Eurovision Song ContestFast schon ein Sängerstreit

Der ESC aus Malmö ist diesmal keine Freak- und Stripshow gewesen, es ging tatsächlich um die Musik. Zu Recht ist der deutsche Beitrag untergegangen. Von J. Freitag von 

Die dänische ESC-Gewinnerin Emmelie de Forest

Die dänische ESC-Gewinnerin Emmelie de Forest  |  © John MacDougall/AFP/Getty Images

Lexikalische Definitionen können ganz schön entwaffnend sein. "Musik" etwa wird bei Wikipedia als "organisierte Form von Schallereignissen" bezeichnet. Treffender könnte man die Entwicklung dessen, was mal irgendwie hoffnungsfroh Grand Prix Eurovision de la Chanson hieß, nicht beschreiben. 

Viel Organisation, viel Schall, viel Ereignis, kaum Musik – so geht es gemeinhin zu beim wichtigsten Musikwettstreit der Welt, seit ihn niemand mehr französisch ausspricht.   

Anzeige

Die Messlatte lag folglich so tief wie im Klubschiff, als der Eurovision Song Contest am Samstag Station beim Vorjahressieger in Malmö machte. Doch plötzlich begann manch Teilnehmer wieder zu singen, nicht immer schön, aber von Herzen. Plötzlich zeigten die Frauen mehr Textilien als epilierte Haut. Plötzlich wurde Landessprache gesungen statt bloß Wörterbuch-Englisch.   

Die sorgsam gepflegten Vorurteile vieler ESC-Veteranen mussten also bis zum achten Beitrag ausharren, um wieder Nahrung zu bekommen. Dann aber gab es ein üppiges Mahl für die 11.000 Fähnchenschwenker im Saal und die etwa 100 Millionen Zuschauer daheim: Der weißrussische Ruslana-Klon Aljona Lanskaja wackelte im bauchnabelkurzen Fransenkleid zum Ballermannethnopop Solayoh auf der lichtblitzdurchzuckten Bühne. Endlich! 

Bis zu diesem Beitrag und auch danach sahen wir nämlich nicht unser aller hassgeliebten Fernsehabendfüller, der schon zum 58. Mal das mittlere Maiwochenende ruiniert, sondern fast, nun ja: einen Sängerstreit. Wie einst in öffentlich-rechtlichen Monopolzeiten sangen Ungarn Ungarisch, Italiener Italienisch oder Isländer Isländisch. Viele Kleider waren Roben und sogar Herren wie die griechische Skaband Koza Mostra trugen Rock.   

Zwischen seltenen Ausflügen in den osteuropäisch geprägten Pathospop von Estland über Moldawien bis Georgien hinunter zum letztlich zweitplatzierten Aserbaidschan dominierten instrumentenkundige Liedermacher wie die 37-jährige Anouk für die Niederlande oder der modisch stilsichere Anzugträger Marco Mengoni mit seiner gediegenen Ballade L'Essenziale. 

Man bekam an diesem Samstag Richtung Mitternacht tatsächlich Schallereignisse mit Niveau zu hören. Keine brillanten, es ist immerhin noch der Eurovision Song Contest, dessen Abkürzung nicht grundlos an die einer Viehseuche erinnert. Aber das Proletenhafte vergangener Jahre, die Freakshows und LED-Gewitter, alles Überdrehte, Übersteuerte, Überflüssige – in der vergleichsweise schlicht illuminierten Mehrzweckhalle Malmös wurde es auf ein Maß zurückgestutzt, das nicht wie sonst für epileptische Anfälle sorgte. 

Dafür sorgte auch die Regie vor Ort. Sie schickte zwar eine leicht kindische Raupe von Aserbaidschan aus durch Europa, die sich am Ziel zu animierten Schmetterlingen in den Landesfarben der Teilnehmer entpuppte. Ansonsten herrschte – verglichen mit dem Overkill von Baku 2012 – fast Understatement.


Leserkommentare
  1. WAYNE

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich werd nie verstehen, warum Leute, die sich für ein Thema null interessieren, ihre ach so kostbare Lebenszeit dafür zu verschwenden, einen Kommentar unter einen Artikel zu genau dem Thema setzen, nur, um ihr Desinteresse auszudrücken.

  2. In der Welt wird das auch treffend kommentiert

    http://www.welt.de/fernse...

    Das Huptproblem war die blutleere aber offensichtliche Kopie des Vorjahressiegers. Natalie hat zudem stimmlich nicht die Power um diesen Song Live so zu singen, dass er etwas besonderes wäre. Das ganze Gemunkel, wegen Merkel möge man uns in Europa nicht ist Quatsch. Im ehemaligen Ostblock hat man halt einen ähnlichen Geschmack und schätzt auch etwas authentisches. Authentisch waren wir nicht. Das hat auch diese leidigie Jury verbockt, die gegen die Zuschauer die billige Euphoria-Kopie nach Malmö schickten. Dort sitzen Menschen, die vielleicht den lokalen Musikgeschmack kennen, aber immer noch nicht wissen wie Europa musikalisch tickt. Schickt doch einfach einmal einen der neuen jungen authentischen deutschen Künstlern wie Tim Benzko oder so dort hin. Singt auf Deutsch. Das ist authentisch und das wird auch respektiert werden. Man muss ja nicht immer eine Hammernummer haben mit der mit bestimmt gewinnt, sondern sein Land authentisch repräsentiert. Lena war authentisch und liebenswert. Gestehe ich ihr zu, obwohl ich sie eigentlich nicht so mag.

    Eine Änderung würde ich aber Einführen. Ist es so schwer, dass man eine Übersetzung der Lyrics karaoke-mäßig bei jedem Lied einblendet? Ich würde nämlich gerade bei den nicht-englischen Liedern wissen um was es geht!

    21 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Mari o
    • 19. Mai 2013 9:39 Uhr

    Auch wenn ich mich jetzt bis auf die Knochen blamiere,
    Der alte Europäer mag junge Dinger,egal was die trällern.
    Da ist klar ein Trend erkennbar.Sucht so´n süßes junges Blut und schickt sie
    zum nächsten ESC und fertig.

    ...einen "treffenden Kommentar" zu? Das ist ja ungefähr so, als ob Sie den Kalifen von Köln nach der Existenz von Jesus Christus befragen.

    Ich zitiere mal eine Zeile aus dieser reflexartig auf den Tagesspiegel ("18 Punkte für Angela Merkel", siehe: http://tinyurl.com/ae7bhco) abgefeuerten Springer'schen Merkel-Standhaubitze : "Manche wittern eine Deutschenphobie - doch mit der Euro-Krise hatte das schlechte Abschneiden nichts zu tun".

    Schon dieser paternalistische Erklärungston stößt auf, denn es kann offensichtlich nicht sein, was nicht sein darf - auch wenn der ARD-Unterhaltungchef Thomas Schreiber vor den Mikrofonen unverblümt einen Zusammenhang mit dem antisozialem Europa-Kurs A. Merkels vermutet. Ob tatsächlich nur "Manche" da etwas "wittern", bleibt auch dahin gestellt. Iwo - woher soll Sie auch kommen, die "Deutschlandphobie" ??

    Immerhin gab es ja 3 Punkte aus Albanien, 6 von den Leidgenossen aus Österreich, 1 Pünktchen aus der Schweiz als Antwort auf DSDS-Siegerin Kelly Bundy alias Beatrice Egli (...vielleicht in Kombi mit den vergebl. Steuer-Amnestie-Bemühungen der Kanzlerin), 5 als gut gemeintes Zeichen eines ewigen Neuanfangs aus dem fernen Tel Aviv und - Ausnahmen bestätigen die Regel - 3 Pünktchen von den Iberern mit den demnächst aus EMS-refinanzierten Banken...ich halte fest, nur ein Euro-Krisenkandidat war bereit, 3 Pünktchen nach Deutschland zu schicken.

    Vom Siegertreppchen 2011 in den Eurovisions-Keller 2013, oder so ähnlich...?

    Es ist doch jedes Jahr das selbe, die osteuropäischen Teilnehmerländer schustern sich gegenseitig die besten Punkte zu und somit dominieren diese zumindest die vorderen Plätze, auch wenn nicht jedes Jahr ein osteuropäisches Land "gewinnt".

    Wer aber fast nie "gewinnt" sind jene Länder die, das behaupte ich jetzt einfach mal, die größte, lebendigste und interessanteste Musikszene in Europa haben, Italien, Deutschland, Frankreich und insbesondere Großbritannien. Alleine was Großbritannien an Popmusik aufzubieten hat.. jeder Wettbewerb der die Briten immer nur die hinteren Ränge wählt ist für mich von vorneherein nicht ernstzunehmen.

    Damit gebe ich Ihnen Recht, aber leider ist ihr empfohlener Tim Bendzko eine ebensolche Kopie. Ich dachte gestern, da singt Xavier Naidoo. Selbst sein stage acting, bis hin zum Gesichtsausdruck...alles Xavier Naidoo nachgeäffe.

    Aber vielleicht haben sie recht, und man kennt Naidoo in Europa noch nicht so.

    • 42317
    • 20. Mai 2013 17:14 Uhr

    Ich hörte "Glorious" vor einigen Wochen im Radio und mir war gleich klar, dass niemand so dämlich sein konnte, den Song von Cascada NICHT als "Euphoria"-Klon zu erkennen. Was haben sich die Leute
    gedacht, die Cascada mit diesem Stück ins Rennen schickten???

    Anmerkung: Bitte achten Sie auf Ihren Ausdruck. Danke, die Redaktion/se

    • tulips
    • 19. Mai 2013 9:27 Uhr

    Die Veranstaltung heißt nicht European Song Contest, sondern Eurovision Song Contest, was übrigens auch die Teilnahme von Israel erklärt und auf der FAQ-Seite von eurovision.de nachzulesen ist. Schade, dass das nicht getan wurde.

    via ZEIT ONLINE plus App

    10 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Liebe User tulips,
    Sie haben Recht. Das ist wohl beim nächtlichen Schreiben hineingerutscht. Danke für den Hinweis.
    Gruß
    K. Haake

    Redaktion

    Hallo tulips, Danke für den Hinweis, das haben wir korrigiert.

    Viele Grüße, ZEIT ONLINE

  3. kam der gute pfarrer nicht aus herborn?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • akrio
    • 20. Mai 2013 1:46 Uhr

    ....wohl. Das könnte der Schreiber des Artikels auch noch korrigieren.

    • Mari o
    • 19. Mai 2013 9:39 Uhr

    Auch wenn ich mich jetzt bis auf die Knochen blamiere,
    Der alte Europäer mag junge Dinger,egal was die trällern.
    Da ist klar ein Trend erkennbar.Sucht so´n süßes junges Blut und schickt sie
    zum nächsten ESC und fertig.

    17 Leserempfehlungen
  4. Es ging um die Musik? Ok, wenn man auf den üblichen, langweiligen Euro-Pop steht, kann man sagen: Ja um den ging es. Es gab nichts wirklich besonderes oder besonders witziges, außer vielleicht der Kuss der beiden Frauen nach einem Lied über Heiratsanträge. Das war überraschend für mich. Der Rest hat mich gelangweilt. Wo sind die witzigen und subtilen Beiträge ala Homes da Luta wie im Jahr 2011? Es war mir diesmal so, wie ich den Eurovision vor Lena kannte: Oberflächlich und verkrampft.

    Endtäuschen. Aber danach hab ich mir die Clips von 2010 und 11 angeguckt und ich konnte trotzdem gut gelaunt ins Bett.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Leider kam das auch net spontan, sonder war einstudiert und im Halbfinale schon mal gezeigt. Aber ich weiß was Sie meinen. Alles flachgebügelter Mainstream. Lässt man die Flaggen und Namen der Interpreten am Anfang weg wäre es meist unmöglich zu erraten woher die Künstler eigentlich kommen.

    • erlau
    • 19. Mai 2013 9:49 Uhr

    ... geschrieben.
    Wer an diesem Abend seine Ohren schonte, erfährt hier mehr als ausreichend.

    via ZEIT ONLINE plus App

    4 Leserempfehlungen
  5. Leider kam das auch net spontan, sonder war einstudiert und im Halbfinale schon mal gezeigt. Aber ich weiß was Sie meinen. Alles flachgebügelter Mainstream. Lässt man die Flaggen und Namen der Interpreten am Anfang weg wäre es meist unmöglich zu erraten woher die Künstler eigentlich kommen.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    nicht gesehen. I der Performance für sich genommen ist es überraschend und wenn man den Hintergrund nicht kennt wäre auch eine Interpretation als Hymne für die Homoehe nicht zu oberflächlich. Da fordert eine Frau das ganze Lied durch geheiratet zu werden, wird von kleinen Bräutigame umtanzt (was sehr witzig is lächerlich für die Kleinen wirkte) und am Ende küsst sie dann eine Frau, der dann wohl das Lied galt anstelle eines Mannes, wie man wohl annimmt in einem Kulturkreis, in dem die Hetero-Ehe Mainstream ist.
    Fand ich super. Und dass das ganze auch komödiantisch wirkte traf genau meinen Geschmack.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Traum oder harte Realität? Beyoncé in ihrem Dokumentarfilm "Life Is But A Dream"

    Die fleißigen Königinnen

    Beyoncé, Lana Del Rey und Taylor Swift sind die erfolgreichsten Popstars unserer Zeit. Sie zeigen uns, was es bedeutet, heute eine Frau zu sein. Wollen wir ihnen glauben?

    • PeterLicht zeigt sich nicht. Nur auf der Bühne sehen die Leute sein Gesicht.

      Tod, ach der Langweiler!

      Leben, Wahrheit, Zukunft, Freiheit, Liebe: Alles beginnt zu schillern. PeterLicht renoviert in seinem Buch und Live-Album "Lob der Realität" die Kapitalismuskritik.

      • Man mag's kaum glauben: Prince Rogers Nelson ist 56 Jahre alt.

        Freiheit allen Körpersäften!

        Nach jahrelangem Unabhängigkeitskampf veröffentlicht Prince gleich zwei Alben beim Warner-Konzern. Wer einmal Popkönig war, gibt sich eben ungern mit weniger zufrieden.

        • Die Inszenierungen des Regisseurs Calixto Bieito sind den Gegnern des Regietheaters ein plastisches Feindbild. Hier eine Szene aus der Händel-Oper "Der Triumph von Zeit und Enttäuschung" 2011 in Stuttgart

          Jeder Rollkoffer bringt uns weiter

          Geht das schon wieder los? Ein Musikwissenschaftler geißelt, was er für Regietheater in der Oper hält. Dabei ist jede noch so moderne Inszenierung besser als Stillstand.

          Service