Neuer DeutschrapDie jungen Milden

Deutschlands neue Rapper kommen nicht vom Rand der Gesellschaft, sondern aus ihrer gutbürgerlichen Mitte: Maxim, OK Kid oder Prinz Pi sind die Stimmen ihrer Generation. von 

Der 31-jährige Rapper Maxim weiß, was eine Metapher ist.

Der 31-jährige Rapper Maxim weiß, was eine Metapher ist.  |  © Heiko Landkammer

Es geht sofort los mit der Jammerei. Neues Album, erster Song, erste Zeile: "Es sind nicht viele, die sich zusammen gefunden haben", heult Maxim mit schlürfender Stimme, "hier, wo wir unsere Generation begraben". Die Generation, die gerade in die Grube fährt, seine eigene Generation, so geht das Klagelied weiter, "kriegt nicht mal einen Namen". Ach, Gottchen.

Allerdings muss man Maxim und vor allem seinem neuen Album Staub zugute halten, dass erstens all das nicht so ernst gemeint ist und Selbstironie durchaus ein Stilmittel ist, das der 31-Jährige Bonner beherrscht. Und zweitens stimmt es ja auch: All die sogenannten Generationen, die Golf, X oder auch Y hießen, wirkten zwar auch ziemlich verloren, aber hatten – statt einer Agenda, Botschaft oder zumindest einem Anliegen – sich immerhin noch einen Namen zugelegt.

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Nun aber, mit Maxim, hat diese Generation wenigstens schon mal eine Stimme, der man, so geschliffen ist die Sprache, so elegant die Reime, so entspannt, aber niemals langweilig sind die Beats, gerne zuhören mag. Dabei setzt sich der ehemalige Reggae-Sänger bewusst zwischen die Genres, als wollte er die Unentschiedenheit und Richtungslosigkeit seiner Altersgenossen auch musikalisch reflektieren: Halb rappt er, halb singt er, und vom Reggae ist nur mehr das Gespür für einen watteweichen Vortrag geblieben.


Der passt gut zum meist melancholischen Grundton der Texte. Immer wieder erzählen sie von einem seltsam halbseidenen Scheitern, das sich nicht einmal zu dramatischer Grandezza aufschwingen mag. Als Stellvertreter begibt sich Maxim auf die Suche nach einem Lebenszweck, aber stellt in Pfennig ohne Glück nur fest: "Ich bin ein Segel ohne Wind, ich ergebe keinen Sinn." In einem anderen Lied wünscht er sich, "ein bisschen glücklicher" zu sein oder, weil das die Sache fast ebenso erträglich macht, "wenigstens ein bisschen dümmer". Hebt er den Blick vom eigenen Bauchnabel aufs große Ganze, stellt er zwar fest, "am Ende ist alles so schön sinnlos", aber eben auch: "Das ist schon okay." Was diese resignative Haltung erträglich macht – neben der wirklich gelungenen musikalischen Umsetzung – ist die Distanz, die Maxim zu den eigenen Luxusproblemen wahrt. "Es tut mir selbst schon leid, mein verdammtes Selbstmitleid", gibt er zu in der grandiosen Bestandsaufnahme Hier, aber weiß eben auch augenzwinkernd: "Meine Zweifel und ich sind ein traumhaftes Paar".

Maxims Brüder im Geiste

Diesen Zweifeln und damit einer demographischen Gruppe eine Stimme zu geben, damit ist Maxim allerdings nicht allein. Andere, die ähnliches versuchen, nennen sich OK Kid, Muso, Gerard oder Prinz Pi. OK Kid haben sich in Gießen gefunden, leben mittlerweile in Köln und geben ganz offiziell – entgegen bisheriger Gepflogenheiten im Rap-Business – im Pressetext zu, "behütet in einer Kleinstadt" aufgewachsen zu sein. Das Trio, das sich nach zwei Alben der Miese-Laune-Großmeister Radiohead benannt hat, beklagt ähnlich wie Maxim die Vereinsamung unter Markenkopfhörern: "Du bist allein, zu zweit, zu dritt, zu viert, zu fünft, zusammen, doch Du hörst sie nicht mehr".


Bereits sehr erfolgreich ist Prinz Pi, der sich vom jugendlichen Rüpel-Rapper, der unter dem Namen Prinz Porno firmierte, zum nachdenklichen Grübler gewandelt hat. "Ich bin ein Nichts, ich suche meinen Sinn", rappt er auf seinem aktuellen, bereits 15. Album Kompass ohne Norden und kommt zu dem Schluss: "Ich weiß nicht, wer ich bin." Auf der Suche nach sich selbst forscht er in Schulzeit, Zivildienst und Studium, stößt auf Mensaessen und Facebook, die erste große Liebe und den ersten Job, den Retrowahn und schließlich sogar auf "den Geist unserer Zeit". Ganz der alte Rap-Angeber ist Prinz Pi nur, wenn er Bob Dylan als Orientierungspunkt für die eigenen Reime angibt, aber trotzdem füllt der geläuterte Porno-Rapper mittlerweile regelmäßig die mittelgroßen Hallen und zählt fünfstellige Verkaufszahlen seiner Alben.

Leserkommentare
  1. Prinz Pi rappt bereits länger als die meisten der "Gangsta-Rapper mit meist migrantischem Hintergrund". Und zwar genau die gleichen Texte wie heute. Genauso wie dutzende andere Rapper, die nur nicht so im Rampenlicht der Medien stehen wie ihre "bösen" Kollegen.

    Conscious Rap gibt es in Deutschland schon seit Ewigkeiten, ebenso Rapper mit Abitur, Studium und jeder Menge Weltschmerz.
    Das Schöne an diesem Genre ist doch gerade die Vielfalt, von technisch hochwertigen Rumgeprolle über fleischverherrlichenden Spaßrap bis hin zu moralisch hochwertigen Botschaften ist alles dabei. Ritualmord, Frauenfeindlichkeit, Liebe, Klimawandel, Drogenprobleme, Verschwörungstheorien, Freiheit, der Sinn des Lebens und der Verfall der Gesellschaft sind nur einige der Themen die in den Rapsongs auf meinem iPod behandelt werden.
    Nur weil die meisten Rapkünstler einer breiteren Öffentlichkeit bis dato unbekannt waren bzw. immer noch sind, bedeutet das nicht, dass sich jetzt eine "neue" Art von Deutschrap entwickeln würde.

    PS: Das neue Album von Prinz Pi ist trotzdem das, was man im Rap als 'whack' bezeichnen würde.

    11 Leserempfehlungen
  2. ,aber rappen tut er ganz sicher er nicht.
    Und noch weniger kann man dieses rumgesülze als Sprachrohr meiner Generation hochstilisieren. Die Undifferenziertheit, mit der sich gerade die bürgerlichen Medien immer wieder über die junge Generation auslassen, ist kaum zu ertragen und nicht im geringsten nachzuvollziehen.

    6 Leserempfehlungen
  3. Habe bisher selten einen so schlechten und uninformierten Beitrag in der Zeit gelesen. Die hier darstellten Künstler gehören nahezu alle (von Prinz Pi mal abgesehen) ins Genre Indie-Pop. Und genauso hört sich der Kommerzmüll mit pseudointellektuellem Anstrich eben auch an.
    Musik aus "dem gubürgerlichen Herzen", so ein Unsinn. Dann fehlt hier noch Massiv, schliesslich kommt auch dieser aus gutbürglichem Haushalt in Rheinland-Pfalz.
    "Geläuterter Porno Rapper Prinz Pi"; das kann doch echt nicht ihr ernst sein...
    Wie wenig kann man sich denn mit dem Thema auskennen, über das man schreibt.

    Der Rest der zu sagen ist, steht in Kommentar 1 und 2.

    Wenn es nichts zu schreiben gibt im Bereich Musik, dann rezensieren sie doch ein neues Album, anstatt sich hier irgendeinen sinnfreien quatsch auszudenken; der ganze Artikel wirkt wie eine Neuauflage der Artikel über die neue Sensibilität junger Männer vor geraumer Zeit.

    4 Leserempfehlungen
    • NoRap
    • 30. Mai 2013 15:25 Uhr

    Ich bin auch 31 wie Maxim aber er ist sicher nicht Sprecher "meiner" Generation.

    Zielgruppe sind eher Teens, die auf softe Musik mit belanglosen Texten stehen.

    Irgendwie nehme ich den ganzen "Kuschelrappern" ihre Show nicht ab, es klingt immer so als ob sie die Texte absichtlich allseits gefällig halten.

    3 Leserempfehlungen
    • xyks
    • 30. Mai 2013 15:44 Uhr

    Will nicht sagen, dass es schlechte Musik ist, aber Rap oder Hip Hop ist das sicher nicht...

    Was die Musik angeht so fehlt klar die "Hook". Das immer wiederkehrende Element dass den Beat charakterisiert.
    Noch viel wichtiger ist aber das Maxim 0 flowt. Der Flow macht neben den Lyrics den Künstler aus:Wie werden die Reime ausgesprochen? Was ist der Sprachryhtmus und die Sprachgescwhwindigkeit? Wie gut passen die Reime aufeinander?

    Maxim rappt nicht, er singt...

    Hinzu kommt noch das Hip Hop meiner Meinung nach ein urbanes Phänomen ist und dementsprechend die Ausdrucksweise des Hip Hops stark seine Kultur ausmacht. Die ist auch nicht vertreten...
    Jetzt will ich nicht sagen, dass er sich auf "Bitches", "BlingBling" und dicke Karren fokussieren soll, aber die Sprache die Hip Hop ausmacht, also seine Kultur, fühle ich bei Maxim nicht.

    Bin selber großer Conscious Rap Fan, muss aber sagen dass es meiner Meinung nach nur Freundeskreis auf Deutsch geschafft hat das wirklich lange gut umzusetzen (ja gibt natürlich vereinzelt auch geile deutsche Conscious Rap Lieder anderer deutscher Vertreter, aber die sind eher Ausnahmen). Da sind die Amis im Allgemeinen mit Lupe, Kendrick , Talib und Mos Def einfach unantastbar...

    Nochmal, will nicht sagen dass es schlechte Musik ist (wenn auch nicht unbedingt mein Fall), Hip Hop oder Rap ist es aber sicherlich nicht...

    2 Leserempfehlungen
  4. Die Texte mögen ja ganz nett sein, aber musikalisch würde ich das dann doch nicht als so hochwertig einschätzen.

    Der Gangsta-Rap ist eben wie der Name das schon sagt, rauer, derber und in Deutschland sind die allermeisten Gangsta-Rapper musikalisch-stimmlich genauso übel wie die hier genannten Rapper.

    Die einzig relevante und wirklich gute Rap-Szene kommt aus Hamburg. Fettes Brot & Co.

    http://www.fettesbrot.de/...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • xyks
    • 30. Mai 2013 16:00 Uhr

    Stimme ja zu das aus Hamburg guter HipHop kam/kommt. Aber doch eher in Form von Sammy, den Beginnern und Co. Fettes Brot hat meiner Meinung nach nur ganz vereinzelt Lieder (z.B. "An Tagen wie Diesen"), die man überhaupt als Hip Hop einstufen könnte.

    ...ah ja. Das ist schlicht und ergreifend falsch.

    • xyks
    • 30. Mai 2013 16:00 Uhr

    Stimme ja zu das aus Hamburg guter HipHop kam/kommt. Aber doch eher in Form von Sammy, den Beginnern und Co. Fettes Brot hat meiner Meinung nach nur ganz vereinzelt Lieder (z.B. "An Tagen wie Diesen"), die man überhaupt als Hip Hop einstufen könnte.

    Antwort auf "Schlechte Musik"
  5. Das, was da über Maxim steht, liest sich eher nach totaler Langweilermusik. Muso hingegen kann man immerhin zugute halten, dass seine Texte etwas abstrakter, surrealer, wirklich noch Wortkunst sind, die Atmosphäre beschwört und einem etwas zum Nachdenken mitgibt, und sei es nur der Versuch, sie zu enträtseln oder sich eben seinen eigenen Reim darauf zu machen. Prinz Pi passt eigentlich noch weniger rein, auch wenn der jetzt neuerdings einen auf besinnlich macht. Der will auch überhaupt nicht Sprachrohr einer Generation sein. Clueso, naja, den mag man mit Maxim vergleichen. Das mit dem Generationensprachrohr ist eh Schwachfug hoch zehn. Es gibt genauso Leute, die sich in der Musik eher von Deichkind, Ticktickboom, Blumio oder sonstwem vertreten fühlen, oder eben gleich ihr eigenes Ding machen. Und auch ein Haftbefehl, Bushido oder Azad hat deswegen noch längst nicht weniger Fans, bloß weil ein Clueso, Muso oder Maxim chartet - um jetzt mal bei den "Oberflächenphänomen" der im Mainstream populären Acts zu bleiben. Eine Szene auf die jeweilige Charts- oder Pop-Spitze des Eisbergs zu reduzieren und da dann gottweißwas reinzuinterpretieren, das an Tradtion, Basis, Vielfalt und aktuellen Strömungen im Untergrund bzw. dem, was von Leuten, die seit Jahren dabei sind ernstgenommen wird, völlig vorbeigeht, war schon immer einer der größten Journalistenfehler. Und hier bestätigt sich dieses Klischee einmal mehr... Es ist ja ok, über Hip-Hop-Pop zu berichten, doch bitte nicht so flach.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Album | Clueso | Generation | Hip-Hop
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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