Slayer-Gitarrist Jeff HannemanEben alles viel schneller und krasser

Slayer waren immer umstritten. Mit ihrem Gitarristen Jeff Hanneman, der nun verstorben ist, haben sie dennoch bedeutende Musik geschaffen. von Matthias Penzel

Die Band Slayer im Jahr 1988: Dave Lombardo, Kerry King, Jeff Hanneman und Tom Araya (von links)

Die Band Slayer im Jahr 1988: Dave Lombardo, Kerry King, Jeff Hanneman und Tom Araya (von links)  |  © Hulton Archive/Getty Images

Sterben? Klar, geschenkt. Schon hart, klar. Müssen wir alle mal, klar. Geht nicht anders. Warum lange um den heißen Brei reden? Sehen uns dann in der Hölle. Subtil oder elegant war und ist an Slayer nichts.

Vier Typen, die auch bei McDrive nach Mitternacht als erschreckend ungepflegt auffallen würden. Garderobe und Benehmen irgendwo jenseits von prollig, geschmacklos und strunzdumm. Das Band-Logo wie mit einem abgebrochenen Messer in die Schulbank geritzt, oder, besser noch: in die Haut, dann etwas zerriebene Asche in die leckenden Wunden. Kein Platz, keine Zeit für Firlefanz. Wer will da noch Verben?  

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Vier Typen aus der Zementwüste Huntington Park in Los Angeles, zwischen Central und Compton. Anders als Metallica nie im ICE-Bistro zu hören, so gut wie nie im Radio. Bis heute. Immer krass geblieben, immer extrem. Kompromisslos.

Wer etwas von Musik versteht und Slayer live gesehen – und überlebt – hat, der weiß: stilistisch vielleicht Geschmackssache, jedoch musikalisch, rein technisch und handwerklich auf höchstem Niveau. Präzise und geschliffen wie eine Rasierklinge. Effektiv ins Schwarze. Scharfschützen. Gerade bei einem Sound, gegen den Bulldozer und Fließbandstraßen wie Musik klingen, ist es essenziell, dass ein Ensemble tight spielt, keinen Millimeter daneben. Das ist Slayer sehr früh sehr passgenau gelungen. Man kann nur staunen – oder wie Henry Rollins anmerken: "Wenn dich beim Autofahren die Polizei anhält und bei dir im Auto läuft gerade Slayer, musst du nur den Sound ein wenig höher drehen, das Fenster runter – und damit ist alles klar. Wer das hört, weiß, wie du tickst."

Heavy Metal war gerade soft geworden

Kaum eines der zehn Studioalben ist vierzig Minuten lang. Beim herausragenden dritten Longplayer Reign In Blood von 1986 ist nach einer knappen halben Stunde Sense. Komponiert haben praktisch ausnahmslos die Gitarristen Kerry King und Jeff Hanneman, deren Spiel von Judas Priest beeinflusst wirkt, wobei die Songstrukturen eher den epischeren Linien von Black Sabbath und Iron Maiden folgen. Und dann eben alles viel schneller und krasser.

Eine wichtige Band? Ganz ohne Frage. "Als Slayer anfingen", sagt Phil Alexander, Chefredakteur der englischen Musikzeitschrift Mojo, "waren die Gründungsväter des Heavy Metal soft geworden. Als Gegenreaktion gab es weltweit eine Szene an neuen Underground-Bands, die sich von Punk beeinflusst in einem kaum sichtbaren Netzwerk austauschten. Die schickten sich Tapes, in Fanzines wurden ihre Demos besprochen, und auf Compilations wie Metal Massacre wurden sie veröffentlicht. Der Macher dieser Alben, Brian Slagel von Metal Blade Records, war dabei essenziell. Auf dem ersten Album waren Metallica, auf Metal Massacre III, Seite A, erster Song, Slayer."

So war das, so war der Sound in den kleinen stickigen Kellerklubs 1982. Zwar waren via MTV langhaarige Rocker – mit und trotz von Gitarristen strikt kontrollierten Riffereien – in jedem Haushalt und Friseursalon präsent, aber das, was jenseits von Underground und Kult wucherte, war kaum zu fassen. Speed Metal? Thrash Metal, "thrash" weil auf die Instrumente geprügelt und gedroschen wurde? In jedem Fall extrem. Extrem schnell, extrem hart, extrem abartig. Voll krass. Die deutschen Bands jener Szene hießen Kreator und Sodom aus dem Ruhrgebiet, außerdem Destruction. Dass sich Slayer damit etablieren, dass sie von ihrer Arbeit jemals leben würden, war nahezu undenkbar; dass Metallica Multi-Millionäre werden würden, war ein Gedanke, den auf der ganzen Welt nur einer träumte: deren Schlagzeuger.

"Einer der prägendsten Metal-Gitarristen"

Eins der getippten und dann fotokopierten Fanzines verfasste damals Alex Gernandt, heute Chefredakteur der Bravo. Er erinnert sich an Jeff Hanneman als einen "eher wortkargen Zeitgenossen mit lakonischem Humor". "Er war einer der prägendsten Metal-Gitarristen der letzten 25 Jahre. Von einem lebensgefährlichen Spinnenbiss vor zwei Jahren scheint er sich nie richtig erholt zu haben, dazu kam seine Alkoholsucht. Eine seiner Lieblingsgitarren zierte das grüne Logo von Heineken-Bier, das er durch Hanneman ersetzen ließ."

So wie Gernandt und andere noch heute in der Musikbranche Agierende erhielt auch Uwe Lerch, einer der Gründer von Rock Hard, 1983 sein erstes Slayer-Tape: "Vom Management bekam ich eine Democassette per Brief. Zu diesem Zeitpunkt gab es nichts Härteres und Wilderes in der aufkeimenden Heavy Metal-Szene. Dieser Eindruck verstärkte sich mit den ersten Veröffentlichungen und vor allem Fotos, wo sich Hanneman und Co. standesgemäß mit Ketten, Schädeln, Nietenarmbändern und Grimassen zeigten. Umso überraschter war ich dann bei unserem ersten Treffen im Sommer 1985, dass sich hinter der Fassade extrem sympathische und freundliche Musiker versteckt hatten." Lerch, mittlerweile Programmdirektor der Musikfernsehsenders iM1, fährt fort: "Sein tragischer Tod ist ein Faustschlag in die Gesichter der Achtziger-Generation. Es erinnert einen daran, dass die Party schneller vorbei sein kann…"

Leserkommentare
  1. ...sind sie gewesen, obwohl es nach "Divine Intervention" im Grunde nichts mehr zu sagen gab. Die Nazi-Diskussion ist hysterisch, überschätzt Slayer als Musik-Demagogen und ist somit typisch Deutsch. Slayer gehören zur Familie.
    Rest in Pieces.

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  2. und hat mich begleitet und geprägt.
    danke für die schöne zeit
    rest in pease

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  3. Einen Nachruf für einen verstorbenen Slayer Musiker auf Zeit Online? Ich hätte meine Oma dagegen verwettet... Aber einen so ehrlichen und anerkennenden Nekrolog - um es mal mit Slayers Worten zu sagen - hätte ich nie erwartet.
    Danke Matthias Penzel, Danke Slayer

    2 Leserempfehlungen
  4. Sadistic, surgeon of demise
    Sadist of the noblest blood
    Destroying, without mercy
    To benefit the aryan race

    Ich würde sagen, da steckt schon eine Wertung drin. Wollte man das verherrlichen, würde man ja Mengele nicht als Sadisten bezeichnen.

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  5. 5. R.I.P.

    REST IN PEACE, nicht PEASE oder PIECES, wobei nach einiger Zeit PIECES sicherlich trefflich waere ...

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    Ein dickes Danke von meinem Kleinhirn, dem limbischen System, den Gänsen unter der Haut und die Schweißdrüsen darüber; von meinem Kreislauf, dem Nervenkostüm und allen anderen die mich ausmachen!
    Rest And Please

  6. Es gibt eine nette Anekdote zu Reign In Blood, ich glaube bei Wikipedia steht sie auch: anfangs waren Slayer noch im Zweifel, ob für Reign In Blood doch tatsächlich dieses eher künstlerisch angehauchte Cover benutzen sollten. Daraufhin zeigte eines der Bandmitglieder es seiner Mutter, die fand es scheusslich, also benutzten sie es.
    Ich weiß nicht, ob der durchschnittliche Indie Pop Fan den Witz daran versteht. Aber für mich als 13jährigen Teenager, der gerne seine Schulhefte voller Totenschädel malte und seine Mutter davon zu überzeugen versuchte, daß lange Haare und zerrissene Hosen cool sind, waren Slayer die Offenbarung schlechthin. Alles, was krass ist. Alles auf 100 Prozent. Und auch heute, wo ich nun schon mehr als doppelt so alt bin, stoße ich beim Hören meiner Slayer Alben auf eine bizarre amusikalische Schönheit, reine Energie, Riffs, die dafür geschrieben sind, wie Presslufthämmer Wände zu zertrümmen, Soli, die in ihrer Atonalität eigentlich fast avantgardistisch anmuten. Und ich denke bei mir: aus dem gleichen Grund sind vielleicht gotische Kathedralen voller surrealer Monster und Gebeine, und afrikanische Voodoopriester tanzen mit Knochen behangen um Feuer... weil irgendwo hinter dem Alltag immer Wahnsinn und Vernichtung wohnen, Dinge, die wir ahnen, aber doch nicht fassen können, nur letztlich irgendwie verarbeiten, aufnehmen, transformieren.
    Und dazu kann man dann auch noch verdammt gut headbangen.

    4 Leserempfehlungen
  7. Nicht das mich der Tod von Hanneman nicht berührt hätte, aber Slayer sind wie damit auch Hanneman einfach überwertet. Was stimmt ist, dass sie geilen kompromisslosen Krach fabriziert haben. Aber Slayer mit "musikalisch, rein technisch und handwerklich auf höchstem Niveau" und "tight" zu bezeichnen ist schlichweg falsch. Natürlich wird Hanneman nach seinem Tod jetzt mehr als nötig in den Himmel gelobt, weil er mal als einer "der prägendsten Metal-Gitarristen der letzten 25 Jahre" bezeichnet wurde.

    Man höre sich alleine schon den Anfang von Angel of Death auf der Studioversion an. Das ist einfach schlecht gespielt, unsauber und nicht auf dem Punkt. Slayer ist das natürlich egal und für ihre Musik muss es nicht technisch sitzen. Ganz zu schweigen von den atonalen Krachsolos beider Gitarristen, sich sich tonal nirgendwo und erst Recht nicht in den Tonarten der Stücke eingliedern. (Die meistens auch nur chromatisch sind)

    Gute Musik muss nicht direkt "technisch anspruchsvoll, tight und briliant" sein. Dagegen zu argumentieren Musik sei ja Geschackssache halte ich auch für falsch, da Aspekte wie Tightness, Virtuosität und technischer Anspruch sehr wohl objektiv beurteilt werden können.

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    Sorry, "überbewertet" - okay. Das liegt im Auge des Betrachters. Aber Slayer waren durchaus eine technisch extrem anspruchsvolle Band. Beginnend bei Dave Lombardo, der nicht umsonst als einer der besten Metal-Drummer gilt. Über die Songstrukturen und die Riffs. An den Soli mag man sich stoßen, die sind sicher nicht so sauber und geleckt wie das was Mustaine spielt.

    Slayer live waren immer perfekt und auf den Punkt. Und da muss man sagen: Das erfordert große Handwerkskunst. Klar, die Demos waren dirty. Die Rubin Produktionen (wie immer) plakativ und sauber. Live waren sie eine Macht. Ja, es gab bessere Gitarristen als Hanneman. Aber sie waren als Gesamtkonzept virtuos.

    … und böse. Shit. Die blieben immer böse.

  8. 8. R.A.P.

    Ein dickes Danke von meinem Kleinhirn, dem limbischen System, den Gänsen unter der Haut und die Schweißdrüsen darüber; von meinem Kreislauf, dem Nervenkostüm und allen anderen die mich ausmachen!
    Rest And Please

    Antwort auf "R.I.P."

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  • Schlagworte Album | Metallica | Rick Rubin | USA
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