Sterben? Klar, geschenkt. Schon hart, klar. Müssen wir alle mal, klar. Geht nicht anders. Warum lange um den heißen Brei reden? Sehen uns dann in der Hölle. Subtil oder elegant war und ist an Slayer nichts.

Vier Typen, die auch bei McDrive nach Mitternacht als erschreckend ungepflegt auffallen würden. Garderobe und Benehmen irgendwo jenseits von prollig, geschmacklos und strunzdumm. Das Band-Logo wie mit einem abgebrochenen Messer in die Schulbank geritzt, oder, besser noch: in die Haut, dann etwas zerriebene Asche in die leckenden Wunden. Kein Platz, keine Zeit für Firlefanz. Wer will da noch Verben?  

Vier Typen aus der Zementwüste Huntington Park in Los Angeles, zwischen Central und Compton. Anders als Metallica nie im ICE-Bistro zu hören, so gut wie nie im Radio. Bis heute. Immer krass geblieben, immer extrem. Kompromisslos.

Wer etwas von Musik versteht und Slayer live gesehen – und überlebt – hat, der weiß: stilistisch vielleicht Geschmackssache, jedoch musikalisch, rein technisch und handwerklich auf höchstem Niveau. Präzise und geschliffen wie eine Rasierklinge. Effektiv ins Schwarze. Scharfschützen. Gerade bei einem Sound, gegen den Bulldozer und Fließbandstraßen wie Musik klingen, ist es essenziell, dass ein Ensemble tight spielt, keinen Millimeter daneben. Das ist Slayer sehr früh sehr passgenau gelungen. Man kann nur staunen – oder wie Henry Rollins anmerken: "Wenn dich beim Autofahren die Polizei anhält und bei dir im Auto läuft gerade Slayer, musst du nur den Sound ein wenig höher drehen, das Fenster runter – und damit ist alles klar. Wer das hört, weiß, wie du tickst."

Heavy Metal war gerade soft geworden

Kaum eines der zehn Studioalben ist vierzig Minuten lang. Beim herausragenden dritten Longplayer Reign In Blood von 1986 ist nach einer knappen halben Stunde Sense. Komponiert haben praktisch ausnahmslos die Gitarristen Kerry King und Jeff Hanneman, deren Spiel von Judas Priest beeinflusst wirkt, wobei die Songstrukturen eher den epischeren Linien von Black Sabbath und Iron Maiden folgen. Und dann eben alles viel schneller und krasser.

Eine wichtige Band? Ganz ohne Frage. "Als Slayer anfingen", sagt Phil Alexander, Chefredakteur der englischen Musikzeitschrift Mojo, "waren die Gründungsväter des Heavy Metal soft geworden. Als Gegenreaktion gab es weltweit eine Szene an neuen Underground-Bands, die sich von Punk beeinflusst in einem kaum sichtbaren Netzwerk austauschten. Die schickten sich Tapes, in Fanzines wurden ihre Demos besprochen, und auf Compilations wie Metal Massacre wurden sie veröffentlicht. Der Macher dieser Alben, Brian Slagel von Metal Blade Records, war dabei essenziell. Auf dem ersten Album waren Metallica, auf Metal Massacre III, Seite A, erster Song, Slayer."

So war das, so war der Sound in den kleinen stickigen Kellerklubs 1982. Zwar waren via MTV langhaarige Rocker – mit und trotz von Gitarristen strikt kontrollierten Riffereien – in jedem Haushalt und Friseursalon präsent, aber das, was jenseits von Underground und Kult wucherte, war kaum zu fassen. Speed Metal? Thrash Metal, "thrash" weil auf die Instrumente geprügelt und gedroschen wurde? In jedem Fall extrem. Extrem schnell, extrem hart, extrem abartig. Voll krass. Die deutschen Bands jener Szene hießen Kreator und Sodom aus dem Ruhrgebiet, außerdem Destruction. Dass sich Slayer damit etablieren, dass sie von ihrer Arbeit jemals leben würden, war nahezu undenkbar; dass Metallica Multi-Millionäre werden würden, war ein Gedanke, den auf der ganzen Welt nur einer träumte: deren Schlagzeuger.

"Einer der prägendsten Metal-Gitarristen"

Eins der getippten und dann fotokopierten Fanzines verfasste damals Alex Gernandt, heute Chefredakteur der Bravo. Er erinnert sich an Jeff Hanneman als einen "eher wortkargen Zeitgenossen mit lakonischem Humor". "Er war einer der prägendsten Metal-Gitarristen der letzten 25 Jahre. Von einem lebensgefährlichen Spinnenbiss vor zwei Jahren scheint er sich nie richtig erholt zu haben, dazu kam seine Alkoholsucht. Eine seiner Lieblingsgitarren zierte das grüne Logo von Heineken-Bier, das er durch Hanneman ersetzen ließ."

So wie Gernandt und andere noch heute in der Musikbranche Agierende erhielt auch Uwe Lerch, einer der Gründer von Rock Hard, 1983 sein erstes Slayer-Tape: "Vom Management bekam ich eine Democassette per Brief. Zu diesem Zeitpunkt gab es nichts Härteres und Wilderes in der aufkeimenden Heavy Metal-Szene. Dieser Eindruck verstärkte sich mit den ersten Veröffentlichungen und vor allem Fotos, wo sich Hanneman und Co. standesgemäß mit Ketten, Schädeln, Nietenarmbändern und Grimassen zeigten. Umso überraschter war ich dann bei unserem ersten Treffen im Sommer 1985, dass sich hinter der Fassade extrem sympathische und freundliche Musiker versteckt hatten." Lerch, mittlerweile Programmdirektor der Musikfernsehsenders iM1, fährt fort: "Sein tragischer Tod ist ein Faustschlag in die Gesichter der Achtziger-Generation. Es erinnert einen daran, dass die Party schneller vorbei sein kann…"