram Parsons. Der Byrds- und Flying-Burrito-Brother Parsons lebte als Grenzgänger zwischen Country und Rock, angefeindet aus beiden Milieus. Emmylou wurde sein Engel. Er lehrte sie die Tiefe der einfachen Sprache, die Kraft zurückgehaltener Gefühle. Sie fand ihre Stimme. Einzigartig ist Harris' ätherischer Schmerz, ihr untertoniger Überschwang.

Endlich in der Gegenwart

1974 ließ Parsons den Engel auf der Erde zurück. Mit 27 Jahren starb er den Drogentod. Harris schrieb ihm ein Farewell, Boulder To Birmingham, doch Karriere machte sie als Interpretin fremder Songs, in unzähligen Kooperationen und auf zwei Dutzend eigenen Platten. Die schönste ist das Bluegrass-Album Roses In The Snow von 1980. Die erste, Pieces of the Sky von 1975, beginnt mit Bluebird Wine, geschrieben von Rodney Crowell. Die jüngste, Old Yellow Moon, vereint Harris und Crowell. Denn nun sind wir endlich in der Gegenwart.

Rodney Crowell und Emmylou Harris

Rodney Crowell und Emmylou Harris  |  © Rick Diamond/Getty Images

Dieser Berliner 30. Mai 2013 ist ein Tag, der Rock und Country wieder scheidet. Zu Abertausenden pilgern die Rock-Traditionalisten zu Eric Clapton in die Mammuthalle am Ostbahnhof. Weit weniger Countryfans sitzen im roten Theatergestühl des Admiralspalasts und springen auf, als die Ersehnten auf die Bühne kommen. Umstandslos beginnen Harris und Crowell wie Harris und Parsons vor 40 Jahren: "Won't you scratch my itch sweet Annie Rich / And welcome me back to town / (…) Out with the truckers and the kickers and the cowboy angels …" Dem Eröffnungsstück Grievous Angel folgt Wheels, dann schon Townes van Zandts Pancho & Lefty.

Dies sei das Vorprogramm, erklärt Emmylou Harris. Zunächst gebe es geliebte Antiquitäten, nach der Pause dann Songs aus jenem neuen Album, das Rodney Crowell und sie schon vor Jahrzehnten aufnehmen wollten, als sie gemeinsam in der Hot Band spielten. Crowell intoniert seinen Klassiker 'Til I Gain Control Again, dann verschmelzen die Stimmen zum ultimativen Tränenzieher: "Some fools think of happiness / Blissfulness / Togetherness / Some fools fool themselves, I guess / But they're not fooling me / I know it isn't true / Love is just a lie to make you blue / Love hurts."

Trennungen, Scheidungen, gebrochene Herzen – das, sagt Harris, seien Songs, die glücklich machen. All das hätten Rodney und sie erfahren, wenngleich nicht miteinander. Heute ist Emmylou Harris eine silberhaarige Senior-Madonna mit Enkeln, Crowell ein Country-Grandseigneur. Dunkel gewandet, mit Hut und Gitarre, steht er Emmylou zur Seite und akzeptiert diskret ihre größere Prominenz. Der sonore Sänger hatte nie so viel Erfolg wie der Songschreiber Crowell. Diverse Mainstream-Country-Platten des Texaners überdauerten so wenig wie seine Ehe mit Johnny Cashs Tocher Rosanne. Aber Crowells spätere Alben The Houston Kid (2001) und Fate's Right Hand (2004) sind vorzügliche Exempel reifer Americana-Kunst. Das gilt auch für Old Yellow Moon, mit dessen erstem Song Hanging Up My Heart die zweite Halbzeit beginnt. Es folgt Angels Rejoice von den Louvin Brothers und das elegische Spanish Dancer, geschrieben von Patti Scialfa. Leider, sagt Emmylou Harris, werde die Autorin unterschätzt, als Ehefrau dieses berühmten Typen, Bruce Springsteen.

Dahingleitende Stimmen, vorzügliche Band

So vergehen zweieinhalb Stunden. Traumsicher gleiten die Stimmen ineinander, in wechselseitiger Harmonie. Die fünfköpfige Band ist vorzüglich. Sie orgelt, klampft und steelt, sie rockt durch Crowells Bluebird Wine und Still Learning To Fly, sie hält inne, als Harris Matraca Bergs Back When We Were Beautiful singt und Darling Kate, ihr Memorial für die 2010 gestorbene Kate McGarrigle. Country ist Überlebenskunst, ein Soundtrack verlorener Illusionen und künftiger Vergangenheit, die tagtäglich zur eigenen wird. Schon morgen sind wir älter. Das ertragen wir, indem wir es bedenken. Emmylou Harris ist nun 66, Rodney Crowell 62. Ihre Kunst reflektiert ihre Jahre, ihre Stimmen klingen voll und stark. Sie bieten keinerlei Innovation, nur höchste Qualität. Wie lange noch? Wenn schon nicht für immer, dann wenigstens für ewig.

In ihrer Jugend schrieb Emmylou Harris einen Brief an Pete Seeger. Sie wolle Folk-Sängerin werden, fürchte jedoch, dazu fehle ihr die Erfahrung der Härte des Lebens. Seeger antwortete tröstend: Diese Erfahrung komme von allein. "Meine Songs sind selten froh", sagte Emmylou Harris 1995, "aber ich bin froh, sie zu singen. Musik ist Katharsis – und Politik des Herzens. Ich glaube nicht an Weltveränderung in Massendimensionen, aber an individuelle Antworten auf universelle Fragen."

Old Yellow Moon beendet das ideale Konzert. Eine Zugabe mit Band. Und dann singt Emmylou Harris Boulder to Birmingham und beschließt diesen Abend full of heartbreak and desire, wie er begann: mit Gram Parsons Geist. "The last time I felt like this / I was in the wilderness and the canyon was on fire / And I stood on the mountain / In the night and I watched it burn / I watched it burn / I watched it burn …"

Das Feuer brennt nieder, das Licht flammt auf.

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Leserkommentare
  1. 1. Danke,

    lieber Christoph, für diesen wundervollen Bericht!
    Eine wohlige Gänsehaut überzog mich beim Lesen.
    J.P.

    4 Leserempfehlungen
    • Lefty
    • 31. Mai 2013 20:10 Uhr

    Danke,und viele Grüsse eines Country Fans,der kaum etwas anders hören mag.

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  2. Emmylou Harris – in die Jahre gekommen und dabei so stark und schön geblieben, drückt mit ihren Liedern zeitlos aus, was ist, war und sein wird. Ihre volle, berührende Stimme besingt "individuelle Antworten auf universelle Fragen". Sie vermag für jede reifere Frau ein Vorbild zu sein. Ich hoffe ihr Feuer brennt noch lange.

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  3. Schön, dass uns Dieckmann seine Soljanka und FDJ Anekdoten diesmal erspart - aber ein paar bewegte Bilder hätten es schon sein dürfen. Emmylou hat es weiß Gott verdient und der Admiralpalast ist nun auch kein schöner Platz. Und dann parallel zu Clapton...
    Ich war in Hamburg http://www.abendblatt.de/...
    wäre aber lieber hier http://www.youtube.com/wa...
    dabei gewesen!

    • TDU
    • 05. Juni 2013 16:43 Uhr

    Zit: "Country gering zu schätzen, war typisch für die Folk-und-Rock-Generation."

    Den Schuh ziehe ich mir gerne an. Auch deswegen weil dieser fein geschriebene Artikel animiert, doch noch mal genauer hinzuhören.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Rock | Eric Clapton | Bob Dylan | Country | Bruce Springsteen | Konzert
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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